| Zufall mit Zukunft: Seit kurzem besitzt die RUB ein neues Teleskop in Chile - größer, besser, preiswert. Prof. Dr. Rolf Chini (Lehrstuhl für Astrophysik) erzählt, wie es dazu kam. | | RUBENS: Seit wann beteiligt sich die RUB an einem Observatorium in Chile? |
| CHINI: Das Astronomische Institut hat seit 30 Jahren ein 60-Zentimeter-Teleskop auf der Europäischen Südsternwarte La Silla. Daran hatte natürlich der Zahn der Zeit genagt. Wir haben uns gefragt, ob wir es modernisieren oder ein neues kaufen sollen. Dann kam uns der Zufall zu Hilfe, und jetzt haben wir ein neues, größeres Teleskop. |
| RUBENS: Inwiefern Zufall? |
| CHINI: Im Norden von Chile, wo die Europäer gerade ein neues Observatorium aufbauen - das größte der Welt, das VLT (Very Large Telescope) -, hat ein Privatmann ein 87-Zentimeter-Teleskop errichtet, zusammen mit einem Kollegen. Sie wollten es privat nutzen. Vor kurzem ist der eine gestorben, und der andere konnte sich den Unterhalt nicht leisten. Er hat es der Uni Antofagasta angeboten, der dieser Berg gehört. Die hatte auch kein Geld. Ich war damals zufällig dort und sah die Chance, günstig an ein neues Teleskop zu kommen. |
| RUBENS: Aus welchen Mitteln haben Sie das finanziert? |
| CHINI: Die RUB hatte unserer Fakultät vor einigen Jahren einen gewissen Betrag zur Verfügung gestellt, eins Komma X Million, ich weiß nicht genau. Davon wurden einzelne Lehrstühle schon bedient, die Astronomie hatte jedoch noch nichts bekommen. Also habe ich gefragt, ob wir aus diesem Topf die Mittel erhalten. |
| RUBENS: Wie teuer war es denn? |
| CHINI: 200.000 DM. Das ist viel Geld, aber allein das Teleskop würde hier eine halbe Million kosten. Außerdem hat uns der Privatmann ein Gebäude auf dem Berg überlassen, mit drehbarer Kuppel. Insgesamt wären wir mit 600.000 DM dabei gewesen: für das Teleskop, den Transport und ein Gebäude, das wir hätten bauen müssen. Daß wir alles für ein Drittel bekommen haben, kann man durchaus als Schnäppchen bezeichnen. |
| RUBENS: Welche Vorteile haben der neue Standort und die neue Ausrüstung für Sie? |
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| (Kein) astronomischer Imperialismus |
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| CHINI: Der Platz ist einer der besten der Welt für Astronomen, hier gibt es etwa 350 klare Nächte - im Gegensatz zu 250 auf La Silla. Man kann praktisch das ganze Jahr lang Beobachtungen durchführen. Mit der Uni vor Ort haben wir ein Abkommen geschlossen: die Chilenen stellen die Infrastruktur, Straßen, Wohncontainer, wir stellen das Teleskop. Beide Hochschulen teilen sich die Beobachtungszeit 50 zu 50. Geplant ist, daß vor allem Doktoranden Daten für ihre Dissertation sammeln. An anderen Observatorien muß man Zeiten beantragen, die Teleskope sind aber stark überbucht. Es kam schon vor, daß ein Doktorand ein Jahr lang warten mußte. Das können wir mit dem neuen Teleskop verhindern. |
| RUBENS: Arbeiten Sie weiterhin mit dem alten Teleskop? |
| CHINI: Nein, das werden wir stillegen oder verkaufen. Bisher ist es so, daß die RUB sich für jede Nutzung des Teleskops, auch durch Auswärtige, beteiligen muß - pro Tag fallen etwa 200 DM an, quasi als Standmiete. Das wurde mit der ESO (European Southern Observatory) vereinbart. Das können wir uns nicht mehr leisten. Das neue Teleskop nutzen wir zum Selbstkostenpreis, d. h., langfristig werden wir dadurch sparen. |
| RUBENS: Wie soll die Zusammenarbeit mit den Chilenen aussehen? |
| CHINI: Dort gibt es noch keinen Astronomiestudiengang, sondern nur einen Professor, der an der RUB promoviert hat. De facto gehört uns das Teleskop also das ganze Jahr. Dazu kommt noch die Regelung in Chile, daß zehn Prozent der Zeit an Teleskopen den Chilenen zur Verfügung stehen muß. Jetzt entsteht 20 Kilometer von unserem Berg entfernt, wie gesagt, das größte Teleskop der Welt, und dort hätte dieser Professor eben jene zehn Prozent Anteil an der Nutzungszeit. Da er aber keine Studenten hat, hoffe ich, über diese Schiene zusätzliche Zeit für unsere Studierenden dort herauszuholen. Die Zusammenarbeit bringt also viele Vorteile für uns. Andererseits sind die Chilenen stolz darauf, erstmals an einem Teleskop beteiligt zu sein, wenn auch vorerst nur auf dem Papier. Die Zeitungen dort haben den Europäern und Amerikanern oft "astronomischen Imperialismus" vorgeworfen, aber über unsere Zusammenarbeit berichten sie mit dem Tenor: das erste chilenische Observatorium! |
| Die Fragen stellte Jens Wylkop |
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