fremdes sehen
Ingeborg Lüscher und Monika Huber im KUBUS
Mit einem forschenden Blick in die Gesichter von 29 Palästinensern und Israelis macht Ingeborg Lüscher emotionale Versehrtheit nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar. Auch Monika Huber interessiert sich für das eigentlich Unabbildbare hinter den Bildern. Grundlage ihrer Werke sind Nachrichtenbilder aus Konflikt- und Krisenregionen, wie wir sie tagtäglich in den Medien sehen. Seit Ende Januar und noch bis zum 21. April zeigt die Ausstellung „fremdes sehen“ in Situation Kunst (für Max Imdahl) aktuelle Arbeiten beider Künstlerinnen.
Für ihre Videoarbeit „Die andere Seite“ (2011) filmte Ingeborg Lüscher 15 Palästinenser sowie 14 Israelis. Alle haben Angehörige durch Auseinandersetzungen im Nahost-Konflikt verloren. Ihnen wurden drei Fragen gestellt: „Denke, wer du bist, deinen Namen, deine Herkunft“, „Denke, was die andere Seite dir angetan hat“ und „Denke, kannst du das vergeben“. Drei aufeinander folgende Projektionen, jede dem stillen Nachdenken über eine der drei Fragen gewidmet, zeigen überlebensgroß die Gesichter der Befragten. Obwohl die Installation vollkommen ohne Ton auskommt, bleiben die Bilder nicht stumm. Im Mienenspiel der Befragten sind verschiedenste Empfindungen ablesbar, die von Trauer über Verzweiflung und Wut bis hin zu Resignation reichen. Eindrucksvoll und unausweichlich wirken diese Schwarz-Weiß-Bilder. Die Emotionen der Betroffenen werden nicht nur gezeigt, sondern uns in der unmittelbaren Konfrontation auch nahe gebracht. Man kann mitfühlen und sich vielleicht sogar in die Situation der Menschen versetzen. Die Arbeit bezieht nicht politisch Stellung, sie ist den Opfern beider Seiten gewidmet. Obwohl der Titel zunächst eine polarisierende Gegenüberstellung suggeriert, gibt es keine nähere Information darüber, ob die jeweils gefilmte Person Israeli oder Palästinenser ist. Der Verlust eines geliebten Menschen eint beide Seiten, vor der Kamera sind sie durch die Erfahrung von Trauer und Vergebung verbunden. Die „andere Seite“ und die „eigene Seite“ werden zu einer Seite.
Übermalte Nachrichten
Während Lüscher mit der Kamera die Befragten nah heran rückt und so Leiden spürbar macht, ist Hubers Blick distanzierter. Grundlage ihrer fortlaufenden Serie „Einsdreißig“ (2011-2012) sind direkt von einem Fernsehbildschirm abfotografierte Nachrichtenbilder, die sie anschließend malerisch bearbeitet und verfremdet. Die Künstlerin verändert zunächst Ausschnitt und Größe der Bilder, druckt sie dann mit einem herkömmlichen Tintenstrahldrucker aus und übermalt sie mit Farbe. Das Erzeugnis wird abermals fotografisch reproduziert. Am Ende dieses Prozesses steht ein Bild, das weder den Ort noch die Umstände seiner Aufnahme erkennen lässt. Einzig der Titel der Serie lässt den Entstehungskontext erahnen, denn in der Regel ist ein Beitrag in den Fernseh-Nachrichten ca. 1 Minute und 30 Sekunden lang. Mittels der malerischen und digitalen Bearbeitung verfremdet die Künstlerin die Bilder soweit, dass sie nicht mehr zu erkennen und zuzuordnen sind. So gelingt es ihr, den eigentlichen Informationswert eines Nachrichtenbildes zu unterwandern – ja, ihn grundsätzlich in Frage zu stellen. Wie glaubwürdig sind Bilder heute noch, besonders vor dem Hintergrund der zahlreichen digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten?
Der Akt der Übermalung, in dem durch das Verdecken des Offensichtlichen eine neue Sichtbarkeit entsteht, ist von großer Bedeutung innerhalb des Oeuvres Hubers. Die Übermalung dient der Verfremdung der Bilder, lässt aber auch eine intermediale künstlerische Strategie erkennen, denn Huber verbindet so die aus einem Nachrichtenbeitrag isolierte fotografische Reproduktion mit der Malerei. Dieses Vorgehen lässt an die Arbeit anderer Künstler denken, z.B. an die Übermalungen von Arnulf Rainer. Der österreichische Künstler, 1929 geboren, ist u.a. mit Übermalungen von Fotografien aus Hiroshima in der Dauerausstellung von Situation Kunst vertreten, so dass nun durch die Präsentation von Hubers Werkgruppe „Einsdreißig“ eine interessante Brücke zwischen der aktuellen Ausstellung und der Sammlung des Hauses gespannt wird.
Info: „Fremdes Sehen“, bis 21.4.13, KUBUS/Situation Kunst, Schlosspark Weitmar, Mi-Fr 14-18, Sa/So 12-18 h, http://www.situation-kunst.de
Anna M. Storm; Foto: M. Huber | Themenübersicht

