| "Wasser tut's freilich, höher steht jedoch die Luft und am höchsten das Licht", so der Schweizer A. Rikli, der 1855 die erste Sonnenbadeanstalt der Welt eröffnet hatte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten Sanatoriumsärzte die beliebten "Luft- und Sonnenkuren". Während man sich in Frankreich mit diesen Lehren unter dem Stichwort "Heliotherapie" naturwissenschaftlich beschäftigte, wurde in Deutschland derartigen Therapieformen die Anerkennung lange versagt. Die erste Dissertation zum Thema (1898) erntete zunächst nur Spott: "Nur Hühner baden in der Sonne", hieß es aus der Ärzteschaft. Doch änderte sich diese Einstellung innerhalb weniger Jahre. Im Zuge der (Lebens-) Reformbewegung um die Jahrhundertwende entstanden auch zahlreiche Institutionen und Verbände, die sich medizinischen Theorien widmeten. Neben den noch heute bekannten Kneippschen Wasserkuren oder der Behandlung mit Heilerde galt dem Licht besondere Aufmerksamkeit. Im Rahmen eines zivilisationskritischen Ansatzes wurden denjenigen, die sich nicht einem "natürlichen" Leben hingeben konnten, Alternativen anempfohlen, die ein Teil der Natur in die Städte und Häuser brachte: Bestrahlungslampen etwa, deren Wirkkraft weit höher sei, "als das Sonnenlicht in den Alpen". | | |
| Moderner Elektrokamm |
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| Daneben hielt zu dieser Zeit eine weitere "Urkraft" Einzug in die medizinische Praxis. In Form von Galvanisation und Faradisation wurde die Elektromedizin zur umfangreichen Therapieform entwickelt. "Benutzen Sie die wunderbare Naturkraft Elektrizität", hieß es; und unter der Losung "Elektrisiere dich selbst!" wurden jedem potentiellen Patienten zahllose Apparaturen angeboten, vom Bestrahlungs- und Massagegerät bis zum Elektro-Haarkamm, dem Inbegriff der "modernen Haar- und Nervenpflege". |
| Nach dem Ersten Weltkrieg kamen dann verstärkt die Geräte zur "Hochfrequenz-Therapie" auf den Markt, die die unterschiedlichen Ansätze bündelten. Hochfrequente elektrische Strahlen erzeugen Widerstandswärme im Körper, ohne Reizwirkung auf Nerven und Muskeln auszuüben. Die verbesserte arterielle Durchblutung als Folge der Erwärmung konnte zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Daneben verfügten die Konstruktionen, so die zeitgenössischen Broschüren, noch über eine Reihe weiterer Effekte. Die aufzusteckenden Glas- oder Quarzelektroden (in unterschiedlicher Ausformung entsprechend der jeweiligen Einsatzgebiete/Körperregionen) erzeugten wahlweise blaues, rotes oder (ultra-)violettes Licht. Daher konnte man sich mit deren Hilfe die "heilende Kraft der Farben" zunutze machen. Neben der Bestrahlung, der Massage oder Inhalation dienten die Geräte nicht zuletzt der "Befunkung": die Elektrode erzeugt Ozon, welches in den Körper eindringt und das Blut auffrischt. Man nutzte also, so das Diktum der Hersteller, gleichsam in mehrfacher Weise natürliche Heilquellen: Licht (bzw. Farbe als dessen "Aspekte"), Wärme, Elektrizität. Zudem suggerierten die Geräte in ihren wohlfeilen Koffern den neuesten Stand der Technik und waren dennoch "absolut ungefährlich" und "kinderleicht" zu bedienen. Letztlich waren die Einsatzgebiete dieser Apparaturen grenzenlos. Sie wurden gegen Ausschläge, Erkältung oder Schmerzen ebenso eingesetzt wie bei Zuckerkrankheit, Epilepsie oder Tuberkulose. Ihre Blütezeit erlebten diese medizinischen Wunderwaffen in der Zeit zwischen den Weltkriegen, wo sie unter so ausdrucksstarken Namen wie "Radiolux", "Energozon" oder "Helio-Lux" angeboten wurden. |
| Michael Martin |
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