RUBENS Nr. 167 - 1. Feb. 2013
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Abschaffung der Abschaffung?

Studiengebühren - Ein Gespräch mit einem Professor und einem Studenten

Ein Jahr nach Abschaffung der Studiengebühren in NRW ist die Debatte über die Finanzierung der Hochschulen längst nicht abgeschlossen. In Niedersachsen und Bayern waren bzw. sind Studiengebühren Wahlkampfthema. Ein neues Finanzierungkonzept mit dem Namen „UniSol 35 plus“ hat jetzt der Bochumer Ökonom Stefan Winter vorgelegt. Die öffentliche Vorstellung des Konzepts erfolgte Anfang Dezember auf einer Fachtagung der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Basis ist eine Solidarabgabe, die erst nach dem Studium erhoben wird – und zwar nur von denjenigen Absolventen, deren Jahreseinkommen 35.000 Euro brutto überschreitet: Nachgelagert, solidarisch und gerecht sind die Aspekte, die „UniSol 35 plus“ laut Prof. Winter charakterisieren. Stefania Parnici hat ihn zu seinem Konzept befragt. Was aber halten die Studenten von dieser geplanten Abschaffung der Abschaffung? Zum Beispiel ausländische Studierende, die genau deswegen nach Deutschland gekommen sind, weil hier die Kosten für das Studium im Vergleich zu ihren Heimatländern wesentlich geringer sind? RUBENS hat darüber mit Daniel Terheyden-Keighley (23, Foto) aus Leeds gesprochen und stellt seine Ansichten denen von Prof. Winter gegenüber. Daniel studiert seit Oktober 2011 den „International Master of Molecular and Developmental Stem Cell Biology“ an der RUB.


RUBENS: Herr Prof. Winter, wann und warum haben Sie sich erstmals wissenschaftlich mit Studiengebühren bzw. deren Abschaffung beschäftigt?
Stefan Winter: Als vor einigen Jahren in Deutschland die Debatte über die Einführung von Studiengebühren losging, stellte sich natürlich auch in NRW die Frage, wie man dazu steht. Das betraf nicht nur die Landespolitik, sondern auch einzelne Unis und Fakultäten. Unsere Fakultät hat sich damals sehr intensiv damit auseinandergesetzt. Schließlich haben wir eine Stellungnahme für die Einführung von Studiengebühren abgegeben. Vor zwei Jahren habe ich dann im Landtag an einer Experten-Anhörung teilgenommen und mich vorab erneut sehr eingehend mit Pros und Contras beschäftigt – und auch damit, wie das Thema in der restlichen Welt gehandhabt wird.
Ich denke, in Deutschland gibt es zu viele Themen, bei denen fast nur mit Emotionen gearbeitet wird und nicht mit Sachargumenten. Die Diskussion zu Studiengebühren ist hoch emotional. Wenn wir uns die Debatten in den Parlamenten über die Abschaffung von Studiengebühren ansehen, gibt es immer ein einziges Argument: Die Studiengebühren sind sozial ungerecht, man muss sie abschaffen, weil sie sozial schwächere Menschen von Bildung ausschließen. Das ist alles. Nicht diskutiert wird z.B., wie, wann und vom wem Gebühren erhoben werden könnten. Es wird auch nicht auf andere Länder und deren zum Teil langjährige Erfahrungen geschaut. Seit Australien 1989 Studiengebühren eingeführt hat, studieren dort wesentlich mehr Menschen als früher – aus allen sozialen Schichten.

3 Mrd. für Chefärzte


RUBENS: Wie sollten Studiengebühren Ihrer Meinung nach ausgestaltet werden?
SW: Es gibt ja zwei prinzipielle Möglichkeiten, Studienplätze zu finanzieren: entweder öffentlich aus Steuermitteln oder privat über Gebühren. Natürlich kann man beides auch kombinieren. Bei der reinen Steuerfinanzierung treten jedoch erhebliche Probleme auf. Beispielsweise arbeiten inzwischen 17.000 deutsche Ärzte im Ausland, vor allem in der Schweiz. Deren Ausbildung hat die Bundesländer knapp über 3 Mrd. Euro gekostet, von denen kein einziger Euro über Steuern zurückfließt. Ferner muss man sich natürlich die Frage stellen, wofür man in Zeiten knapper Kassen Steuermittel ausgeben will. Und da halte ich es, gelinde gesagt, für einen bildungspolitischen Offenbarungseid, dass wir einerseits nicht genügend Kindergartenplätze haben, an den Schulen in erheblichem Umfang der Unterricht ausfällt und 7 Prozent der deutschen Schüler die Schulen ohne Abschluss verlassen, wir aber andererseits genug Geld haben, Schweizer Chefärzten die Ausbildung zu bezahlen, die pro Person 180.000 Euro kostet. Man kann unmöglich für Kindergartenplätze mehr Geld verlangen als für Studienplätze. Das ist nicht nur ein bildungspolitischer, sondern auch ein intellektueller Offenbarungseid. Auch ist mir nicht ersichtlich, wie man Handwerkern ihre Meisterausbildung privat bezahlen lassen kann und gleichzeitig Akademikern ihr Hochschulstudium schenkt. Akademiker verdienen im Durchschnitt etwa 65.000 Euro brutto pro Jahr, Nichtakademiker 37.000. Der Lebenseinkommensvorteil von Akademikern liegt im Schnitt bei über 1 Mio. Euro. Wenn man von erfolgreichen Akademikern nach ihrem Studium lebenslang 25 Euro pro Monat für ein Bachelorstudium und weitere 25 Euro pro Monat für den Master verlangte, würde das nicht nur die Ausbildungsqualität verbessern, sondern das Geld würde z.B. auch ausreichen, den Numerus Clausus abzuschaffen. Und ganz ehrlich: Wem Bildung in Form eines fünfjährigen Studiums keine 50 Euro pro Monat wert ist, der hat meines Erachtens an einer Universität auch nichts verloren.


RUBENS: Daniel, wie kamst du auf die Idee, in Deutschland zu studieren?

Daniel Terheyden-Keighley: Meine Mutter kommt aus Deutschland, darum habe ich auch Deutsch gelernt. Außerdem habe ich in NRW eine Cousine, die in Bochum mein Fach, Molekularbiologie, studiert hat. Deswegen habe ich mir nach dem Bachelor überlegt, an der RUB meinen Master zu machen.


RUBENS: Viele internationale Studenten sind nach Deutschland gekommen, weil hier das Studium im Vergleich mit ihren Heimatländern günstiger ist, in den meisten Bundesländern sogar kostenlos. Können Sie diese Entscheidung nachvollziehen?
SW: Da ich Ökonom bin, kann ich diese Entscheidung gut nachvollziehen, das ist individuell vollkommen sinnvoll und rational. Ich würde es genauso machen. Diese akademische Bildungswanderung geht natürlich zu Lasten der Steuerzahler in Deutschland. Da zudem die meisten ausländischen Studierenden nach dem Studium wieder abwandern, halte ich diesen Zustand für die deutschen Steuerzahler für unzumutbar. Aber nochmals: Individuell habe ich vollstes Verständnis.
DTK: Mein Bachelor-Studium in England hat mein Vater finanziert, das hat viel Geld gekostet. Die Hochschulbildung in UK kostet grundsätzlich sehr viel. Auch das war ein Grund für mich, in Deutschland weiter zu studieren. So konnte ich hohe Kosten vermeiden und gleichzeitig etwas Neues im Ausland studieren. Mein Studium hier ist zwar auf Englisch, trotzdem ist es hier ganz anders als in UK: Einige Dinge sind besser (Prüfungen und Laborarbeit in kleinen Gruppen), andere schlechter als in England (Organisation und Struktur des Studiums).Ich denke, dass ich außerdem meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessere. Ich habe vor dem Master in England einen Job gesucht und es war gar nicht einfach, etwas Passendes zu finden.
Außerdem ist es schön, als Student das NRW-Ticket zu haben! Es lohnt sich auf jeden Fall, hier zu studieren. Ich finde diese Situation auch gut für Deutschland, das vom internationalen Studentenaustausch bestimmt profitiert.

Kosten teilen

 

RUBENS: Da Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern immer attraktiver wird, wollen mehr Menschen nach Deutschland kommen (u.a. aus den südeuropäischen Ländern), um hier zu studieren oder zu arbeiten. Wird sich dadurch die Situation in Deutschland und in Europa in den nächsten fünf bis zehn Jahren verändern?
SW: Wie das Hochschulsystem finanziert wird, entscheidet natürlich jedes Land selbst. Die Mobilität der Studierenden wird aber auch dadurch verursacht, dass manche Länder in finanzieller Hinsicht attraktiver als andere sind. Diese Art von Migrationen könnte man verringern, wenn alle Länder ein ähnliches System zur Finanzierung der Unis benutzen würden. Es gäbe dann nur noch Unterschiede bezüglich Art und Qualität des Studiums – und eine internationale Mobilität, die sich an diesen Kriterien orientiert. Das wäre wünschenswert. Aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass sich die europäischen Länder darüber einigen könnten.
DTK: Da die Hochschulbildung eine zentrale Bedeutung hat, sollten sich Universitäten und Staat die Kosten dafür teilen. Das bedeutet gleichzeitig, dass auch die Studenten verpflichtet sein sollen, einen Teil dieser Kosten zu übernehmen. Durch Steuern sollen sie nach dem Studium den Staat fördern und damit auch die Universitäten. Mit diesen Einnahmen könnte man die Qualität des Systems erhöhen, was positive Folgen für alle hätte: Eine solche Mitförderung seitens der Studenten würde sich lohnen. Meiner Meinung nach sollen sie während des Studium (aber der Beitrag darf nicht so hoch sein wie in UK oder den USA) oder danach im Arbeitsleben (als Nachzahlung) die Uni mitfinanzieren. In Bezug auf Europa kann ich nur sagen, dass alle Länder zusammen versuchen sollten, die Qualität der Studiengänge zu verbessern, vor allem im Sinne einer Vereinfachung von Übergängen zwischen Bachelor und Master in verschiedenen Ländern. Das kann momentan sehr kompliziert sein, besonders bei der Übertragung von Abschlussnoten zwischen verschiedenen Systemen: Oft haben Studenten trotz eines guten Abschlusses in ihrem Heimatland keine Chance, in einem anderen Land weiter zu studieren, weil die Noten dort anders eingestuft werden.

RUBENS: Herr Prof. Winter, wie hat sich die Situation an Ihrem Lehrstuhl und an Ihrer Fakultät seit Abschaffung der Studiengebühren 2011 verändert? Daniel, hat das Einfluss auf dein Studium gehabt?
SW: Wir haben schnell gemerkt, dass sich die Studienbedingungen wieder verschlechtert haben. Beispielsweise können wir am Lehrstuhl weniger Tutorien und weniger Veranstaltungen für fachfremde Studierende anbieten. An der Fakultät betrifft es z.B. die Öffnungszeiten der Bibliothek und den Ankauf von neuer Literatur, es betrifft die Anzahl von Doktoranden, die Zeit, die die Dozenten für die Lehre zur Verfügung haben und auch das Personal in der Verwaltung. Ich kann aber nicht sagen, ob sich die Zahl der Studenten, die meine Vorlesungen besuchen, verringert oder vermehrt hat, da das Studium jetzt weniger kostet. Auf jeden Fall aber hat sich die Zahl der Studierenden an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft vergrößert, während sich die Einnahmen verringert haben. Gleiches gilt für das Personal. Klar ist, dass wir Lehrenden nun weniger Zeit für die Studenten haben.
DTK: Ja, wie gesagt: Die Abschaffung hat meine Entscheidung beeinflusst, das Studium nach dem Bachelor in Deutschland fortzusetzen. Mit Studiengebühren würde ich nicht hier sein. Was schade wäre, denn hier in Bochum kann ich nicht nur meine Kenntnisse aus dem Studium in UK gut gebrauchen, was natürlich Vorteile für mich hat. Darüber hinaus tausche ich jeden Tag Meinungen und Perspektiven mit meinen Kommilitonen und Dozenten aus, zum Beispiel in Bezug auf die ethischen Aspekte unserer Forschungen und Methoden. Immerhin geht es da um Stammzellen. Außerdem ist unser Studiengang auf Englisch, meiner Muttersprache. Meine Kommilitonen haben also die Möglichkeit, mit einem native speaker zu sprechen und ihr Englisch zu verbessern, was sehr spannend und interessant ist.

S. Parnici; Foto: Nelle | Themenübersicht