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Leben und Forschen in der Antarktis
Extreme Kälte, trockene Luft und eisige Winde machen die Antarktis zum wohl lebensfeindlichsten Ort auf unserem Planeten. Doch verschiedene Organismen haben sich darauf spezialisiert, bei diesen extremen Bedingungen zu überleben. Während Pinguine und Robben sich mit dichtem Federkleid oder Fettschichten schützen, besitzt mein Objekt der Begierde eine ganz eigene Methode, um sich vor dem Gefriertod zu schützen.
Polare Fische wie der antarktische Seehecht D. Mawsoni besitzen spezielle Moleküle im Blut, die ihnen das Überleben in -1.9 Grad C kaltem Wasser ermöglichen, obgleich ihr Blut eigentlich bei -0.9 Grad gefrieren sollte. Im Rahmen meiner Doktorarbeit in der Physikalischen Chemie II (Prof. Martina Havenith-Newen) beschäftige ich mich mit der Aufklärung des molekularen Wirkmechanismus dieser außergewöhnlichen Gefrierschutzproteine. 2012 erhielt ich die einzigartige Möglichkeit, unseren Kooperationspartner und Entdecker dieser Proteine, Prof. Art DeVries, auf eine viermonatige Antarktisexpedition zu begleiten um mit ihm im ewigen Eis zu leben und zu forschen.
Wie aber lebt man in der Antarktis? Was muss ich mitnehmen und wie kommt man dahin? Das waren einige der Fragen, die ich mir vorab stellte – und es war stets eine surreale Vorstellung, dass ich bald in den eiskalten Weiten der Antarktis leben würde. Mit Mamas selbstgestrickten Wollsocken und vielen offenen Fragen ging es schließlich im Oktober Richtung Antarktis – und dem wohl größten Abenteuer meines Lebens. Über die Stationen London-Chicago-Los Angeles-Sydney-Christchurch erreichte ich in einer C17 Militärmaschine die amerikanische McMurdo Station.
Atemberaubender Erstkontakt
Der Erstkontakt mit dem Eis ist atemberaubend; schnell wird einem bewusst, dass dieser Ort mit nichts zu vergleichen und wahrlich die letzte Grenzregion unserer Erde ist. Neben der eisigen Kälte (-30 Grad) waren es vor allem die trockene dünne Luft und die scheinbar unendliche Weite, die mich beindruckten. Hinzu kommen 24 Stunden Helligkeit, teilweise komplette Stille und eine limitierte Auswahl an Düften, die etwas von einer anderen Welt vermitteln.
Forschung in der Antarktis bedeutet Feldarbeit, oder für mich: fischen, fischen, fischen. Als Stadtkind war mir diese Tätigkeit zunächst fremd und ich war erstaunt über die extrem harte körperliche Arbeit, mit der sie verbunden war. Doch spätestens nach meinem ersten Fang, einem 20 cm langen T. Bernatelli war mein Ehrgeiz geweckt und die Schmerzen im Rücken und meinen eiskalten Händen vergessen. Jetzt, knapp 100 Fische später, absolviere ich auch diese Tätigkeit routinemäßig und bin immer wieder erstaunt, wie ich die Fische mit gekonnten Griffen vom Haken nehme, sie wiege, vermesse und ihnen später im Labor Blut abnehme.
Ein typischer Feldarbeitstag beginnt mit dem Kontrollieren und Aufladen der Ausrüstung in die Pistenraupe oder das Schneemobil und anschließend der Lokalisation unserer Fangstelle mittels GPS. Dort angekommen, wird die Stelle von der Schneeschicht befreit, um Löcher durch die 2-3 m dicke Eisschicht zu bohren und endlich zu angeln. Zurück im Labor, wird den Fischen Blut abgenommen. Mit molekularbiologischen und physikalischen Methoden wie Säulenchromatographie, Dialyse oder Nanoliter Osmometern analysiere ich in den modernen und bestens ausgestatteten Laboren das Fischblut auf Gefrierschutzproteine. Neben dem klassischen Rutenangeln nutzten wir auch eine Schleppleine, Fangkörbe und Taucher, um exotische und größere Spezies zu fangen. Das erfordert manchmal enormen logistischen Aufwand, sodass auch Helikopterflüge, Kettensägen und Dieselgeneratoren zu vertrauten Alltagsinstrumenten werden.
„Eat, Sleep, Sciene“
Mit der Beschreibung des Arbeitsalltags in der Antarktis ist auch mein Leben in der Antarktis gut beschrieben: „Eat, Sleep, Sciene“ – sieben Tage die Woche. Dabei bietet McMurdo, die größte amerikanische Forschungsstation in der Antarktis, einiges auf, um uns Wissenschaftlern den Forschungsaufenthalt so angenehm und erfolgreich wie möglich zu gestalten. Neben Sporthalle und Kraftraum gibt es Bars, eine Bücherei und sogar eine Sauna. Zudem gibt es Köche, die ausgezeichnet für unser leibliches Wohl sorgen und vor allem zu den Feiertagen etwas Besonderes aus dem Hut zaubern. Allerdings bleibt es die Antarktis, sodass sich besonders der fehlende Nachschub von frischem Obst und Gemüse bemerkbar macht.
Untergebracht sind wir in Doppelzimmern mit Gemeinschaftswaschräumen, was an Jugendherberge erinnert, mit dem Unterschied, dass der Wasserverbrauch limitiert ist und man so gut wie nie auf den Zimmern ist. Auf längeren Feldexpeditionen oder beim anfänglichen Überlebenstraining übernachten wir in Zelten, was eine sehr frostige Angelegenheit ist; zudem sind Duschen oder eine Toilette dabei nur Wunschdenken.
Die viele und harte, körperlich sehr anstrengende Arbeit wird meist umgehend von der einzigartigen Schönheit der Natur und ihren wunderbaren Bewohnern belohnt. Ob tollpatschige Pinguine, fette Weddel-Robben, Wale oder der gemeine Skua (Raubmöwe), sie alle lassen einen die Strapazen des Alltags und die eisige Kälte ertragen, wenn nicht gar genießen. Zudem ist da diese ungeheure Weite mit unbeschränktem Blick in alle Himmelsrichtungen und die phänomenalen Kompositionen, die sich die Natur mit den Farben Weiß und Blau einfallen lässt.
Gefährdetes Paradies
Schnell wurde mir während dieses Aufenthaltes einmal mehr klar, dass auch wir nur ein Teil von etwas Ganzem sind, das in seiner Schönheit und Unberührtheit für spätere Generationen erhalten werden muss. Denn bereits jetzt setzen Klimawandel und kommerzielle Fischerei diesem unbeschreiblichen Ort zu. Während etwa vor knapp zehn Jahren noch hunderte Antarktische Seehechte pro Saison von der DeVries-Arbeitsgruppe zu Forschungszwecken gefangen werden konnten, sinkt die Rate durch die Ende der 90er-Jahre erlaubte kommerzielle Fischerei stetig. Mittlerweile sind wir froh, wenn wir bei demselben Aufwand ein bis drei Exemplare des Antarktischen Seehechts fangen. Als Chilenischer Seebarsch ist er weltweit ein beliebter Speisefisch, sodass die Fangquoten stetig erhöht werden, obgleich es bislang kaum Informationen zu seinem Reproduktionszyklus gibt. Ein internationales Abkommen über eine Gewässerschutzzone scheiterte 2012; die Hoffnungen liegen nun in Deutschland, wo die internationale Kommission zum Schutz lebender Ressourcen in der Antarktis im Juli 2013 zusammenkommt.
Für mich ist das „Abenteuer Antarktis“ nun vorbei, doch von den Erfahrungen und Eindrücken werde ich sicherlich mein Leben lang zehren.
Text/Foto: Konrad Meister | Themenübersicht

