Berufung ohne Beruf
Gastbeitrag aus der Fakultät für Sportwissenschaft
Die Fakultät für Sportwissenschaft hat auf ihrer diesjährigen Mittelbausitzung die zunehmend prekären Beschäftigungsbedingungen der im akademischen Bereich deutscher Universitäten – zumal der im dortigen Mittelbau – tätigen Arbeitnehmer besprochen.
In der Debatte wurde deutlich, dass deutschlandweit die meisten Dozenten ihren Beruf nicht mehr wie ehedem auf akademischen Ratsstellen ausüben, sondern als „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“ über Jahre befristet und auf Teilzeitstellen arbeiten, während immer weniger unbefristete Vollzeitstellen ausgeschrieben werden. Trotzdem vindiziert die inhaltliche Revision des Hochschulrahmengesetzes, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (2007), nach zwölf Jahren einen Einstellungsstopp für befristet Beschäftigte, während Kettenarbeitsverträge für zulässig erklärt werden.
Diese „Verschrottung des Mittelbaus“ – wie seinerzeit ein zuständiger Staatssekretär formulierte – ist im Zuge von Eliteförderung seit dem Kabinett Kohl bildungspolitischer Wille. Allerdings bedient der Mittelbau gut 75% der grundständigen Lehre. Der größte Teil der kapazitätsrelevanten universitären Lehre wird also von Menschen bewältigt, die unter unsichersten Bedingungen leben: Sie zahlen dauerhaft zu wenig in die Sozialkassen, um vor Altersarmut geschützt zu sein und gründen oft keine Familie. Gewerkschaften engagieren sich wenig gegen diesen Abbau von Arbeitnehmerrechten befristet Beschäftigter. Insbesondere in den Geisteswissenschaften, wo wenige Professuren mit wenigen außeruniversitären Beschäftigungsmöglichkeiten zusammenfallen, endet der Berufsweg für viele Habilitierte in der „Idealistenfalle“...
Nach der Bankenkrise 2007 sind die Rezepte, die die Krise mit verursacht haben, als deren Lösung verkündet worden: Abbau von Sozialsystemen, Einsparungen bei Bildung, Kultur und Gesundheit und Umwandlung geschützter Arbeitsverhältnisse in ungeschützte. Michel Foucault sah dies schon 1979: Er beschreibt die Grundannahme neoliberaler Theoretiker als „ein Verbot, das Gemeinwohl anzustreben“, um Ungleichheit und Konkurrenz zu verstärken. DIE ZEIT meldet 2013 (Nr. 7/ S. 33), dass die deutsche Hochschulforschung insgesamt eine „Leerstelle im Wissenschaftssystem“ bleibe, so dass die Auswirkungen der neoliberalen Beschäftigungspolitik auf Bildung und Soziales auch künftig kaum wissenschaftlich untersucht werden können.
Seit 2009 wehren sich deutsche Intellektuelle: die „Intelligenzia Potsdam“ etwa oder die „Initiative Berliner Privatdozenten“. In der Fakultät für Sportwissenschaft der RUB sind wegen vieler fest angestellter Sportlehrer wenig Beschäftigte betroffen. Auf der Maßnahmenebene diskutierte der dortige Mittelbau gleichwohl eine noch ausführlichere, sorgfältigere und aufrichtigere Beratung für jene „wilde Hasardeure“, die „Wissenschaft als Beruf“ (Max Weber, 1925) betreiben möchten.
Dr. André Hempel | Themenübersicht

