RUBENS Nr. 165 - 1. Dez. 2012
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… eine Dogmatikerin?

Was macht eigentlich…

Dogmatik, Logik und Topologie – was genau wird eigentlich an diesen Lehrstühlen erforscht? In unserer Serie stellen wir in jeder RUBENS-Ausgabe eine andere Arbeitsgruppe vor. Dr. Gunda Werner-Burggraf (40) studierte Theologie und Philosophie in Münster und war anschließend in der Jugendarbeit tätig. Parallel zu mehreren vollen Stellen promovierte sie und landete schließlich im Dachverband aller katholischen Verbände als Referentin. An die RUB, wo sie zurzeit an ihrer Habilitation arbeitet, kam sie im Februar 2012 – nach einer 14-monatigen Fahrradtour von Bonn nach Japan. Mit ihr sprach Julia Weiler.

RUBENS: Was erforscht eine Dogmatikerin?
Dr. Gunda Werner-Burggraf: Ganz einfach gesagt: Am Lehrstuhl werden die Inhalte des Glaubens reflektiert, also das, was christlichen Glauben ausmacht. Wie sind die Inhalte entstanden? Woher kommen sie? Was bedeuten sie? Wir sagen: Was den christlichen Glauben ausmacht, muss mit der Moderne vermittelt werden.
Es gibt einen Bruch, den man bei Immanuel Kant festmachen kann, der ja die ganze Erkenntnis auf den Kopf gestellt hat – wir nennen das, was daraus entstanden ist, Modernitätskrise. „Mensch“ wird seither anders gedacht. Wir gucken, was diese Modernitätskrise für die Theologie bedeutet und wie sie religionsintern verarbeitet wird. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Man schottet sich ab und sagt: Diese Krise hat keine Bedeutung für uns. Oder man wirft alles über Bord und sagt: Die alten Ansichten haben gar keine Relevanz mehr. Wir schauen ganz genau hin, was Moderne für die Theologie bedeutet, wie das veränderte Denken über das Subjekt, also den Menschen, in der Theologie vermittelt wird, und wie sich beides verändert: die Theologie und das Subjektdenken. Dabei bewegen wir uns dauernd in dem Dreieck von Glaubensüberlieferung, den Inhalten, die aus der Tradition entspringen, und der Frage, wie Mensch, Glaube, Gott, Kirche heute gedacht, vermittelt werden. Wir verstehen Theologie als Transformationsprozess und fragen uns: Wie kann heute über den Inhalt des Glaubens gesprochen werden, so dass er relevant bleibt?

 

Klassisch geisteswissenschaftlich

 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Sehr klassisch geisteswissenschaftlich. Ich lese Texte, verfasse Texte, diskutiere verschiedene Autorenaufsätze miteinander. Außerdem verbringe ich relativ viel Zeit mit der Vorbereitung der Lehre, die auch hauptsächlich aus Textarbeit besteht. Sonst schreibe ich Anträge und arbeite am eigenen Habilitationsprojekt. Aber der klassische Alltag besteht darin, am Schreibtisch zu sitzen, zu lesen, zu denken, zu schreiben, zu lesen, zu denken, zu schreiben…

Was ist für Sie das Faszinierendste an Ihrer Forschung?
Ich sitze über einem Buch oder einem Text, und viele Texte sind eher langweilig oder schlecht geschrieben (sicherlich auch meine eigenen). Es gibt auch wirklich gute, aber viele sind mühsam zu lesen. Und dann gibt es immer wieder den Moment, wo sich plötzlich Zusammenhänge erhellen. Ich lese einen Text und stelle fest: Das ist von der Denkstruktur genauso wie bei einem anderen Autor, der mit dem ersten aber gar nichts zu tun hat. Außerdem merke ich immer wieder, dass es nicht egal ist, wie man von der Welt denkt. Dieses Denken hat immer eine ganz konkrete politische Folge. Das finde ich faszinierend an meiner Forschung, obwohl Theologie erst mal Theologie ist und nicht Politik, aber sie hat immer eine politische Perspektive.

Welche Berufsfelder gibt es für Dogmatiker?
Alle, die promovieren, haben gute Chancen, in den katholischen Akademien oder in Bildungshäusern zu arbeiten, an der Uni zu bleiben und zu habilitieren oder als Referenten auf den verschiedenen Bundesebenen zu arbeiten, zum Beispiel in der Bischofskonferenz oder im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. In dem Moment, wo eine Habilitation abgeschlossen ist, ist natürlich immer die Hoffnung auf einen Lehrstuhl da.

Was ist Ihr Traum für die Zukunft?
Ich würde gerne an der Uni bleiben, weil mir die Lehre sehr viel Spaß macht und ich sehr, sehr gerne forsche. Mein Traum für die Zukunft wäre, sehr viel stärker in einem internationalen Kontext zu arbeiten, so etwas wie einen Think Tank mit Amerika und Asien zu entwickeln und zu gucken, wie man Zukunft gestalten kann.

jwe; Foto: Nelle | Themenübersicht