RUBENS Nr. 168 - 1. April 2013
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Raus aus dem Flaschenhals

Biologen lernen „Paper“ schreiben – und zwar mit Begeisterung

Viele Doktoranden und PostDocs kennen das „Flaschenhals-Phänomen“: Beim Verfassen eines wissenschaftlichen Artikels wollen sie sich mit ihrem Chef abstimmen, aber der hat den Schreibtisch voller Manuskripte. Nur peu à peu kommt er dazu, alle Texte seiner Mitarbeiter zu überarbeiten. In der Biologie hat nun ein innovativer Workshop Abhilfe geschafft. Forscherinnen und Forscher aus den Arbeitsgruppen der Juniorprofessoren Julia Bandow und Lars Leichert durchliefen einen Schreib-Crashkurs. Zu der Erfolgsmischung gehörten: ein ehemaliger Editor der Spitzenzeitschriften „Science“ und „Nature“, ein Schreibexil auf Wangerooge und natürlich jede Menge Motivation.

„Die Idee für den Workshop wurde geboren, weil ich sechs bis sieben Manuskripte auf dem Schreibtisch hatte, die ich überarbeiten musste“, erzählt Julia Bandow, Leiterin der Nachwuchsgruppe Mikrobielle Antibiotikaforschung. „Ich hatte den Eindruck, dass man die Inhalte oft noch besser verkaufen könnte.“ Also stellte sie gemeinsam mit Lars Leichert und unterstützt von der Research School (s. „Mehr als einfach nur promovieren“) einen Workshop auf die Beine. Das Ziel: Die Nachwuchswissenschaftler sollten lernen, wie man ein Paper optimal konzipiert und schreibt, sodass die Begeisterung, die sie für die eigene Forschung aufbringen, auch auf die Leser überspringt. „Die Doktoranden und PostDocs von heute haben irgendwann ja auch ihre eigenen Arbeitsgruppen. Dann gibt es niemanden mehr, der ihnen die Manuskripte überarbeitet“, sagt Julia Bandow.
Interessenten für den Workshop fanden sich sofort und zahlreich. Auch Sebastian Nilewski, Doktorand am Medizinischen Proteom-Center, war von der Idee begeistert. Im Team von Lars Leichert betreibt er Grundlagenforschung (s. „Meeresgene und Schwimmunterricht“). Das macht ihm riesigen Spaß; aber aus seinen Ergebnissen eine erfolgreiche Story zu machen, bezeichnet er als Herausforderung. „Ich habe meine Daten noch nicht publiziert“, erzählt der Biologe. „In dem Workshop bekomme ich hoffentlich Informationen, die mir helfen, dass es klappt. Bislang habe ich die Darstellung meiner Ergebnisse immer mit meinem Chef ausklamüsert. Schön wäre es natürlich, wenn es in Zukunft auch alleine klappt.“

Der Workshop

Zum Auftakt luden die Workshop-Organisatoren Richard Gallagher ein, der u.a. als Editor für die renommierten Zeitschriften „Science“ und „Nature“ gearbeitet hatte. Etwa 30 Teilnehmern verriet der Brite Tipps und Tricks für die Konzeption eines Manuskripts, und erklärte, welche Paper das Zeug haben, in einem Top-Journal unterzukommen. Die Statistiken schrecken zunächst ab. „Nature“ veröffentlicht nur etwa acht Prozent der eingereichten Artikel; 75 Prozent lehnen die Editoren ab, ohne sie überhaupt an Gutachter geschickt zu haben. „Ein Editor weiß, dass er unglaublich wenig Platz in der Zeitschrift hat“, erzählt Richard Gallagher. „Seine Grundeinstellung zu jedem neuen Paper ist deshalb: Wie um alles in der Welt kann ich dieses hier wieder loswerden?“ „Es war schon sehr hilfreich, mal ein paar Informationen aus dem Inneren des Systems zu bekommen“, meint Sebastian Nilewski nach der Veranstaltung.
Dann ging es im kleinen Kreis weiter; fünf Doktoranden und PostDocs aus den Gruppen von Julia Bandow und Lars Leichert stellten ihre Ergebnisse in Kurzvorträgen vor. Gemeinsam mit Richard Gallagher diskutierten sie, auf welche Aspekte sie beim Verfassen des Manuskripts am meisten Wert legen sollten, und bekamen nützliche Hinweise für den Aufbau. Das Ganze hatte laut Julia Bandow noch einen positiven Nebeneffekt: „Durch den Workshop gab es sehr viel Austausch unter den Kollegen.“
Anschließend hatten die Teilnehmer fünf Wochen Zeit, um z.B. letzte Experimente durchzuführen oder Abbildungen zu erstellen. Dann packten sie für eine Woche die Koffer und fuhren nach Wangerooge. Dort wurde geschrieben, geschrieben, geschrieben. Was das gebracht hat, erzählt Sebastian Nilewski im Interview.


Schreiben ohne Versuchung - Ein Gespräch mit Sebastian Nilewski
Mit vier weiteren Doktoranden bzw. PostDocs und zwei Arbeitsgruppenleitern war Sebastian Nilewski eine Woche auf Wangerooge im „Schreibexil“. Wie weit er mit seinem Paper gekommen ist und was der Workshop zum Verfassen wissenschaftlicher Artikel gebracht hat, hat er Autorin Julia Weiler erzählt.

Ist dein Paper fertig geworden?
Nicht komplett; ich glaube, das war bei uns allen so. Wir sind allerdings auch mit relativ unterschiedlichen Voraussetzungen angereist. Ein paar hatten schon etwas in Bochum geschrieben, ein paar – wie ich auch – sind komplett ohne Text nach Wangerooge gekommen. Besonders hilfreich war der Austausch mit den anderen. Das hat super funktioniert.
Konstruktive Kritik üben zu lernen, war ja auch ein Ziel des Workshops.
Genau. Wenn wir ein Kapitel fertig hatten und jemand ein bisschen Freiraum hatte, um es zu lesen, haben wir die Texte untereinander ausgetauscht. Dann haben wir uns zusammengesetzt und diskutiert. In unserem Workshop-Programm stand aber nicht: An Tag XY müssen wir uns austauschen. Das war alles recht flexibel. Wer Feedback brauchte, hat das gesagt, und das hat gut geklappt.

Wie sahen eure Tage auf Wangerooge aus?
Der Tag begann immer mit einem gemeinsamen Frühstück. Dann hat sich jeder an sein Plätzchen gesetzt und bis abends geschrieben – natürlich mit einem Mittagessen zwischendurch. Es war schon ein ziemlich konsequentes Arbeiten. Die Stimmung war gut und es hat Spaß gemacht!

Schreiben auf Wangerooge – bringt das mehr als in Bochum?
Es hat etwas gebracht, mal komplett losgelöst vom Laboralltag zu sein. Man kam also nicht in die Versuchung, ins Labor zu gehen, wenn man gerade keine Lust mehr hatte zu schreiben. Für die Konzentration war das schon gut. Prinzipiell muss es natürlich nicht Wangerooge sein; vielleicht könnte man sich in Zukunft auch einen Ort aussuchen, der etwas näher bei Bochum liegt.

Welcher Teil des Workshops war für dich am hilfreichsten?
Das Seminar von Richard Gallagher war sehr aufschlussreich – mal zu sehen, wie es hinter den Kulissen zugeht. Das hilft, seinen eigenen Schreibstil zu überdenken. Am meisten hat mir – und ich denke auch den anderen – gebracht, sich mit Leuten auszutauschen, die nicht in der eigenen Arbeitsgruppe sind. Da bekommt man eine andere Perspektive aufgezeigt. Genau das hatten Julia und Lars geplant. Wir sollten auch mal in die Rolle eines „Reviewers“ schlüpfen. Aber natürlich ist nach Wangerooge nicht alles vorbei. Ich kann mir vorstellen, dass wir auch weiterhin mit den Leuten, die teilgenommen haben, in Kontakt bleiben, und uns über zukünftige Paper austauschen.

Geht beim nächsten Paper also alles leichter?
Leichter würde ich nicht sagen. Vielleicht strukturierter. Man hat in dem Workshop ein Gefühl dafür gewonnen, worauf man sich zuerst konzentrieren sollte.

Dein Fazit?
Es lohnt sich auf jeden Fall, auch in Zukunft solche Seminare weiterzuführen!

 

Meeresgene und Schwimmunterricht
Ohne Daten kein Paper, das ist klar. Aber auch gute Daten sind nicht immer leicht in Textform darzustellen. „Man muss sich überlegen, wie man seine Ergebnisse am besten verkauft, sodass jeder sie versteht und sie Interesse beim Leser wecken“, sagt Sebastian Nilewski. Wer ein neues Medikament gegen Krebs entdeckt, hat es leicht, eine spannende Geschichte zu erzählen. Wer aber wie er selbst Grundlagenforschung betreibt und neue Methoden etabliert, muss sich einen knackigen Aufhänger manchmal mühsam überlegen: „Aus dem Projekt eine Story zu machen, ist für mich die größte Herausforderung.“ Der Biologe arbeitet mit Daten aus dem „Global Ocean Sampling“-Projekt, in dem Wissenschaftler über 17 Mio. Gene im Meerwasser fanden, deren Funktion größtenteils unbekannt ist. In den Daten sucht er nach solchen Genen, die die Bauanleitung für bestimmte Enzyme, die Thiol-Disulfid-Oxidoreduktasen, enthalten. Diese Proteine schützen Zellen vor schädlichen Sauerstoffspezies, die z.B. Alterungsprozesse auslösen.
Um zu testen, ob ein „Meerwasser-Gen“ den Code für eine Thiol-Disulfid-Oxidoreduktase besitzt, entwickelt Sebastian Nilewski im Team von Lars Leichert neue Methoden – etwa einen Schwimmtest für E. coli. Um sich fortzubewegen, braucht dieses Bakterium eine funktionstüchtige Oxidoreduktase. Der Doktorand arbeitet mit E. coli-Stämmen, die nicht schwimmen können, weil ihnen dieses Enzym fehlt. Er baut eines der unbekannten Gene in E. coli ein und schaut, ob die Bakterien anschließend wieder schwimmen. Falls ja, weiß er, dass das neue Gen die Bauanleitung für eine Oxidoreduktase besitzt. Ähnliche Tests entwickelt er, um die neuen Gene auch auf andere Enzymfunktionen zu überprüfen. Bis dafür die optimalen Parameter gefunden sind, vergehen schon mal einige Monate im Labor. Das macht dem Doktoranden allerdings nichts aus. „Meine Arbeit macht mir wirklich Spaß“, erzählt er, „obwohl ich, als ich anfing, Bio zu studieren, eigentlich was mit Tieren oder Pflanzen machen wollte – nicht im Labor stehen.“


Research School: Mehr als einfach nur promovieren
Die RUB Research School ist die universitätsweite Graduiertenschule der Ruhr-Uni Bochum. „Wir bieten eine ganze Reihe von Kursen und Veranstaltungen für Doktorandinnen und Doktoranden aller Fachbereiche an, um fachliche und überfachliche Kompetenzen zu fördern“, sagt Dr. Ursula Justus aus dem Central Coordination Office. „Es ist uns ein Anliegen, die Doktoranden dabei zu unterstützen, selbständige Nachwuchswissenschaftler zu werden.“ In der Research School können z.B. alle Mitglieder kostenlos an Kursen über Wissenschaftskommunikation teilnehmen. „Scientific Writing“, „Scientific Presentation“ und „Professional Communication“ stehen regelmäßig auf dem Programm. Die Research School unterstützt aber auch einmalige oder neue Formate, wie etwa den Schreibworkshop von Julia Bandow und Lars Leichert. Mehr Infos: www.research-school.rub.de

jwe, Foto: Nelle | Themenübersicht