RUBENS Nr. 170 - 1. Juni 2013
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Overground

Serie Situation Kunst

Die Dauerausstellung in Situation Kunst im Schlosspark Weitmar beherbergt bedeutende Werke der Gegenwartskunst: von Richard Serra, Gianni Colombo und vielen anderen. RUBENS stellt die Exponate nach und nach vor, diesmal die Video-Sound-Installation „Overground“ von Marcellvs L.

Ein ohrenbetäubender und bedrohlich wirkender Lärm ertönt beim Betreten des Raumes mit der Videoinstallation von Marcellvs L. Der 1980 in Brasilien geborene und heute in Berlin lebende Künstler, der u.a. 2009 Stipendiat der Akademie der Künste Berlin war, fordert uns mit „Overground“ 13:36 Minuten lang heraus, uns in einer Umgebung aufzuhalten, die sich durchaus als Zumutung erweisen kann. Das schmale, fünf Meter hohe Gebäude, das 2010 eigens für diese Video-Installation errichtet wurde, erscheint von außen unscheinbar, ermöglicht jedoch ein Erlebnis, das uns an unsere psychischen und physischen Grenzen bringen kann.
Sobald sich die Tür des schwarz gestrichenen, fensterlosen und deshalb weitgehend dunklen Raumes schließt, erscheint das Video auf einer Projektionsfläche, die sich wie eine tiefer hängende Raumdecke waagerecht nur wenig über Kopfhöhe befindet. Der Besucher gewinnt somit den Eindruck, sich direkt unter einem mit Wasser gefüllten, in seinen Ausmaßen nicht weiter definierten Becken zu befinden. Es erscheinen Umrisse im Wasser, die wir nach und nach als eine aus der Untersicht gezeigte Person identifizieren. Immer mehr Personen springen, der ersten folgend, in regelmäßigen zeitlichen Abständen ins Wasser, bis das Becken voll ist. Das Geschehen, welches sich über dem eigenen Kopf abspielt, wird somit immer hektischer, undurchdringlicher und zunehmend verwirrend. Die Gesichtszüge der Schwimmenden sind nicht sichtbar, sodass daraus keinerlei Emotionen abzulesen sind, lediglich ihre Bewegungen zeigen, dass sie scheinbar richtungslos umher schwimmen und rudernd um Halt ringen. Ein Beckenrand, der Halt bieten könnte, ist in dem mit unbewegter Kamera aufgenommenen Video jedoch nicht sichtbar. Spätestens sobald sich der sichtbare, stets gleich bleibende Ausschnitt des Beckens mit Menschen gefüllt hat, erreicht die Beklemmung beim Betrachter ihren Höhepunkt.

Enorme Unbehaglichkeit

Die monoton dröhnende, in ihrer Intensität jedoch variierende Tonspur verstärkt mitunter die beängstigende Wirkung des Werkes. Auch die ungewohnte Sicht auf eine von unten gefilmte Wassermasse löst ein Gefühl enormer Unbehaglichkeit aus, weil die Projektionsfläche als die einzige Barriere erscheint, die verhindert, dass das Wasser den gesamten Raum flutet. Durch die ohrenbetäubenden, auch körperlich spürbaren Geräusche und die anstrengende Körperhaltung gelangt der Besucher bereits nach wenigen Minuten an die Grenzen seiner Fähigkeit, den verschiedenen Eindrücken, denen er ausgesetzt ist, stand zu halten. So setzt „Overground“ den Museumsbesucher einem Dilemma aus: Einerseits soll und will er dem Werk seine volle Aufmerksamkeit widmen; andererseits scheint es, als ließe das Werk selbst dies kaum zu.
Mit „Overground“ zeigt Marcellvs L., dass neben dem im Video Gezeigten auch die Art und Weise der Installation ausschlaggebend ist. Die Wirkung der Videoaufnahme wird mithilfe der raumbezogenen Präsentationsweise verstärkt: Der Betrachter befindet sich nicht vor dem Werk, sondern mitten darin und kann es so unmittelbar physisch erfahren. Das Werk entwickelt durch seine räumliche und visuell-akustische Präsenz eine Eindringlichkeit, die polarisiert und uns einige Selbstbeherrschung abverlangt. Wagt man es allerdings diesen Raum zu betreten und darin zu verweilen, ist einem ein unvergessliches Erlebnis sicher, bei dem man auch etwas über sich selbst erfahren kann.

Annabell Sindorio | Themenübersicht