Kunst in Bewegung
Die Kunstsammlungen der RUB zeigen im Kubus Werke von Franz Erhard Walther
Bronze oder Marmor, Holz oder Granit: Diese Materialien haben die meisten von uns vor Augen, wenn sie an Skulpturen denken. Franz Erhard Walter arbeitet mit einen ganz anderen Material; er lässt den Menschen am Werkprozess teilhaben. In diesem Sommer zeigen die Kunstsammlungen der RUB im Kubus Installationen und Grafiken des Künstlers, der in der Kunstgeschichte als Pionier der partizipativen Kunst gilt. Die Ausstellung „Perpetuum mobile: Lager • Sockel • Handlung“ zeigt den transitorischen Status der Werke.
Der 1939 in Fulda geborene Franz Erhard Walther studierte Anfang der 60er-Jahre bei Karl Otto Götz an der Düsseldorfer Kunstakademie. Zu seinen Mitstudenten zählten u.a. Gerhard Richter, Sigmar Polke und Joseph Beuys. Während sich Richter und Polke an US-amerikanischer Pop Art orientierten, nahm Beuys wichtige Impulse von der Fluxus-Bewegung auf. Walther dagegen lebte von 1967 bis 1971 in New York; so prägte die US-amerikanische Kunst der 60er- und 70er-Jahre seine künstlerische Sprache. Damals verabschiedete man sich in der amerikanischen Kunstszene vom herkömmlichen europäischen Werkbegriff: Der Betrachter wurde aus seiner passiven Rolle geholt und in den Werkprozess einbezogen. Obwohl sich Walther mit dem Begriff „Sockel“ und mit seinen Zeichnungen immer auch auf ein herkömmliches Kunstverständnis bezieht, rütteln seine Arbeiten an allgemein anerkannten kunstgeschichtlichen Konventionen und Denkweisen. Er selbst spricht von einem „Attentat auf die Kunst“, das aus dem Verborgenen geschehe. Die Fragen, mit denen Walther sich in seinem Werk auseinandersetzt, sind heute ebenso aktuell wie in den 60er-Jahren. Deshalb beziehen sich auch viele zeitgenössische Künstler wie Tino Seghal und Santiago Sierra auf ihn und denken seine Fragestellungen weiter.
Der Handelnde als Skulptur
Walthers „1. Werksatz“, den er erstmals 1969 im New Yorker Museum of Modern Art ausstellte, machte ihn und seine Arbeit einem breiten Publikum bekannt. Die Objekte aus Baumwolle, Holz und anderen Materialien forderten das Publikum zum Handeln auf: Sie wurden aufgefaltet, übergestülpt, zu geometrischen Formen arrangiert und so zum Körper der Teilnehmer in Beziehung gesetzt. Seit der Arbeit am „1.Werksatz“ hat Walther immer wieder mit Stoffbahnen experimentiert; in den 70er-Jahren konzipierte er für Außenräume aber auch Arbeiten aus Stahl, seine ersten „Stand- und Schreitstücke“. Diese Objekte sind Elemente eines dynamisch aufgefassten Werks. Sie werden nicht nur als Werke im Ausstellungsraum gezeigt, sondern auch aufeinandergestapelt als Möglichkeitsformen in so genannten Lagern präsentiert. So entsteht eine zwischen Lagerung, skulpturaler Präsentation und Handlung. Doch nicht nur dieses mögliche Umdefinieren der Werkelemente zeigt Walthers prozessuale Haltung. Er lädt die Ausstellungsbesucher ein, seine Arbeiten zu „benutzen“. Wie diese mit seinen Objekten hantieren, ist aber keineswegs willkürlich. Teils im Titel, teils mit Hilfe von Zeichnungen entwirft er Handlungsmöglichkeiten und ermöglicht so eine sehr konkrete Art des „Benutzens“. Die „Schreitstücke“ sind zudem mit einer Kante als „Leitschiene“ versehen, die dem Benutzer Bewegungsmöglichkeiten und Blickrichtungen vorgibt. Folgt er dieser Begrenzung seitwärts entlang der Konstruktion, so wird er auf diesem „Sockel“ selbst zu einem Teil der Skulptur. Gleichzeitig eröffnen ihm die kontrollierten Bewegungen eine neue Erfahrung des Raumes, in dem er sich befindet. In der Ausstellung der Kunstsammlungen können Besucher sowohl eine raumbezogene Arbeit mit „Schreitstücken“, als auch eine Installation mit textilen Objekten erleben. Und auch der Künstler selbst wird eine der Installationen umbauen. Diese Performance ist Teil des Projektes, der Termin wird rechtzeitig auf www.kusa-rub-moderne.de bekannt gegeben.
Hinter den Kulissen
Die im Kubus ausgestellten „Handlungsstücke“ sind bis zu 44 Jahre alt, ihr situationsbezogenes Arrangement ist allerdings von den Ausstellungsräumen inspiriert und damit einzigartig. Es handelt sich also um neue, raumbezogene Installationen. Erarbeitet wurde die Ausstellung von Dr. Friederike Wappler, der Wissenschaftlichen Leiterin der Kunstsammlungen der RUB, in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler. Sie schließt an Master-Seminare des kunstgeschichtlichen Studiums an, die es auch Studierenden ermöglichen, an der Ausstellung und ihrer Vermittlung teilzuhaben. In einem vorbereitenden Seminar im Wintersemester wurden kunsthistorische Fragestellungen zum Werk Franz Erhard Walters reflektiert und die Ausstellung vorbereitet. Im Sommersemester 2013 findet ein Aufbau-Seminar zur Realisierung und Vermittlung statt. Die Seminarteilnehmer drehen einen Film über das „Benutzen“ der Objekte, werden in die Kommunikation einbezogen und vermitteln den Besuchern als „Artspeaker“ das Projekt.
Friederike Wappler organisiert regelmäßig Ausstellungen, bei denen sie Studierende der Kunstgeschichte in den Prozess der Ausstellungsrealisation mit einbezieht. In begleitenden Seminaren lernen die Studierenden das Zusammenspiel zwischen kunsthistorischer Theorie und kuratorischer Praxis kennen und sammeln erste Erfahrungen in ihrem zukünftigen Berufsfeld. Im Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 ermöglichten Wapplers Seminare Studierenden die Teilnahme an der Ausstellung „Mischa Kuball: NEW POTT. 100 Lichter/100 Gesichter“. Die in diesem Zusammenhang stattgefundene Tagung „New Relations in Art & Society“ reflektierte die Geschichte und Aktualität der Partizipationskunst. Franz Erhard Walter sprach dort von den Anfängen der Publikumsbeteiligung in den 60er- und 70er-Jahren. Er war begeistert von den Kunstsammlungen der RUB. „Perpetuum mobile: Lager • Sockel • Handlung“ zeigt nun, wie seine Kunst funktioniert und wie er seine Vorstellung von „Handlungen als Kunstwerke“ in eine Ausstellung umsetzt.
Info: Ausstellung der Kunstsammlungen der RUB: „Franz Erhard Walther. Perpetuum mobile: Lager • Sockel • Handlung“, 25. April bis 1. September 2013, Ausstellungsort: Kubus der Situation Kunst, geöffnet Mi, Do & Fr 14 – 18 h, Sa/So 12-18 h; Eintritt 5/3 Euro; http://www.situation-kunst.de und http://www.kusa-rub-moderne.de
„Es ging nie darum, meine Vorstellungen umzusetzen“
RUB Kultur im Gespräch mit dem Künstler Franz Erhard Walther
Erst verschneite Straßen, dann die verschiedensten Tücken moderner Technik: Dieses Interview schien unter keinem guten Stern zu stehen. Umso schöner ist, dass es dann doch zustande kam. Nadja Balnis sprach mit Franz Erhard Walther über seine Arbeit im Kubus und die Rezeption seiner Werke heute und in der Anfangszeit seines Schaffens.
RUB Kultur: Wie ist es, eine Ausstellung nicht nur im Kontakt mit einer Kuratorin/einem Kurator, sondern auch im Gespräch mit Studierenden zu entwickeln?
Walther: Die Ausstellung habe ich selber zu entwickeln. Zunächst muss ich die Räume sehen, um zu entscheiden, aus welchen Werkgruppen dort Arbeiten gezeigt werden können. Auch, wenn das Ausstellungsthema feststeht, kann ich im Detail erst nach der Besichtigung der Räume entscheiden, welche Stücke in Frage kommen. In Bochum ist die Entscheidung sehr schnell möglich gewesen. Mit der Kuratorin Friederike Wappler und ihren Studenten habe ich unmittelbar danach darüber diskutiert. Im Eingangsbereich sollen Zeichnungen gezeigt werden, wobei ich Frau Wappler und den Studenten die Entscheidung darüber überlasse, welche Werktypen gezeigt werden sollen. Beim Aufbau der plastischen Arbeiten können dann auch ihre Vorstellungen hineinspielen. Frau Wappler wird mit einigen Studenten nach Fulda kommen. Wir werden dann über meine bisherigen Ausstellungsvorbereitungen sprechen. Dabei wird auch in Ansicht der Originale entschieden, aus welcher Werkgruppe die Zeichnungen für die Ausstellung entnommen werden. Ich denke, dass es die Studenten interessieren wird, wie ich bei Ausstellungsplanungen vorgehe.
Umbau-Performance
RUB Kultur: Welche Bedeutung hat die geplante Umbau-Performance für die Ausstellung?
Walther: Wie der Umbau sein wird, kann ich noch nicht sagen. Das hängt von dem Aufbau ab, der ja nur in Umrissen vorab festgelegt ist. Der Umbau wird zeigen, dass die Formen nicht hermetisch sind, sondern auf den Raum hin die verschiedensten Bezüge entwickeln können.
RUB Kultur: Wie gefallen Ihnen die Räume im Kubus?
Walther: In den Räumen im Kubus werde ich gut arbeiten können. Ich denke, dass die Werkstücke diesen Dreiklang haben: Die Konfiguration der Formen in sich, ihr Bezug zueinander und das Gesamtverhältnis zum Architekturraum.
RUB Kultur: Was ist an der Ausstellung im Kubus einzigartig?
Walther: Ich gehe immer auf die gegebenen Räume ein. Die Werkstücke müssen sich auf diese beziehen. Dieser Bezug sollte sich den Besuchern unmittelbar mitteilen. Ein Werkaufbau stellt immer eine Herausforderung dar. Dass ich klar entscheiden konnte, welche Werkgruppe in welchem Raum ihren Ort haben kann, spricht für den Kubus. Es sind ja nicht die Ausstellungsräume allein, auf die ich reagiere, sondern die gesamte Architektur, die ja den Rahmen bildet.
RUB Kultur: Sind Museen überhaupt der richtige Ort für partizipatorische Kunst?
Walther: Sie sind dafür sicher nicht der einzige Ort. Für mein Anliegen jedoch brauche ich die Nähe zu Räumen und Formen der Kunst; ob das nun Museen, Kunsthallen oder Galerien sind, spielt keine Rolle.
Zurück zu den Innenräumen
RUB Kultur: Nachdem die ersten Stand- und Schreitstücke für Außenräume geschaffen wurden, was hat sie bewogen, wieder mit Innenräumen zu arbeiten?
Walther: 1977/78 hatte ich das Gefühl, dass die räumliche Ausdehnung, die sich in schierer Dimension zu verlieren drohte, wieder auf räumlich überschaubare Maße zurückgeführt werden müsse und die formale Reduktion in den Schreitbahnen, Schreitsockeln und Standstellen war ebenfalls nicht weiter zu führen. Eine Lösung war hier nur in Innenräumen zu finden, mit dem Akzeptieren einer wieder bildhaft werdenden Werkform. Das führte zu den „Wandformationen“ und den diesen folgenden Werkgruppen.
RUB Kultur: Hilft es dem Publikum bei der Auseinandersetzung mit Kunst, dieser in einem Museum zu begegnen, wo Kunst als solche ausgewiesen und erkennbar ist? Und hilft das auch dem Werk oder kann es schaden?
Walther: Ich bin kein Soziologe und kann Ihnen daher diese Frage nicht beantworten. Kunst braucht einen angemessenen Ort zu ihrer Präsentation. Das muss nicht zwingend ein Museum sein. Menschen, die den Definitionsraum „Museum“ zur Einschätzung von Kunst brauchen, haben noch einen langen Weg vor sich.
RUB Kultur: Worin liegt der Reiz partizipativer Kunst für den Künstler bzw. für das Publikum?
Walther: Das kann ich nicht sagen. Ich bin zu dem Konzept, Werke mit Handlungen zu verbinden, durch die Vorstellung gekommen, dadurch ein komplexeres Werk zu gewinnen, als es durch klassische Werkformen möglich ist.
RUB Kultur: Ist es Ihnen wichtig, das Publikum auch in seiner Unberechenbarkeit am Werk teilhaben zu lassen? Oder sehen Sie es eher als „Material“, mit dem Sie Ihre Vorstellungen umsetzen?
Walther: Ich denke nicht in Kategorien wie „Berechenbarkeit“ oder „Unberechenbarkeit“ des Publikums. Es nimmt ja auch nicht „am Werk teil“. Akteurinnen und Akteure sind bei den Werkhandlungen ihr eigenes Publikum und können in ihren Handlungen das Werk selbst hervorbringen. Das Material der Agierenden ist der eigene Körper, der in den Handlungen definierte Raum, die in den Handlungen artikulierte Zeit, der Ort, die Sprache, die Geschichte, die Erinnerung. Es ging nie darum, meine Vorstellungen umzusetzen, sondern um die Realisierung der eigenen Werkvorstellungen der Handelnden. Die Werkstücke sind der Bezugspunkt.
Mehr Toleranz
RUB Kultur: Wie offen ist das Publikum, gibt es eher „Handlungsscheu“ oder „Spielspaß“? Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?
Walther: Die Reaktion des Publikums hat sich in all den Jahrzehnten sehr wohl verändert. Von der Toleranz und dem Verständnis der Leute habe ich damals nur träumen können, doch gab es am Anfang nicht wenige Menschen, die angemessen und mit Neugier auf meine Werkkonzeption reagiert haben. In den 60er-Jahren habe ich oft die Frage gehört, was das mit Kunst zu tun habe. Heute wird oft von der Pionierleistung in dieser Kunstkonzeption gesprochen und dem Einfluss, den sie auf die Entwicklung einer handlungsbezogenen Kunst hatte. Die früher durchaus vorhandene „Handlungsscheu“ gibt es so nicht mehr. Doch auf die Leute, die hier ihren „Spielspaß“ suchen, kann ich verzichten. Die haben sich schlicht in der Haustür geirrt.
RUB Kultur: Werden Museen Ihren Arbeiten gerecht, wenn sie das Publikum diese aus Sicherheitsgründen nicht benutzen lassen?
Walther: Nicht nur in den Museen ist eine Daueraktivierung nicht möglich und auch nicht erwünscht. Ich habe daher der Lagerform von Anfang an eine große Bedeutung beigemessen. Das Lager als Werkform, doch die Handlungsformen sollen und können ja immer wieder erprobt werden. Die Lagerform kann von Werkzeichnungen begleitet werden, die meist bildhafte Formen der „inneren Modellierung“ in den Handlungen vermitteln, als auch von Fotos und Filmen, die zeigen, wie Handlungen aussehen, wenn sie betrachtet werden.
RUB Kultur: Kann die Idee so ausreichend vermittelt werden?
Walther: Ja, die Werkkonzeption lässt sich klar vermitteln, und sie ist ja in den meisten Werkstücken der letzten Jahrzehnte bei den aufgebauten Arbeiten körperlich konkret vollziehbar. Es gibt ja auch Werkgruppen, die allein in Vorstellungshandlungen ihre Bedeutung erhalten.
RUB Kultur: Sind Ihre Zeichnungen Werke für sich, oder „nur“ Ergänzungen/Handlungsanweisungen für die zugehörigen Werkstücke?
Walther: In den Werkzeichnungen sind mehrere Ebenen enthalten, doch sie können sicher als eigene Werke gesehen werden, schon ihrer Bildhaftigkeit wegen. Sie enthalten Formvorstellungen und Begriffe, die aus den Werkhandlungen entstanden sind. Sie sind weder „Ergنnzungen“ noch „Handlungsanweisungen“. Damit könnte ich nicht die Bildkraft gewinnen, die doch ein wesentlicher Bestandteil der Werkzeichnungen ist.
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