| Angeregt durch das durchweg schlechte Abschneiden der Lehre an der RUB in der großen Focus-Umfrage, fanden sich am 21. August 1997 auf Initiative der Pressestelle sieben Persönlichkeiten der Ruhr-Uni im Kleinen Senatssaal ein, um zu diskutieren. Ziel war natürlich herauszufinden, warum die Studierenden die Lehre an der RUB derart negativ beurteilen und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die Lehre zu verbessern. Alles in allem soll mit dieser Diskussion in kleiner Runde eine umfassende Auseinandersetzung um die Lehre an unserer Uni angestoßen werden. Es folgt eine Dokumentation der Diskussion. | |
| Massen |
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| Bohlen: Ich denke, das schlechte Urteil der Studierenden hat einerseits mit der Qualität der Lehre zu tun und mit der Betreuung, die ja unbestreitbar nicht gut ist, und das ist eine grundsätzliche Erscheinung an den Unis insgesamt. Da es hier besonders schlecht ausfällt, muß man sich fragen: Wie ist das zahlenmäßige Verhältnis von Studierenden und Lehrenden? Das ist wie an anderen Unis nicht gut, da wir hier eine Massenuniversität haben. |
| Wystup: Ein Problem sind tatsächlich die massenhaft ausgerichteten Studiengänge. Ein weiteres Problem birgt das Bildungssystem Hochschule in sich: Der Abschluß steht zu sehr im Vordergrund: Studierende haben ihn stets als wichtigstes Ziel vor Augen, um mit der Qualifikation einen Beruf ergreifen zu können; und auch Lehrende betrachten Studierende in erster Linie als Abgänger. Das kann aber nicht das Ziel einer Uni sein. |
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| Persönliche Beziehungen |
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| Albrecht: Die Fakultät für Elektrotechnik kommt ja im Ranking relativ gut weg. Bei uns gibt es ja bereits seit vielen Jahren, noch vor Beginn des Programms „Qualität der Lehre“, Tutorien für Studienanfänger, und zwar für die ersten beiden Semester, nicht nur innerhalb der ersten Wochen. Das fängt sogar schon vorher an: Wir bemühen uns um die Studieninteressenten in einer schon fast aufdringlichen Weise. |
| Ich meine, daß die Fakultäten sich als Dienstleister begreifen müssen. Die Studenten sind unsere Kunden, und der Kunde sollte König sein. Es braucht Menschen, die sich persönlich dafür engagieren. Ich fürchte, das ist das, was in einigen Fakultäten nicht funktioniert. |
| Schlüchter: Ich finde auch, wir brauchen eine persönliche Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Viele sagen, hier in Bochum kann das gar nicht laufen, aber das finde ich nicht. Es ist genauso möglich wie in Würzburg, Köln oder Münster. Ich persönlich habe eine Menge versucht: Multimedia, Exkursionen, Planspiele, Tee und Plätzchen nach der Veranstaltung. Einfach um zu zeigen, ihr kommt nicht nur her, um zu arbeiten, sondern wir möchten mit euch auch kommunikativ zusammenwirken. |
| Ich finde, daß dazu jeder Lehrende aufgerufen ist. Ich würde allerdings auch die Studierenden einbeziehen, daß die sich aktiv daran beteiligen, daß sie dann auch ihrerseits nicht abblocken, und daß es dann nicht heißt, wenn einer sich an einer Lehrveranstaltung beteiligt, daß der ein Streber ist. Wenn das Interaktionsangebot seitens der Lehrenden kommt, dann sollten es die Studierenden auch annehmen. |
| Ich finde diese Uni hier nicht schrecklich, sie hat ihren Charme. Aber was traurig ist: Wenn man abends durch die Gänge geht, dann stehen da die Flaschen, Müll wird hingeworfen usw. Ich finde, die Uni sollte proper gehalten werden, daß alle dafür sorgen, daß es schön ist. |
| Höck: Wir haben allerdings in den Anfängen der Evaluation gelernt, daß das studentische Urteil über die Qualität von Lehrveranstaltungen auch von anderen Faktoren als dem Dozenten abhängt. Wird zum Beispiel unbeliebter Pflichtstoff vermittelt, fällt das Urteil automatisch negativ aus. |
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| Identifikation |
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| Bormann: Was mich immer wieder bedrückt hat, ist, daß an dieser Hochschule auch unter den Professoren so ein Identifikationsgefühl ganz schwer herzustellen ist. Wir hatten auf der Dekanekonferenz sogar Aussagen von Kollegen, die sagen: Im Mittelpunkt steht meine Wissenschaft, und ob ich die nun hier tue oder in Münster oder in München, das ist mir ganz egal. Und dann kommt halt so etwas zustande, daß wir nur eine Gemeinschaft sind, die zusammen das gleiche Telefonsystem und die gleiche Heizungsanlage nutzt. Die Folge davon ist, daß es kaum große Begeisterung gibt, in den Gremien mitzuwirken, sich für übergeordnete Interessen in den Fakultäten einzubringen; das bleibt dann nur an Wenigen hängen. Bei 37.000 Studierenden, wie wir sie haben, reichen Wenige jedoch nicht aus. |
| Höck: Ich denke, in Bochum gibt es kaum Identifikation. Aber wie sollen sich die Studierenden identifizieren, wenn dies noch nicht einmal die Lehrenden tun? Wenn die Lehrenden nicht den Eindruck vermitteln: Seid froh, daß ihr an dieser Uni seid! Hier bist du gut aufgehoben! |
| Manchmal frage ich mich zudem: Wie identifiziert sich die Region mit dieser Universität? Ich denke, die Ruhr-Uni ist auch nach 30 Jahren in Bochum immer noch bemerkenswert fremd. Das gilt nicht für das offizielle Bochum, sondern auch für einen großen Teil der Bevölkerung. |
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| Betreuung |
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| Wolf: Solidaritätsstiftung kann nur vom Stammpersonal ausgehen, unter Beteiligung der Studierenden. Das Tutorenprogramm beispielsweise wird gut angenommen, aber auf solche Befragungen wird das noch kaum Auswirkungen haben, da es noch nicht lange genug läuft, wie auch die anderen vom Rektorat gesteuerten Programme. |
| Ich denke, Lehrende erfahren oft gar nicht, wo die Probleme genau liegen, vor allem in Einführungsveranstaltungen, wo viele Anfänger sitzen, die sich nicht trauen, das zu benennen, was nicht so gut ankommt. Tutoren sind oft ein guter Mittler, das mitzuteilen. Lehrende, die dafür offen sind, nehmen sich das auch an und verändern ihre Veranstaltungen entsprechend, um mehr mit den Studierenden zusammenarbeiten zu können. |
| Wystup: Die Etablierung von Tutorien gelang ja gerade dort, wo sich die Studierenden dafür einsetzten; Lehrende wußten zum Teil gar nichts vom Programm Qualität der Lehre, wie aus einer Befragung der Dekane hervorgeht. |
| Bormann: Tutorien sind ja bislang eher Orientierungshilfen zu Beginn des Studiums, damit die Studierenden die Uni oder sich untereinander kennenlernen. Dabei sollte es aber nicht bleiben, da sich doch viele Probleme erst im Studium einstellen, vorrangig mit dem Lernstoff zusammenhängen. Hier sollte man mittels Fachtutoren den Hebel ansetzen. Schließlich stehen die Prüfungen an, und dann fragen sich die Studierenden: Wo ist denn jetzt die Hilfe? Schwierig wird es allerdings dadurch, daß man genau dafür mehr Personal bräuchte, und dafür ist nun einmal kein Geld da. |
| Schlüchter: Ich finde, daß man als Lehrstuhlinhaber einiges bewegen kann. Ich habe sehr viele Studierende an meinem Lehrstuhl beschäftigt, so viele, wie nur möglich. Die Personalkosten halten sich im Rahmen, da Studierende ja nicht so teuer sind. Die geringe Bezahlung wird ja dadurch kompensiert, daß die studentischen Hilfskräfte eine umfassende Betreuung erfahren. Ein weiteres ist, kleinere Forschungsfragen zu den Studierenden zu tragen und sie mitmachen zu lassen. Dadurch entsteht schnell eine Rückkopplung. Ich denke, daß man auf diese Art etwas erreichen kann. |
| Bohlen: Es ist gar nicht erstaunlich, daß die Betreuung so schlecht ist. Da werden die Erstsemester herbestellt in die Sprechstunden, werden truppweise eingelassen und dann wird gefragt: Ja, wie sieht es mit dem Studium aus? Das hat mit Betreuung nichts zu tun. In jedem Betrieb bekommen Leute Schulungen in Bezug auf Gesprächsführung, soziale Schulung und so weiter. Das ist auch eine wichtige Aufgabe der Dozierenden, und man sollte überlegen, ob man nicht solche Schulungen an der Uni einführt. |
| Bormann: Das mit den Schulungen kann es nicht sein. Ein Dozent kann noch so gut geschult sein, das bringt ihm nichts, wenn es darum geht, 80 Studierende intensiv zu betreuen. Das kann auch kein Student aus dem ersten oder zweiten Semester leisten. Das müssen fortgeschrittene Studenten sein, die auch in Fachfragen helfen können. Und die kann man auch nicht mit einem Zweistundenvertrag abspeisen, die müssen sich schon richtig engagieren können; aber das kostet natürlich Geld. Vielleicht ist teilweise das bißchen Geld noch nicht richtig eingesetzt, vielleicht sollte man Leute mit Drittmittelstellen motivieren, sich auch in der Lehre einzusetzen. |
| Wystup: Dennoch müßte sich die Einstellung der Dozierenden ändern; viele nehmen die Studierenden doch erst im Hauptstudium so richtig wahr und ernst. Das hängt nicht nur mit den kleiner werdenden Gruppen zusammen, sondern auch mit der Einstellung. |
| Albrecht: Ich finde auch, daß im Grundstudium verstärkt betreut werden sollte, da die Studierenden hier meist mit Lerninhalten zu tun haben, die ihnen ganz und gar nicht liegen. Im Hauptstudium ist die Diskrepanz aufgrund der Wahlmöglichkeiten nicht mehr so groß. |
| Bormann: Für diese Art Betreuung eignen sich allerdings eher die Mittelbauer. |
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| Begegnung |
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| Schlüchter: Ich finde auch, daß die Professoren ausgelastet sind. Aber warum sollen denn nicht ältere Studierende mehr oder weniger unentgeltlich Tutorien machen. Bei mir beispielsweise gilt das Motto: Ich arbeite mehr als ich muß, also machen das meine Mitarbeiter auch. Ich sehe in der Uni mehr und mehr eine Solidargemeinschaft. |
| Bohlen: Ich denke nicht, daß unentgeltliche Solidarität die Lösung ist. Wenn man wirklich Identifikation seitens der Studierenden haben möchte, muß man sie an den Entscheidungsprozessen beteiligen: paritätische Besetzung der Gremien. Wenn die Studierenden sehen, hier müssen wir uns vorbereiten, das ist für unser Studium, für unser Fach relevant, und wenn sie tatsächlich etwas erreichen, etwas verändern können und halt selbst daran mitgewirkt haben, dann kommt die Identifikation automatisch. |
| Albrecht: Vom Architektonischen her gibt es viele Ansatzpunkte an dieser Uni. Ich denke zum Beispiel an den Teich hinter dem HZO, der ursprünglich dazu gedacht war, daß Studenten sich zwischen den Vorlesungen dorthin setzen. Vor die Hörsäle HIA, HIB, HIC könnte man problemlos ein Schachbrett setzen, man müßte nur die vorhandenen Kacheln schwarz und weiß anmalen. Es bliebe dann nur zu hoffen, daß alles auch wirklich angenommen wird. |
| Bohlen: Wir haben mit dem Kulturcafé genau dahin gezielt, einen attraktiven Ort für Begegnung und Kommunikation geschaffen. |
| Schlüchter: Mein Bestreben ist es, die Studierenden nach 16 oder 17 Uhr an der Uni zu halten, anhand irgendwelcher Exkursionen, die man macht, Gerichtsverhandlungen besucht und darüber spricht, daß das Ganze wirklich fachlich orientiert ist. |
| Wolf: Die Identität könnte durchaus bereits bei der Mitgestaltung entstehen. Es gibt Beispiele aus Schulen, wo sich genau dieser Effekt einstellte, als nämlich die Schüler ihren Schulhof mit Hilfe vom Grünflächenamt selber gestalten durften. |
| Zuvor stelle ich mir aber noch eine Frage: Hier sitzen ja jetzt allesamt engagierte Leute, die durchaus etwas verändern wollen - aber wie schafft man es, daß der Funke auf andere übergreift? Vielleicht sollte man die Diskussion fortsetzen, unter Umständen mit anderen Besetzungen. |
| Bormann: Man sollte in dem RUBENS-Artikel dazu auffordern, sich aus den Fakultäten, aus der Uni insgesamt zu äußern, damit sich diese Fortsetzung der Diskussion von selbst ergibt ... |
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Podium |
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Diskussionsteilnehmer: |
| Dr. Jörg Albrecht, Fak. für Elektrotechnik |
| Lou Bohlen, AStA-Vorsitzende |
| Prof. Dr. Manfred Bormann, Rektor |
| Reiner Höck, Dez 1 - Qualität der Lehre |
| Prof. Dr. Ellen Schlüchter, Juristische Fak. |
| Annette Wolff, Studienbüro |
| cand. theol. Marc Wystup, Kath.-Theol. Fak. |
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| Moderation: |
| Dr. Josef König |
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| Dokumentation: |
| Arne Dessaul, Jens Wylkop, Babette Sponheuer (Fotos) |
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| Meinung gefragt: |
| Die RUBENS-Redaktion greift gerne Prof. Bormanns |
| Schlußbemerkung auf und regt alle interessierten Leserinnen und Leser zur Fortsetzung der Diskussion über die Lehre an der RUB auf. Wir freuen uns auf Ihre Stellungnahmen, |
| Beiträge, Leserbriefe etc. |
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