"Welcome to Jordan"
Deutsch-dänisches Archäologie-Forschungsprojekt in Jordanien
Im Sommer 2012 startete die erste Grabungskampagne des Projektes „Das Nordwestviertel von Gerasa“. Die Vorarbeiten für das deutsch-dänische Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, laufen aber bereits seit September 2011. Seinerzeit wurden Oberflächenreste in der Ruinenstadt Gerasa (dem modernen Jerash) erkundet und vermessen. Das Department of Antiquities of Jordan erteilte damals nahezu umgehend eine Grabungsgenehmigung für das Folgejahr, um die Siedlungsgeschichte dieses noch völlig unerforschten Hügels zu erhellen. Schließlich kamen in diesem Sommer 17 deutsche und dänische Archäologen nach Jordanien, um den Hügel erstmals genauer zu erforschen. Geleitet wurde das Team von Prof. Achim Lichtenberger (RUB) und Prof. Rubina Raja (Universität Århus).
Aber was führt Archäologen in den krisengeschüttelten Nahen Osten, auch wenn Jordanien selbst als Insel des Friedens gelten darf? Auf den ersten Blick gibt es wohl genug Argumente, die gegen den Standort sprechen. Das Land ist im Sommer extrem heiß, dazu staubig – und ohne Frage bekriegt sich jedes der angrenzenden Länder entweder mit sich selbst oder einem der Nachbarn. Der vorübergehend erneut zugespitzte Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Gaza-Streifen erleichtert im Nachhinein das Verständnis dafür, warum ein Teil des Teams wegen der Einfuhr eines DFG-Fahrzeuges nach Israel eine Woche im Zoll festgehalten wurde. Spätestens bei der Ausreise im September bekamen wir einen Eindruck davon, wie real die tägliche Bedrohung in Israel ist, als wir in Ashdod einen Raketenalarm miterlebten.
Trotz dieser Erfahrungen nur wenige Dutzend Kilometer von Jordanien entfernt, musste sich jeder Teilnehmer der Kampagne eingestehen, dass er am Grabungsort in Jordanien nie ein Gefühl der Unsicherheit oder Bedrohung verspürte, sondern sich stets willkommen fühlte. Auch wenn das von den Einheimischen ständig zu hörende „Welcome to Jordan!“ manches Mal irritierte, ist es offenbar tatsächlich ehrlich gemeint.
Gewaltiges Potenzial
Aus Sicht der Archäologie birgt der Nahe Osten und speziell Jordanien ein gewaltiges Potenzial. Für den Prähistoriker lassen sich etwa Antworten auf Fragen der frühesten Kulturbildung finden und für die Archäologie der Klassischen Antike rückt diese Region immer stärker in den Fokus der Forschung. Als Bindeglied und Brücke zwischen den Hochkulturen im Süden und Norden, aber auch zwischen dem Orient und Oxident lassen sich grundlegende Prinzipien der Kontakte und Mischung von Kulturen untersuchen. Dies gilt nicht zuletzt auch für das erste Aufeinandertreffen der christlichen und der im Entstehen begriffenen islamischen Welt.
Speziell in Jordanien besitzt die Archäologie als maßgeblicher Motor der Tourismusbranche einen besonderen Stellenwert, wofür die berühmten archäologischen Parks von Petra und Gerasa stellvertretend stehen. Wahrscheinlich gerade deshalb bietet Jordanien auch ausländischen Teams beste Möglichkeiten zur Durchführung ihrer Forschungsprojekte. Auch wenn die Infrastruktur des haschemitischen Königreichs sich noch nicht völlig mit mitteleuropäischen Standards messen kann, so fehlt es doch an nichts. Es war erfrischend zu erleben, welchen Vertrauensvorschuss die jordanischen Antikenbehörden besonders europäischen Teams entgegenbringen. Nicht allein die reibungslose Kommunikation zwischen dem Grabungsteam und den Behörden, sondern auch die fürsorgliche Betreuung durch den Regierungsvertreter in allen schwierigen, teils auch brenzligen Situationen gaben dem Team inmitten des krisengeschüttelten Nahen Osten ein Gefühl der persönlichen Sicherheit.
Vor diesem Hintergrund verlief die Grabung trotz der nicht einfachen klimatischen Bedingungen nahezu reibungslos. Unter Leitung des Bochumer Feldarchäologen Dr. habil. Georg Kalaitzoglou wurden die notwendigen Vermessungen vorgenommen, um möglichst schnell den ersten Spatenstich zu setzten. Die Arbeit kam nun rasch in Fahrt, in drei Schnitten mit völlig unterschiedlichem Charakter grub man sich Stück für Stück in die Tiefe. In einem Schnitt mit einer antiken Ölpressenanlage kamen weit über hunderttausend Gefäßscherben zum Vorschein, die dem Team in der Fundbearbeitung bis zum Ende der Kampagne das Äußerste abverlangten. In einem anderen Schnitt grub man sich recht schnell auf den Fels hinunter, um dort auf einen Raum zu stoßen, der vier Meter tief in den Fels getrieben war. Im letzten Schnitt legte man eine nahezu runde Zisterne frei, die in eine natürliche Karsthöhle eingebaut war.
Weitere Grabungen
In allen Schnitten arbeiteten die europäischen Wissenschaftler mit jordanischen und palästinensischen Arbeitern Hand in Hand. Das europäische Know-how gepaart mit der einheimischen Manpower sorgte dafür, dass das Grabungsziel auch während des Ramadans und bei 50°C erreicht werden konnte. So wundert es wenig, dass es den Arbeitern ebenso schwer fiel wie den Archäologen, die Ausgrabungsschnitte am Ende der sechs Wochen zum Schutz vor ihrer Zerstörung wieder zu verfüllen.
Bleibt noch die Frage nach dem Erfolg der Grabung: Was also konnte man über die Besiedlungsgeschichte des Hügels in Erfahrung bringen? Prof. Achim Lichtenberger äußert sich vorsichtig: „Nachdem wir nun erste Einblicke in die Bebauung und Nutzung des Hügelareals gewinnen konnten, ist es notwendig, in den nächsten Grabungskampagnen das Bild zu verdichten. Denn erst durch eine Fortführung des Projektes können wir aus den Indizien, die wir in der ersten Ausgrabung gesammelt haben, ein stichhaltiges Model der Siedlungsgeschichte entwickeln.“ Hinsichtlich einer detaillierteren Vorlage der vorläufigen Ergebnisse der Ausgrabung sei auf den aktuellen Jahresbericht des Archäologischen Instituts der RUB verwiesen.
Eicke Granser; Foto: privat | Themenübersicht

