Gestatten? RUB-Ingenieurin!
Die ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten auf kreativer Nachwuchssuche
Frauen sind in den Ingenieurwissenschaften unterrepräsentiert. Vier Männer, eine Frau – so sieht das Verhältnis momentan bei Studienanfängern im bundesweiten Schnitt aus. Kein Wunder, denn viele Schülerinnen kennen weder Technik als Unterrichtsfach noch Ingenieurinnen persönlich. Diesem Mangel treten die drei ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten der RUB bewusst mit ihrem Schülerinnen-Projektworkshop (SPW) entgegen. Hier geht es um praktisches Erleben und Vorbilder-Schaffen. Am 15. und 16. Oktober besuchen über 50 Oberstufen-Schülerinnen aus ganz NRW die Ruhr-Uni. Ihre gemeinsame Absicht: Technik aus unterschiedlichen Perspektiven und aus allernächster Nähe kennen zu lernen. Im Angebot sind 20 Technik-Workshops, verbunden mit intensiver persönlicher und fachlicher Begleitung durch Wissenschaftler/innen, Studienfachberater/innen und Studierende. Ein wichtiges Detail in diesem Jahr: der direkte Austausch mit „echten Ingenieurinnen“, die an der RUB lehren, forschen und lernen – von der jungen Studentin bis zur erfolgreichen Professorin.
Das Statistische Bundesamt ermittelte für das Studienjahr 2011, dass der Frauenanteil unter den Studienanfängern im Bauingenieurwesen bei rund 26 Prozent liegt. Deutlich niedriger hingegen in der Elektrotechnik: elf Prozent. Allerdings hat sich hier die reine Anzahl der Studienanfängerinnen im 1. Fachsemester von 1995 bis 2011 mehr als verfünffacht. Im Maschinenbau hat sich im gleichen Zeitraum die Zahl der Frauen, die ein Studium beginnen, vervierfacht. Doch es gibt auch mehr Männer. Der Frauenanteil im 1. Fachsemester technischer Studiengänge ist daher in Fünfjahresfrist nur um knappe zwei Prozentpunkte gestiegen. Von einem epochalen Wandel kann also nicht die Rede sein. Die ultimative Zauberformel, die Frauen in Massen an die Unis und damit ganz nach vorne bringt, bleibt nach wie vor unentdeckt. Ganz nüchtern betrachtet sollten die derzeit hervorragenden Berufsaussichten inklusive hoher Gehälter und steiler Karrieren bereits zu Schulzeiten locken. Auch oder insbesondere die jungen Frauen. Zwar sind technische Studiengänge nicht eben als einfach verschrien – doch diese Erkenntnis schreckt weder die Herren von der Einschreibung ab, noch scheuen sich Frauen vor anderen schwierigen Studienfächern.
Überzeugungs-Potential
„5 to 5“ heißt es nachmittags beim Schülerinnen-Projektworkshop. Auf dem Programm steht eine neue Erfahrung: Denn viele kennen keine Ingenieurinnen – weder aus der Schule noch aus den eigenen Familien. Ein echtes Dilemma, wenn man bedenkt, dass diese Rollenvorbilder zwar für ihr Überzeugungs-Potential bekannt sind, im Alltag aber weiterhin Exoten-Status genießen. Anders an der RUB: Hier treffen die Teilnehmerinnen auf Frauen, die ihren Alltag in einem technischen Berufsfeld meistern und mit voller Überzeugung über ihre Motivation und ihren Lebensweg berichten. Gereicht werden Tee und britische Gurken-Sandwichs, die Damen plaudern angeregt – bis ein Glockenton sie nach wenigen Minuten zur nächsten ihrer fünf Stationen und damit zur nächsten Ingenieurin führt.
Fragt man RUB-Ingenieurinnen nach den Gründen für die Wahl ihres Studienfachs, lassen die Antworten rückblickend einen gewissen Pragmatismus erkennen. Johanna Pfaff, die am Lehrstuhl für Fluidverfahrenstechnik an der Fakultät für Maschinenbau promoviert, sagt: „Mathe und Chemie habe ich in der Schule gut gekonnt, ein Studium des Chemie-Ingenieurwesens hat da gepasst.“ Karin Pawlik war in der Schule in Mathe immer fit, ein einschlägiges Studium war ihr aber doch zu trocken. „Ich habe mir damals gedacht, ich muss einen Beruf finden, in dem ich am Ende wirklich sehen kann, was ich gemacht habe.“ Also entschied sie sich dazu, Bauingenieurwesen an der Ruhr-Uni zu studieren.
Prof. Dr.-Ing. Ilona Rolfes hatte gleich zwei Vorbilder in ihrem direkten Umfeld: „Mein Vater war schon Ingenieur und auch meine Schwester hat Elektrotechnik in Bochum studiert und anschließend promoviert.“ Insofern habe sie sich nach dem Abitur einfach an der RUB informiert und sei eben nicht bei den Geistes-, sondern bei den Ingenieurwissenschaften gelandet. Mittlerweile leitet sie den Lehrstuhl für Hochfrequenzsysteme (Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik). Hilfreich sei es, schon vor Studienbeginn den Kontakt zur Uni zu suchen, an Angeboten wie dem Schülerinnen-Projektworkshop teilzunehmen und dadurch für sich selbst festzustellen, ob Technik das Richtige sein könnte, rät Ilona Rolfes.
Zwölf Videos
Wer technikinteressiert sei, auch mal anpacken könne und sich nicht auf den ersten theoretischen Metern entmutigen lasse, sei in der Verfahrenstechnik gut aufgehoben, ergänzt Johanna Pfaff. Und Karin Pawlik appelliert an „all die Mädels da draußen“, sie sollten sich bloß nicht abschrecken lassen. Denn auf die viel beschworene Männerdomäne treffe sie persönlich in ihrem Studienalltag in der Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften definitiv nicht. Mittlerweile sei fast die Hälfte der Studienanfänger/innen weiblich. „Für mich hat sich meine Studienentscheidung schon jetzt komplett gelohnt“, so Karin Pawlik. Sie hat das richtige Fach für sich entdeckt.
Die begeisterte Resonanz der RUB-Ingenieurinnen auf die Frage, ob sie den Schülerinnen mehr über sich und ihre Erfahrungen berichten wollten, konnten die SPW-Koordinatorin und das ELLI-Team nicht an einem einzigen Nachmittag verpuffen lassen. „Wir rannten wirklich die sprichwörtlichen offenen Türen ein“, berichten Theresa Janssen und Mark Zeuch, die sich bei ELLI (Verbundprojekt Exzellentes Lehren und Lernen in den Ingenieurwissenschaften) den Themen Übergang Schule-Hochschule und Diversity widmen. Und so entstanden mit bester technischer Unterstützung der Stabsstelle eLearning (RUBeL und RUBcast) an vier Drehtagen im September zwölf Videos mit beeindruckenden Kurzportraits der einzelnen Frauen.
Info: Videos und Eindrücke der Veranstaltung: http://www.spw.rub.de, mehr über ELLI unter http://www.rub.de/elli, über die Stabsstelle eLearning unter http://www.rubel.rub.de.
Meike Klinck (SPW-Koordinatorin); Foto: Hans-Herbert Struck | Themenübersicht

