Grenzen aufbrechen!
Serie: RUB minus 50
Große Jubiläen werfen ihre Schatten voraus: 2015 wird die RUB ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Das Universitätsarchiv blickt schon jetzt in einer kleinen Serie zurück, jeweils genau 50 Jahre – heute in die zweite Jahreshälfte 1962, als die ideelle Konzeption der Universität „neuen Stils“ Gestalt annahm.
Es sollte keine Zeit verloren werden, nachdem, nach zähem Ringen, endlich im Juli 1961 die Entscheidung für den Standort der ersten Universität im Revier gefunden war. Sogleich nach der Entscheidung durch den nordrhein-westfälischen Landtag berief der damalige Kultusminister Werner Schütz 17 „namhafte Professoren“ in den „Beratenden Gründungsausschusses für die Universität Bochum“. Zum Vorsitzenden ernannte Schütz den Hamburger Ordinarius für Erziehungswissenschaft Prof. Dr. Hans Wenke, der in Bildungsfragen über einige Erfahrung verfügte und erst ein knappes Jahr zuvor zum Vorsitzenden der „Kommission zur Beratung der Bundesregierung in Fragen der politischen Bildung“ gekürt worden war. Wenke avancierte im Laufe seiner Tätigkeit 1963 auch zum Gründungsrektor der Universität Bochum, als hier die Verwaltung installiert worden war und seine Beratungstätigkeit ständig vor Ort benötigt wurde.
Zuschnitt der Lehrstühle
Der Ausschuss selbst, der am 15. September 1961 zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten war, tagte bis in das Jahr 1966 hinein und fungiert ab 1963 auch als Berufungsausschuss. Seine wichtigste Aufgabe war jedoch die Entwicklung von Strukturempfehlungen, genauer gesagt: die Entscheidung über die inhaltliche Ausrichtung und den Zuschnitt der Lehrstühle. Erste Ergebnisse hierzu präsentierte der Ausschuss der Landesregierung schon im Mai 1962, allerdings schien sich kaum jemand hierfür zu interessieren, stand für die Öffentlichkeit doch die Frage, ob die Universität möglicherweise auf die Standorte Bochum und Dortmund aufgeteilt wird, ganz im Vordergrund. Zwar plädierte der Ausschuss gegen eine Teilung, die bedrängte Regierung hatte sich aber noch nicht zu einer definitiven Entscheidung durchgerungen.
Ihr Beschluss vom 12. Juni 1962, in Dortmund eine weitere Hochschule errichten zu wollen, bekümmerte den Ausschuss jedoch wenig: Kein Jota dürfe von den bisherigen Plänen abgerückt werden, womit Wenke insbesondere auf die Integration der Ingenieurwissenschaften Bezug nahm. Die Landesregierung ihrerseits unterstrich noch am 12. Oktober in einer offiziellen Erklärung, die unveränderte Realisierung der Pläne der Ruhr-Universität als eine Gesamtuniversität neuen Stils nach der bisherigen Konzeption des Gründungsausschusses weiter zu verfolgen.
Die „Empfehlungen zum Aufbau der Universität Bochum“ – die Druckfassung trägt die Datierung „Dezember 1962“ – wurden schließlich offiziell am 15. Januar 1963 durch den neuen Kultusminister Paul Mikat der Öffentlichkeit präsentiert. Sie bestanden im Wesentlichen aus den „Strukturplänen“, die allein drei Viertel des Textumfangs der „Empfehlungen“ ausmachten und in denen detailliert die einzurichtenden Lehrstühle (257) bezeichnet und in den jeweiligen Erläuterungen näher umrissen wurden. Am augenfälligsten aber war, dass die Universität nicht mehr in traditionelle Fakultäten untergliedert war, sondern in 18 Abteilungen. Hiermit beabsichtigte der Ausschuss, überkommene und hinderliche Abgrenzungen zwischen den Disziplinen aufzubrechen und damit der allseitigen Verflechtung der Wissenschaften Rechnung zu tragen. Entsprechende Verklammerungen wurden deshalb in etlichen Fällen sehr konkret festgelegt. So waren beispielsweise für den Lehrstuhl „Arbeitswissenschaft“ der Sozialwissenschaftlichen Abteilung „Rechte des Ordinarius auch in den Ingenieurwissenschaftlichen Abteilungen“ vorgesehen.
Fachkenntnis plus Weitblick
Für den Gründungsausschuss waren solche Verbindungen essentiell: „Es kommt darauf an, die Menschen zu gewinnen, die solide Fachkenntnis mit dem Weitblick verbinden, der notwendig ist, um die in den Strukturplänen angelegte Verbindung der Disziplinen in der täglichen Arbeit der Forschung und Lehre sicherzustellen.“ Anders ausgedrückt: Bei der künftigen Ausrichtung von Lehrstühlen müsse eine bloße „Addition aller nur denkbaren Fächer vermieden werden.“
Von „revolutionär“ bis „vorsichtige Universitätsreform“ lauteten die Kommentare. Der Minister äußerte sich zurückhaltend, fast schon ein wenig skeptisch: „Es ist ein Experiment, aber es kann mit Bochum ein Markstein in der deutschen Universitätsgeschichte gelegt werden, wenn die jetzt vorgelegte Konzeption erhalten bleibt … Wir wollen mit der Ruhruniversität der weiteren Entwicklung zum Spezialistentum begegnen.“
Die „Empfehlungen“ waren für viele Jahre Leitlinie, nahezu eine Vorgabe beim Aufbau der RUB. Von der Bezeichnung „Abteilung“ verabschiedete sich die RUB allerdings 1984 mit der Beschlussfassung zu einer neuen Verfassung, die (wieder) die „Fakultät“ als Bezeichnung für die Grundeinheit der Universität vorsah.
Jörg Lorenz, Universitätsarchiv; Foto: Presse- und Informationsamt der Stadt Bochum | Themenübersicht

