| ”Du reagierst genau so sensibel wie Dein Vater“, eine Behauptung, die Frauen und Mädchen in der Diskussion oft nachklingt. Falls es zutrifft, könnte es etwas mit Genetik zu tun haben, oder sind soziale Interaktionen bzw. Kompetenz reine Erziehungssache? Zur Beantwortung der Frage, ob Sozialverhalten angeborene Komponenten hat, oder ob es Familien- bzw. Umwelt-geprägt ist, eignen sich „Experimente der Natur“, eineiige Zwillinge mit identischem Erbgut. In verschiedenen Familien (Umweltbedingungen) aufgezogen, sind unterschiedliche soziale Verhaltensweisen bei erbgleichen Individuen den äußeren Einflüssen zuzuordnen. Am Menschen kann in diesem Zusammenhang natürlich nicht experimentiert, sondern nur beobachtet und ausgewertet werden. Wissenschaftlich sauber geplante, experimentelle Verhaltensgenetik wurde hauptsächlich in der Zoologie studiert. Untersuchungen in Insektenstaaten liefern inzwischen erste Grundlagen zum Verständnis, wie sich niedere Tiere, z. B. Termiten, sozial organisieren. Aggressive Handlungen zwischen einzelnen Termitenkolonien werden demnach nicht durch Umweltfaktoren hervorgerufen, sie sind genetisch determiniert. Nestgenossen erkennen sich, weil sie untereinander größere genetische Ähnlichkeit besitzen, als mit Bewohnern fremder Kolonien. Diese Ähnlichkeit wird mit dem genetischen Fingerabdruck-Verfahren erfaßt. | | Tiermodelle allerdings lassen für die Verhältnisse beim Menschen nur sehr begrenzte Analogieschlüsse zu. Dennoch findet man in der Tierwelt bemerkenswerte Untersuchungsgegenstände in mannigfaltigen Sozialstrukturen vor. Welche Ziele verfolgen z.B. Kohlmeisen-Weibchen, wenn sie ihrem Paarpartner untreu werden und - vermenschlicht ausgedrückt - fremdgehen? Wie ist in diesem Zusammenhang die Reaktion der „betrogenen“ Männchen zu interpretieren, die sich in der Folge in ihrem Brutpflege-Aufwand und der Nestverteidigung für die Stiefkinder zurückhalten? Simple Rache erscheint nicht ohne weiteres möglich, eher schon eine über große Zeiträume ausgefeilte Strategie der Entwicklungsgeschichte. Investitionen in Junge von fremden Vätern vermindern die Chancen des eigenen Nachwuchses. |
| Auch bei Primaten (Herrentieren, zu denen der Mensch zu rechnen ist) studiert man das Sozial- und Fortpflanzungsverhalten, ohne die in Gruppen frei lebenden Tiere zu stören. Beispielsweise wurden die Abstammungsverhältnisse bei Schlankaffen (Languren, Nepal) erfaßt. Die Mutter/Kind-Beziehung ist durch das Säugen klar, die Vaterschaft wird aus dem Kot der jahrelang beobachteten Tiere mit DNA-Tests bestimmt. Nicht immer sind die in der Gruppe dominierenden Männchen tatsächlich die biologischen Erzeuger des Nachwuchses. Auch bei den im Rudel lebenden Rhesusaffen konnten die Verwandtschaftsverhältnisse ermittelt werden: Der soziale Rang des Männchens hat demnach wesentlichen Einfluß auf die Anzahl seiner Nachkommen. |
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| Inaktives „Sozial-Gen“ |
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| In der vergleichenden Verhaltensforschung bleibt zu ergründen, welche sozialen Interaktionen des Menschen ihre Wurzeln in der evolutionären Vergangenheit haben bzw. welche ausschließlich von der extremen Entwicklung des Gehirns abhängig sind. Erste Anzeichen für genetische Voraussetzungen von sozialer Kompetenz wurden kürzlich von englischen Arbeitsgruppen berichtet. Demnach gibt es auf dem menschlichen X-Chromosom ein Erbmerkmal (Gen), das die „soziale Kognition“ beeinflußt. Diese Befunde liefern eine Erklärung dafür, daß Frauen sich im Durchschnitt sprachlich besser auszudrücken vermögen als Männer und auch sozial intensiver interagieren. Weiterhin ergeben sich Ansatzpunkte, um das Krankheitsbild des Autismus zu erforschen. Hierbei ist die Kontaktaufnahme und soziale Interaktion des Kindes mit seiner Familie/Umwelt nachdrücklich gestört. Autismus ist bei Knaben sehr viel häufiger als bei Mädchen. Ein Gen, das zur sozialen Kompetenz beiträgt, liegt auf dem X-Chromosom und zeigt einen interessanten Vererbungsmodus: Da das Gen vom mütterlichen X-Chromosom her bei allen Nachkommen stets inaktiviert wird, kommt immer nur die väterliche X-chromosomale Information bei Mädchen zur Ausprägung. Jungen haben nur ein X-Chromosom und dieses stammt von der Mutter. Da das Gen für „soziale Kognition“ inaktiviert wird, ist die höhere Empfänglichkeit für Störungen der psychomotorischen Entwicklung, des Sprachvermögens und für Autismus verständlich. Ein höchst komplexes Feld, ein wertvoller Ansatz für tiefer gehende Forschung - oder muß das wissenschaftlichen Arbeiten hier etwa gestoppt werden? |
| Prof. Dr. med. Jörg T. Epplen |
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