Die Krusten der Geschichte
Ein neuer Blick aufs Mittelalter
Beim Stichwort Mittelalter sehen viele gleich Ritter, Minnesänger, Düsternis vor sich. Was ist da dran? Wie kommt es zu unserem Bild dieser Zeit und welche Mittelalterbilder herrschen außerhalb Europas vor? Warum und mit welcher Begründung wurde bzw. wird ein „Mittelalter“ auch für viele nichteuropäische Weltregionen „gefunden“? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Studierende verschiedenster Fachbereiche ein ganzes Jahr lang im Projekt „MittelalterRealitäten“, gefördert im Programm „Forschendes Lernen“. Ihre Ergebnisse sind im Februar in einer Ausstellung im Mensafoyer der RUB zu sehen.
Das Mittelalter als solches ist schwer zu fassen. „Das fängt schon bei der zeitlichen Einordnung an“, sagt Anja Batram (im Bild rechts), die das Projekt koordinierte. „Man kann alles darunter fassen, vom 6. Jahrhundert bis zum Buchdruck.“ In anderen Kulturen sieht es etwas anders aus: China und Japan kennen zwar den Mittelalter-Begriff, allerdings bezieht er sich auf andere Zeitspannen. „Zudem wurde diese Periodisierung der Geschichte von Deutschland aus nach Asien exportiert“, erklärt Jan Schmidt (im Bild links), Leiter eines der Seminare im Projekt. Womit er beim Thema ist: Vieles, was wir heute über das Mittelalter zu wissen meinen, sind Zuschreibungen und Interpretationen viel späterer Zeiten. So wurden die berühmten mittelalterlichen Burgen entlang des Rheins größtenteils erst im 19. Jahrhundert neu aufgebaut. Neuere Zeiten brauchten das „düstere Mittelalter“ mitunter, um sich davon abzuheben und ihre eigene Fortschrittlichkeit zu betonen. Auch der Nationalsozialismus nahm etwa in Form von Festumzügen auf das Mittelalter Bezug, um seine Version „gesunder“, „germanisch“ geprägter Kultur und Kunst zu fördern.
Kein Mittelalter?
Dieser kritische Blick auf die Geschichte führte bei den Teilnehmern durchaus zu Irritationen. „Gab es denn gar kein Mittelalter?!“ „Doch, gab es natürlich“, sagen die Dozenten, „aber man muss versuchen, die zahlreichen Schichten bzw. Krusten der Rezeption späterer Zeiten abzuschälen.“ Häufig gibt es von bestimmten Gruppierungen des Mittelalters keine eigenen Aufzeichnungen, sondern nur Zeugnisse der Verärgerung der Mächtigen der Zeit über diese Gruppen. Diese Erfahrung hat auch Fenja Reuter (Bildmitte) gemacht, Studentin der Geschichte und Archäologie im 7. Semester. Sie befasste sich intensiv mit den Beginen im Mittelalter und in der Gegenwart. Diese semireligiöse Lebensgemeinschaft von Frauen entwickelte sich im Mittelalter und unterschied sich deutlich von der in Klöstern. In ihrer Anfangszeit duldete die Kirche die Beginen. Ein neuer Papst und ein verstärkter Zulauf jedoch änderten die Voraussetzungen: Es kam zu Verfolgungen. Fenja Reuter konnte sich auf Fachliteratur zu Originalquellen stützen. Auch tat sie einen Bericht einer mittelalterlichen Begine auf, die aufgrund dessen schließlich verbrannt worden ist, und konnte so Informationen aus erster Hand auswerten. Im Vergleich mit heutigen Beginen zeigt sich, dass die christliche Einstellung weitgehend unverändert ist, die heutigen Beginen aber sehr viel weiter gehen. Sie fordern z.B. Erneuerungen der Kirche wie die Priesterweihe für Frauen. „So oder ähnlich wurden viele Konzepte aus dem Mittelalter in die Moderne übertragen und weiterentwickelt“, sagt Anja Batram.
Ihre Ergebnisse hat Fenja Reuter auf einem Poster zusammengefasst, das in der Ausstellung zu sehen ist. Zu den weiteren Themen gehört z.B. eine Umfrage auf Mittelaltermärkten: Wie genau nehmen es die Aussteller mit der Authentizität? Worauf kommt es Besuchern an? Ein Poster präsentiert Ergebnisse zur mittelalterlichen Musik, eines das Thema Wald. Auch mittelalterliche Medizin kommt zur Sprache, ebenso das Mittelalter in japanischen Computerspielen und die Heldenverehrung ideologisch im 19. und 20. Jahrhundert gut „nutzbarer“ mittelalterlicher Kriegergestalten in der japanischen Geschichte.
Konzepte hinterfragen
Um ihre Arbeiten für ein größeres Publikum aufzubereiten, konnten die Studierenden Seminare zur Ausstellungsdidaktik besuchen. Eine Vorab-Präsentation vor Studierenden diente als Probelauf, ob auch Nicht-Eingeweihte die Poster verstehen und interessant finden. „Die Mischung der Studierenden, die die Veranstaltung über den Optionalbereich belegen konnten, war sehr bereichernd“, sagt Jan Schmidt. „Gerade Nichtgeisteswissenschaftler haben die schwierigsten und damit anregendsten Fragen gestellt und manchmal erst darauf aufmerksam gemacht, dass so manches eingefleischte Konzept gar nicht so durchdacht war.“ Ebenfalls vorbereitend auf die Ausstellung – oder auch eine spätere Tätigkeit im Museumsbereich – waren verschiedene Exkursionen u.a. ins LWL-Museum für Archäologie in Herne, das im Kulturhauptstadtjahr eine große Mittelalterausstellung gezeigt hat, oder ins Schloss Strünkede.
Beide Seminarleiter sehen das aufeinander abgestimmte Ensemble aus Ringvorlesung, Seminaren, Workshops und Ausstellung unter der Koordination einer eigens dafür eingestellten Person als Erfolg – auch, weil es bei aller intensiven Auseinandersetzung mit einem Thema für Dozenten und Studierende keinen Mehraufwand über das normale Curriculum hinaus bedeutet. „Rückblickend hätten wir vielleicht gerne etwas mehr Vorlaufzeit gehabt, wodurch wir früher hätten anfangen können zu werben“, sagen beide. Ihre Evaluation wird ins Programm Forschendes Lernen eingehen. Nicht umsonst ist das Förderprogramm darauf angelegt, Konzepte zu unterstützen, die übertragbar sind.
Info: Die Ausstellung im Mensafoyer mit rund 20 Postern läuft vom 18.2.-1.3. Zur Eröffnungsfeier am 18. Februar (11 h) sind Interessierte herzlich eingeladen. Am 15. & 16.2. findet für alle beteiligten Dozenten ein Workshop statt, der dem gegenseitigen Austausch dienst. Er ist auch für Studierende geöffnet.
md; Foto: Nelle | Themenübersicht

