RUBENS Nr. 165 - 1. Dez. 2012
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Teurer Lesespaß

Die Kosten für Fachzeitschriften explodieren – die Mathematiker rebellieren

Wenn wir in einer Buchhandlung den neusten Bestseller zur Kasse tragen, wissen wir, dass ein Teil des Kaufpreises in die Tasche des Autors wandern wird. Aber was bekommt eigentlich ein Naturwissenschaftler, wenn er seine Forschungsergebnisse in einer Fachzeitschrift publiziert? Die Antwort: Nichts, manchmal muss er für die Veröffentlichung sogar selbst zahlen. Die Verlage hingegen, die die Artikel drucken, lassen sich die Zeitschriften von ihren Abonnenten teuer bezahlen – das bringt die Unibibliothek in Zugzwang und die Mathematiker auf die Palme. Sie wollen diese Preistreiberei nicht mehr länger mitmachen.

Etwa 730.000 Euro investierte die Universitätsbibliothek Bochum (UB) 2010 in wissenschaftliche Zeitschriften, geisteswissenschaftliche Datenbanken noch nicht mit eingerechnet – das waren rund 35 Prozent des Jahresetats. „Preissteigerungen von fünf bis acht Prozent pro Jahr für Zeitschriften der großen Wissenschaftsverlage wie Elsevier sind normal“, weiß UB- Direktorin Dr. Erdmute Lapp. „Die Preise explodieren einfach, sie gehen auf wie Hefeteig. Unser Bibliotheksetat hingegen schrumpft.“
Man muss kein Mathematiker sein, um zu verstehen, dass das aktuelle Zeitschriftenangebot bei dieser Entwicklung nicht aufrechterhalten werden kann. Die Artikel sind jedoch für alle Wissenschaftler eine wichtige Arbeitsgrundlage. „Zeitschriften haben für uns einen sehr hohen Stellenwert“, sagt Prof. Dr. Gerd Laures, Inhaber des Lehrstuhls für Topologie. „Wir schreiben täglich in das große Buch der Mathematik – wenn wir einen neuen Satz gefunden haben, bleibt er für immer bestehen und sollte bekannt gemacht werden. Wir haben ja keine großen Instrumente wie in der Physik oder Biologie, sondern nutzen Papier und Bleistift – und natürlich den Kopf zum Denken. Deswegen geben wir verhältnismäßig viel Geld für Zeitschriften aus.“
„Leider haben wir wegen der steigenden Preise viele Zeitschriften abbestellen müssen“, erzählt Erdmute Lapp. „Sonst könnten wir keine Bücher mehr kaufen, aber die Studierenden brauchen Bücher.“ Die Lage ist noch komplizierter, als sie zunächst scheint. Bei Elsevier erhöhen sich zum Beispiel mit jeder Abbestellung die Handling-Kosten für die verbleibenden Zeitschriften dieses Verlags – zusätzlich zu den jährlichen Preissteigerungen –, und viele Wissenschaftler halten Elsevier-Zeitschriften in ihrem Fach für unverzichtbar. „Diese Situation ist sehr belastend für die UB: Die Studierenden brauchen Bücher und die Wissenschaftler mehr Zeitschriften, deren Preise ständig unkontrolliert steigen – bei schrumpfendem UB-Etat“, so die Bibliothekarin. Sie begrüßt deshalb den Widerstand der Wissenschaftler gegen die Preispolitik der Verlage. Der begann bei den Mathematikern, genauer gesagt bei den Topologen.

Profitgier

„Meines Erachtens fing das vor ein paar Jahren an, als wir die Elsevier-Zeitschrift ‚Topology‘ abgestoßen haben“, erzählt Gerd Laures. „Der Preis für das Journal war so immens gestiegen, dass unsere Bibliotheken das nicht mehr tragen konnten.“ Nachdem die Preisverhandlungen der Wissenschaftler, die als Editoren für „Topology“ arbeiteten (s. Kasten auf S. 3, „So kommt ein Artikel in die Zeitschrift“), mit Elsevier gescheitert waren, trat das gesamte Editorial Board zurück. Elsevier musste „Topology“ einstampfen. Die Mathematiker brachten stattdessen eine neue Zeitschrift auf den Markt, das „Journal of Topology“, das für ein Viertel des Preises der Vorgängerzeitschrift erhältlich war.
Fachzeitschriften lassen sich also durchaus günstig produzieren, immerhin leisten die Wissenschaftler selbst die meiste Arbeit umsonst (s. Kasten auf S. 3, „Wer zahlt was?“). Trotzdem lassen die großen Wissenschaftsverlage Elsevier, Wiley, Taylor & Francis, Springer, Cell Press und Nature ihre Abonnenten horrende Summen zahlen.

Paket-Politik

Wissenschaftliche Non-Profit-Gesellschaften wie die American Mathematical Society geben Journals für ein Fünftel des Preises heraus, den die großen Verlage fordern. „Der Unterschied ist nur durch Profitgier zu erklären“, meint Gerd Laures. Und auch Erdmute Lapp pflichtet bei: „Das können sich die großen Wissenschaftsverlage erlauben, weil sie eine Monopolstellung haben.“
Durch das zweischichtige Bibliothekssystem der RUB kommt für Erdmute Lapp noch ein weiteres Problem hinzu. Während sowohl die UB als auch die Fakultätsbibliotheken Geld für die gedruckten Zeitschriften beisteuern, trägt die UB überwiegend die Kosten für die elektronischen Journals. Häufig muss jedoch mit dem Abonnement für die gedruckte Zeitschrift auch ein Abonnement für die elektronische Version abgeschlossen werden.
Oft bieten die Verlage die Zeitschriften in Bündeln an: Im Paketpreis sind sie dann viel günstiger, als wenn man sie einzeln abonniert. Der Gesamtpreis für das Elsevier-Paket ist jedoch so hoch, dass er für die UB nicht aufzubringen ist. „Eigentlich bräuchten wir einen zentralen Fonds der UB und der Fakultätsbibliotheken, über den solche Kosten abgewickelt werden“, wünscht sich Erdmute Lapp. „Wenn wir im Bibliothekssystem unsere Mittel gemeinsam einsetzen würden, hätten wir mehr Handlungsspielraum.“
Gerd Laures ärgert sich darüber, dass die Pakete in seinem Fachbereich auch viele irrelevante Journals enthalten: „Es gibt sehr, sehr viele Zeitschriften in der Mathematik, und die, die im Qualitätsranking nach Platz 100 kommen, kann man eigentlich auch gleich in den Mülleimer werfen. Kein Mathematiker schaut da rein.“

Knebelverträge

Gegen die Knebelverträge der Verlage lehnten sich die Topologen auf. Sie beschlossen, Elsevier zu boykottieren und starteten eine Online-Unterschriftenaktion, die mittlerweile knapp 13.000 Anhänger aus verschiedenen Fachbereichen hat. Die Forscher weigern sich, bei Elsevier zu publizieren, für den Verlag als Gutachter zu fungieren oder Mitglied im Editorial Board zu werden. „Allerdings darf man sich nicht vorstellen, dass ich mich jeden Tag mit Elsevier beschäftige“, erklärt Gerd Laures. „Wir Mathematiker möchten uns eigentlich gar nicht mit solchen Sachen auseinandersetzen. Wir sind schließlich hier an der Uni, weil wir uns mit der Mathematik beschäftigen möchten.“
Wegen der hohen Publikationskosten sind Online-Zeitschriften stark im Kommen. Aber hier sieht der Topologe ein weiteres Problem: die Archivierung. „Was macht man, wenn es ein Journal nur online gibt und die Firma dann Pleite geht?“ Zum Glück laden Mathematiker ihre Manuskripte, bevor sie sie in einer Zeitschrift veröffentlichen, auf einen Server, ins so genannte ArXive, hoch. Von diesem können andere Wissenschaftler sie kostenlos herunterladen, und die Daten werden unabhängig von den Verlagen archiviert.
Auch wenn sich diese Praxis noch nicht in allen Disziplinen durchgesetzt hat, ist „Open Access“ auf dem Vormarsch. Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wollen es in Zukunft zur Pflicht machen, dass Publikationen, die aus DFG-geförderten Projekten entstammen, im Internet frei verfügbar gemacht werden – zum Beispiel über einen Dokumentenserver an der Universität. Geld verdienen werden die Wissenschaftler in Zukunft zwar trotzdem nicht mit ihren Publikationen; aber vielleicht können sie sie wenigstens für die interessierten Leser erschwinglich oder sogar frei verfügbar machen.

Weitere Infos: http://www.thecostofknowledge.com/


 

So kommt ein Artikel in die Zeitschrift
Einen Artikel über seine Forschungsergebnisse in eine Fachzeitschrift zu bringen, kann ein langwieriger Prozess sein. Ist der Text fertig geschrieben, schickt der Autor ihn an die Editoren der Zeitschrift (das so genannte Editorial Board) – Wissenschaftler, die sich quasi nebenberuflich bei dem Journal engagieren. Der Editor wählt einen oder mehrere Gutachter aus, die in der Lage sind, die Qualität des eingereichten Artikels zu beurteilen. Die Gutachter sind ebenfalls Wissenschaftler und erledigen diese Arbeit umsonst neben ihrem normalen Forschungsalltag. Jeder Gutachter schickt ein Qualitätsurteil mit Begründung und gegebenenfalls Verbesserungsvorschlägen zurück an den Editor, der anschließend entscheidet, ob der Artikel publiziert wird, abgelehnt wird oder noch einmal überarbeitet werden muss. Dieser Prozess stellt eine gewisse Qualität aller veröffentlichten Artikel sicher. Ist das Editorial Board besonders hochkarätig besetzt, kann die Messlatte für eine Veröffentlichung sehr hoch liegen.

 

Wer zahlt was?
Für einen Zeitschriftenartikel liefern Wissenschaftler die Inhalte, koordinieren die Begutachtung und führen diese aus. Welche Leistung steuert der Verlag überhaupt noch bei? Im Gegensatz zu früher ist der Aufwand fürs Layout im elektronischen Zeitalter minimal. Der Verlag ist also hauptsächlich für Druck und Verteilung der Zeitschriften verantwortlich. Für ein Abo des „Journal of Algebra“ lässt Elsevier sich diese Dienste zum Beispiel mit etwa 7.000 Euro pro Jahr bezahlen.


jwe; Foto: Nelle | Themenübersicht