RUBENS Nr. 167 - 1. Feb. 2013
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Wie war's bei Ihnen, Frau Doktor?

Promovieren in den Geistes- und Naturwissenschaften – nicht ganz das Gleiche

Sie sind beide 30 Jahre alt und teilen sich heute ein Büro in der Stabsstelle für Strategische PR und Markenbildung der RUB. Julia Weiler und Maren Volkmann haben aber noch eine Gemeinsamkeit: Beide haben vor zwei Jahren an der RUB promoviert und dürfen sich seitdem „Frau Doktor“ nennen. Julia hat ihren Doktor in der Neurowissenschaft gemacht, Maren in der Germanistik. Als sich die beiden einmal zufällig über ihre Promotion unterhielten, fiel häufig der Satz „Das lief bei mir komplett anders!“. Schnell war die Idee geboren, zu vergleichen, wie sich die Promotion in den Natur- und in den Geisteswissenschaften unterscheidet – oder eben nicht. Das Ergebnis gibt es in einem (ganz persönlichen) RUBENS-Fakten-Check.

Wie bist du auf die Idee gekommen, zu promovieren?

Julia: Gute Frage. Ehrliche Antwort? Ich habe Bio studiert und wusste danach nicht wirklich, was ich machen wollte, konnte mir aber vorstellen, in die Forschung zu gehen. Da war die Promotion der einzige logische Schritt.

Maren: Wir waren damals im WS 2001/02 der erste Jahrgang an der RUB, der „so richtig“ auf Bachelor/Master studiert hat. Nach zehn Semestern Germanistik hatte ich das Gefühl: „Wow, das war schnell – zu schnell“. Ich wollte mich noch einmal in ein Thema vertiefen.

 

Wie bist du auf dein Promotionsthema gekommen?

Julia: Durch ein Brainstorming mit meiner Chefin, die einen interessanten Artikel von einem Kooperationspartner in der Klinik zugeschickt bekommen hatte. Nachdem sich die Neurowissenschaftler jahrzehntelang intensiv mit dem Gedächtnis beschäftigt hatten, kam 2007 plötzlich die Frage auf, wie das Gehirn eigentlich Zukunftsgedanken konstruiert. Kurz und knapp gesagt habe ich versucht rauszufinden: Wie unterscheidet das Gehirn Erinnerungen von Zukunftsgedanken?

Maren: Eigentlich habe ich mein Hobby zum Thema meiner Dissertation gemacht. Ich habe jahrelang in einer Frauenrockband Musik gemacht, und die Musikszene ist immer noch eine ganz schöne Männerdomäne. Als Frau wird man oft nicht ernst genommen. Also habe ich mich gefragt, wie weibliche Autorinnen Frauenbands in zeitgenössischer Pop-Literatur darstellen – und was das über den Stand des Feminismus aussagt. Im Nachhinein war es genau das Richtige, ein Thema zu wählen, was mich langfristig begeistern konnte!

 

Hast du intern oder extern promoviert?

Julia: Intern. Nachdem ich während meiner Diplomarbeit die kalifornische Sonne genossen hatte, habe ich für die Promotion an der RUB geforscht. Da ich Mitglied der International Graduate School of Neuroscience und der Research School war, war ich in einem strukturierten Promotionsprogramm. Das heißt, ich musste zum Beispiel Soft Skills-Kurse absolvieren, Vorlesungen besuchen und regelmäßig an Symposien teilnehmen. Klingt nach viel Pflicht, hat aber auch viel gebracht!

Maren: Extern. Meine Promotion hat sich hauptsächlich zuhause oder in der UB abgespielt, weil mein Doktorvater als Privatdozent an der RUB gearbeitet hat und keinen Lehrstuhl innehatte. Da ich damals seine einzige Doktorandin war, hat natürlich der Austausch mit Gleichgesinnten gefehlt. Ein anderer Germanistik-Professor hat mir dann „Asyl“ in seinem Promotionskolloquium gegeben; das war sehr hilfreich. Aber auch im Internet, zum Beispiel unter www.doktorandenforum.de, habe ich mir hin und wieder Tipps geholt.

 

Wie sah ein typischer Tag bei dir aus?

Julia: Einen typischen Tag gab es eigentlich nicht – und das war gut so! Viel Zeit habe ich im EEG-Labor verbracht, einige Samstage war ich von morgens bis abends mit meinem Chef in der Klinik, um den Kernspintomografen zu nutzen, oft habe ich Schlaganfallpatienten oder ältere Menschen getestet. Natürlich habe ich auch Studenten betreut und Seminare gehalten. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten. Es gab aber auch einsamere Tage vorm Computer, wenn ich Programme für die Datenauswertung geschrieben oder Statistik gerechnet habe.

Maren: Die „einsameren Tage vorm Computer“, die Julia beschreibt, kenne ich sehr gut – schließlich bin ich ja Geisteswissenschaftlerin! Mein erstes Promotionsjahr bestand eigentlich ausschließlich aus dem Kopieren von wissenschaftlichen Artikeln und Lesen, Lesen, Lesen. Sozusagen ein Leben zwischen Copy Shop und heimischer Couch. Irgendwann – damals habe ich selbst kaum mehr daran geglaubt – habe ich dann tatsächlich angefangen, meine Ergebnisse niederzuschreiben, was mir endlich das Gefühl gab, tatsächlich etwas zu tun. Durch meine Jobs (siehe Finanzierung) haben sich diese Arbeiten meist abends oder am Wochenende abgespielt.

 

Bist Du auch mal an deine Frustrationsschwelle geraten?

Julia: Definitiv! Wenn man einen ganzen Tag in einem fensterlosen EEG-Labor verbringt und die Daten anschließend wegen ominöser Störungen „in die Tonne kloppen kann“, dann ist das echt frustrierend. Aber unser Lehrstuhlmotto war immer: Alles wird gut! Und das war auch so.

Maren: Oh ja! Am Anfang war ich noch hochmotiviert, aber als die Literaturliste immer länger wurde, habe ich teilweise den berühmten Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Richtig bergauf ging es erst, als die Struktur meiner Diss stand und ich ein klares Ziel vor Augen hatte. „Mach’ feddich!“, hieß es dann nur noch.

 

Wie hast du dich während der Promotion finanziert?

Julia: Das war Patchwork: Zwei Jahre lang hatte ich ein Stipendium der International Graduate School of Neuroscience. Anschließend habe ich, parallel zur Forschung an der RUB, für ein Semester einen Lehrauftrag in Wuppertal angenommen. Die Hin- und Herfahrerei war zwar mühsam – vor allem im Winter brach auf den verschneiten Wuppertaler Hügeln das Chaos aus. Aber die Lehre hat unheimlich Spaß gemacht, weil die Studenten einfach super waren! Zuletzt war ich dann an meinem RUB-Lehrstuhl als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt.

Maren: Ich habe als freie Journalistin, Kurierfahrerin, Promoterin, Lehrbeauftragte, Mitarbeiterin bei einem Ebook-Dienstleister und im Callcenter gearbeitet – natürlich alles gleichzeitig. Also auch eine Art „Patchwork“. Auch wenn die Nebenjobberei viel Koordination erforderte, habe ich so viele verschiedene Bereiche kennengelernt, die rein gar nichts mit der Wissenschaft zu tun hatten. Das hat mir aber nicht geschadet: Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, haben mir im späteren Berufsleben immer wieder Vorteile verschafft.

 

Hattest du die Möglichkeit, wissenschaftliche Veranstaltungen wie Konferenzen zu besuchen?

Julia: Bei uns am Lehrstuhl war es üblich, eine große Konferenz pro Jahr zu besuchen. Ich bin immer mit ein paar Kollegen zum Meeting der Cognitive Neuroscience Society gefahren. Dort trafen sich etwa 2000 Wissenschaftler aus aller Welt. Das hat mich zweimal nach San Francisco und einmal nach New York gebracht. Die Reisen haben aus verschiedenen Gründen einen Mordsspaß gemacht! Zusätzlich waren wir auch noch auf kleineren Tagungen in Deutschland.

Maren: Spätestens hier kann ich mit Julia nicht mehr mithalten. Und ich muss zugeben, dass ich ein wenig neidisch bin! Als externe Doktorandin sind solche „schillernden Events“ (hier spricht wieder der Neid) vollkommen an mir vorübergezogen. Aber mal ehrlich: Als Germanistin hätte ich mich in San Francisco oder New York vermutlich sowieso nicht wohlgefühlt – man denke nur an all diese schrecklichen Anglizismen!

 

Dann endlich der große Tag: Wie hast du deine mündliche Prüfung erlebt?

Julia: Meine Prüfung war öffentlich. Jeder, der Lust hatte, konnte kommen und Fragen stellen. Vor der Prüfung war ich überzeugt davon gewesen, dass ich vor Nervosität sterben würde, aber urplötzlich war ich ganz ruhig. Zunächst musste ich einen 30-minütigen Vortrag über meine Forschung halten. Dann durfte das Publikum Fragen stellen und anschließend die Prüfer. Das Ganze ging viel schneller vorbei als erwartet! Ich war beinahe ein bisschen enttäuscht, dass ich all das, was ich last minute über den Hirnstamm gelernt hatte, gar nicht erzählen durfte.

Maren: Ich glaube, ich war noch nie so aufgeregt wie an diesem Tag. Als ich Minuten vor meiner Disputation in der GB-Caféte saß, hatte ich ähnliche Todesbefürchtungen wie Julia – trotz guter Vorbereitung. In der Prüfung ging trotzdem alles glatt: Ich musste drei Thesen vortragen (nur eine der Thesen stammte aus meiner Dissertation), danach Fragen der Prüfer beantworten, also meine Thesen verteidigen. Als ich kurz nach draußen musste, damit die Prüfer über meine Note beratschlagen können, ist mir eine ordentliche Steinlawine vom Herzen gefallen.

 

Wie hast du deinen Abschluss gefeiert?

Julia: Mit dem ersten pinken Doktorhut in der Geschichte des Lehrstuhls. Bei uns ist es üblich, dass die Kollegen einen Hut basteln, der das Promotionsthema widerspiegelt. Kurioserweise hat das dazu geführt, dass ich ein Foto von Angela Merkel vor einem Weihnachtsbaum auf meinem hatte. Die pinke Farbe hatte allerdings nichts mit meiner Forschung zu tun – eher damit wie mein Büro dekoriert war. Nach der Prüfung habe ich am Lehrstuhl einen ausgegeben, dann mit Familie und Freunden zuhause weitergefeiert und schließlich bin ich abends völlig fertig ins Bett gekippt.

Maren: Unmittelbar nach der Disputation bekam ich ganz viele SMS und Anrufe. Sogar einen ehemaligen Kommilitonen, der in der Zwischenzeit nach Göteborg gezogen war, hatte ich plötzlich in der Leitung – das hat mich total gefreut, dass er an diesem für mich so wichtigen Tag an mich gedacht hatte. Alle haben richtig mitgefiebert, besonders meine Eltern, die mit Wissenschaft eigentlich gar nichts am Hut haben. Und natürlich wurde dann noch angestoßen. Dann bin ich – genauso wie Julia – „völlig fertig ins Bett gekippt“.

 

Sind denn deine Promotionsergebnisse irgendwo Schwarz auf Weiß erschienen?

Julia: Meine Ergebnisse habe ich schon während der Promotion in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Geld kriegt man dafür allerdings nicht. Im Gegenteil – oft muss man noch Publikationskosten an die Journals abdrücken! Natürlich kann man später auch die gesamte Doktorarbeit in einem Verlag veröffentlichen. Das ist aber bei uns kein Muss und kommt selten vor. Ich musste meine Arbeit nur elektronisch und in Papierform in der UB abgeben.

Maren: Ja! Die Germanisten müssen ihre Dissertation innerhalb von zwei Jahren nach der mündlichen Prüfung auf eigene Kosten veröffentlichen. Da mein Doktorvater Herausgeber einer Schriftenreihe ist, in die mein Thema perfekt hineinpasste, war relativ schnell klar, dass meine Arbeit dort erscheinen wird. Ich hatte zwar auch bei „renommierten“ Verlagen angefragt, dort hätten die Druckkosten aber etwa 4.500 Euro betragen – eine stolze Summe, wenn man ohnehin nicht vorhat, in der Wissenschaft zu bleiben.

 

Wie ging es danach weiter?

Julia: Auf jeden Fall viiieeel entspannter. Ich habe als Postdoc noch ein paar Monate am Lehrstuhl gearbeitet, wusste aber schon, dass ich nicht in der Forschung bleiben wollte. Also habe ich parallel ein Praktikum in der Pressestelle der RUB absolviert. Knapp ein Jahr nach meiner Prüfung bin ich dann Vollzeit in die Pressestelle und Stabsstelle für Strategische PR und Markenbildung gewechselt, wo ich hauptsächlich über naturwissenschaftliche Themen schreibe.

Maren: Auf jeden Fall gaaanz anders. An dem Tag, als ich meine Dissertation beim Prüfungsamt abgegeben hatte, habe ich als Redaktionsassistentin bei einer regionalen Tageszeitung angefangen. Nach drei Jahren Theorie wälzen war dieser Sprung in die Praxis sehr gewöhnungsbedürftig und die Tage zuweilen extrem stressig. Danach habe ich volontiert und im November 2011 als Redakteurin in der Stabsstelle für Strategische PR und Markenbildung an der RUB angefangen.

 

Jetzt bist du „Frau Doktor“ – und was hast du davon?

Julia: In meinem Job bin ich immer noch sehr nah an der Naturwissenschaft. Die wissenschaftliche Denkweise, die ich während der Promotion gelernt habe, hilft mir, komplexe Sachverhalte zu verstehen oder zu hinterfragen. Außerdem ist es sehr nützlich, die Publikationskultur und den Forscheralltag zu kennen. Wenn ich heute mit Wissenschaftlern zusammenarbeite, fällt es mir so leichter nachzuvollziehen, was ihnen wichtig ist, wenn wir ihre Ergebnisse an die Öffentlichkeit bringen.

Maren: Gute Frage. Im Journalismus ist es nicht unbedingt ein Vorteil, einen Doktor in seinem Namen zu haben. Leider herrscht an vielen Stellen noch das Vorurteil, dass man sich mit einem Titel für etwas Besseres hält – und das mögen altgediegene Redakteure ganz und gar nicht! Was ich für mich gelernt habe: Promovieren ist kein Hexenwerk! Wer Spaß an seinem Thema hat, hin und wieder die Zähne zusammenbeißt und diszipliniert ist, schafft das.

 

Wenn du die Wahl hättest: Würdest du es noch einmal tun?

Julia: Auf jeden Fall. Es war eine anstrengende Zeit, aber die Mühe hat sich gelohnt! Außerdem hat man an der Uni ja auch viele Freiheiten, die man woanders im Berufsleben nicht hätte. So selbstständig und flexibel arbeiten zu können, ist schon toll!

Maren: Was sind Herausforderungen, wenn man sie nicht annimmt? Ich glaube, es würde mir heute wie eine verpasste Chance vorkommen, hätte ich nicht promoviert. Ich bin jetzt zwar nicht reich und berühmt, aber ich weiß, was ich alles schaffen kann. Das ist auch was wert!

 

Promovieren an der RUB
Über 2.000 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler promovieren momentan an der RUB. Seit November 2012 sind alle Doktorand/innen automatisch Mitglieder der RUB Research School. Die Research School wurde 2005 im Zuge der ersten Runde der Exzellenzinitiative ins Leben gerufen und hatte das Ziel, die begabtesten Doktorandinnen und Doktoranden zu fördern. Seit 2012 agiert die Graduiertenschule als fachübergreifende, universitätsweite Einrichtung; herausragende Promotionsvorhaben werden fortan in der RUB Research School plus gefördert. Weitere Infos: http://www.research-school.rub.de

jwe/mv; Foto: Nelle | Themenübersicht