RUBENS Nr. 164 - 1. Nov. 2012
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Babyboom in der Neurophysiologie

Sechs Mitglieder der Abteilung wurden kürzlich oder werden demnächst Eltern

Das erste Kind zu bekommen, ist eine aufregende und oft intensive Erfahrung. Man erwirbt neue Fähigkeiten und muss sich an eine ganz neue Situation anpassen. Diese Beschreibung trifft haargenau auch auf die Zeit zu, die man während der Dissertation oder als Post-Doc in der Forschung verbringt, vor allem wenn man im Labor arbeitet. Schwierig wird es erst recht, wenn man diese beiden Meilensteine des Lebens miteinander in Einklang bringen möchte. An der RUB ist das Labor von Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan (Abteilung für Neurophysiologie, Medizinische Fakultät) Zeuge einiger dieser Balanceakte zwischen Baby und Forschung. In den letzten zwei Jahren sind vier aus dem Team Eltern geworden –zwei weitere werden noch in diesem Jahr folgen.

Junge Eltern, die mitten in der Promotion oder im Post-Doc-Programm stecken, haben oft mit Hürden bei Finanzierung und Kinderbetreuung sowie mit den Herausforderungen zu kämpfen, die die experimentbasierte Forschung im Labor mit sich bringt. Dr. Valentina Wiescholleck, im ersten Jahr als Post-Doc in der Neurophysiologie, bekam ihren Sohn während der Promotion. Menschen in ihrer Situation seien aufgrund der fehlenden gesetzlich verankerten Unterstützung (z.B. Regelung von Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub inkl. Elterngeld) einer enormen Belastung ausgesetzt, sagt sie. „Wir sind gesetzlich nicht abgesichert. Diese Lücke muss geschlossen werden.“ Wieschollecks Kollegin Honghong Yang sagt, dass es sehr schwer für sie war, zu forschen und zugleich möglichst viel Zeit mit ihrer neun Monate alten Tochter verbringen zu wollen. Diese Belastung konnte sie nur dank der Unterstützung ihres Ehemannes bewältigen. Da er Erziehungsurlaub nehmen konnte, stand ihm auch Elterngeld zu. Yang selber nahm fünf Monate (zum Teil unbezahlten) Urlaub.

„Wunderbar unterstützt“

Ohne gesetzliche Regelung sind junge Mütter wie Valentina Wiescholleck und Honghong Yang finanziell ganz auf sich gestellt, wenn sie Urlaub nehmen, um sich um ihr Neugeborenes zu kümmern. Diese finanzielle Unsicherheit sowie ungewisse Jobperspektiven sind ohnehin die Dinge, vor denen Frauen in dieser Situation oft Angst haben. Doch diese beiden Frauen hatten Glück. Valentina Wiescholleck sagt, dass Prof. Manahan-Vaughan für eine Atmosphäre der Akzeptanz und Unterstützung im Labor sorgte. Sie finanzierte die jungen Mütter mit Mitteln aus ihrem eigenen Topf, damit sie ihre Promotionen abschließen konnten. „Prof. Manahan-Vaughan hat mich ganz wunderbar unterstützt. Ich denke, dadurch haben auch die Kollegen erkannt, dass dies ein gutes Umfeld ist, um Kinder zu bekommen – was im Hochschulbereich nur selten der Fall ist“, so Dr. Wiescholleck.
Denise Manahan-Vaughan ist sich bewusst, dass sie für junge Mütter, die eine Hochschulkarriere anstreben, eine Vorbildfunktion hat. Als Mutter zweier Kinder im Schulalter weiß sie um die Schwierigkeiten, die Rolle der Mutter mit der einer erfolgreichen Wissenschaftlerin unter einen Hut zu bringen: „Ich habe überlegt, was meine Situation verbessert hätte, als meine Kinder klein waren, und ich habe diese Ideen in meiner Abteilung umgesetzt, als meine Mitarbeiterinnen schwanger waren oder gerade ein Kind bekommen hatten.“ Zudem unterstützen RUB-Institute wie die International Graduate School of Neuroscience (IGSN), an der Wiescholleck und Yang promoviert haben, werdende Mütter. Wissenschaftlerinnen, die ein Kind erwarten, können mit der Verwaltung besprechen, wie sie die Belastung mindern können, die Schwangerschaft und Geburt während des Doktorstudiums mit sich bringen.
Es sind aber nicht nur diese jungen Mütter und Väter, deren Arbeit vor Probleme gestellt wird. Jede Schwangerschaft zieht eine Neuterminierung der wissenschaftlichen Arbeit nach sich. „In unserem Fall – wir führen elektrophysiologische Experimente durch – dauert es etwa ein Jahr, bis die jungen Wissenschaftler die spezifischen Methoden lernen und erste Ergebnisse erzielen. Das ist kein Bereich, in dem man sich einfach einen Ersatzwissenschaftler bestellen kann“, sagt Manahan-Vaughan.

Ehemänner helfen

Auch wenn Institute und Universitäten in ganz Deutschland sich heutzutage darum bemühen, die Karrieren von Frauen in der Wissenschaft zu unterstützen und zu fördern, vollzieht sich der Fortschritt nur langsam – wohl auch aufgrund der Tendenz in der Gesellschaft, traditionellen Geschlechterrollen nachzuhängen. Laut einem OECD-Bericht von 2006 werden Frauen überwiegend als diejenigen angesehen, die für die Kindererziehung und den Haushalt verantwortlich sind. Im Gegensatz zu dieser langläufigen Ansicht hatten die Mütter im Labor von Prof. Manahan-Vaughan die volle Unterstützung ihrer Ehemänner. Dadurch wurden die Folgen erheblich gemindert, die die Pflege des Neugeborenen sonst auf ihre Forschung und Karriere gehabt hätte. „Ich habe Erziehungsurlaub genommen und den regulären Urlaub drangehängt. Als ich wieder arbeiten ging, hat mein Mann Erziehungsurlaub genommen und ist mit unserer Tochter zu Hause geblieben“, erzählt Dr. Verena Aliane. Auch ihr Kind kam zur Welt, als sie gerade ihr erstes Forschungsjahr als Post-Doc in der Neurophysiologie absolvierte. „Ich war da noch relativ neu im Labor und wollte keine allzu lange Karrierepause einlegen. Für uns war das die beste Lösung.“ Sijie Zhang, dessen Frau im November ein Kind erwartet, räumt ein, dass die Unterstützung durch die Familie entscheidend sein wird. Sowohl Zhangs Eltern als auch die seiner Frau reisen extra aus China an, um sich in Dreimonatsschichten um das Baby zu kümmern.
Eigentlich sollten Kitas in hohem Maße zur Unterstützung junger Eltern beitragen, aber das Netz ist nicht ausreichend ausgebaut und Kinderbetreuung ist oft nicht billig. Weder Verena Aliane noch Honghong Yang haben einen Platz in einer der beiden Kitas der RUB zu bekommen. Aliane hat ihre Tochter stattdessen in einer privaten Einrichtung in ihrer Nähe untergebracht, während Yang darüber nachdenkt, vorübergehend eine Kinderfrau anzustellen, bevor sie einen neuen Antrag auf einen Kita-Platz an der RUB stellen kann. Valentina Wiescholleck hingegen hat einen Platz bei „Unikids“ gefunden, der Kita für Angestellte und Studenten der RUB.

Home Offices

Speziell die Arbeit im Labor bringt aber noch ganz andere Probleme für werdende bzw. junge Eltern mit sich. Z.B. ist es kaum möglich, von zu Hause aus zu arbeiten. „Im Labor führen wir fast jeden Tag Experimente durch, man ist gezwungen hinzugehen. Von Zuhause aus geht das nun einmal nicht“, schmunzelt Dr. Wiescholleck. Darüber hinaus dürfen Frauen bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausführen, wenn sie schwanger werden. „Alles, was mit Chemikalien zu tun hat, musste ich an andere abgeben“, so Dr. Aliane. Prof. Manahan-Vaughans Lösung besteht darin, werdenden und jungen Müttern zum einen den Umgang mit riskanten Chemikalien zu untersagen und ihnen zum anderen „Home Offices“ einzurichten. Sie können also zumindest den analytischen Teil ihrer Arbeit zu Hause erledigen, wodurch sich Arbeit und Familie viel flexibler koordinieren lassen. Nachhaltig unterstützt wird diese Strategie durch verschiedene familienfördernde Maßnahmen, die im von Denise Manahan-Vaughan geleiteten SFB 874 eingeführt wurden.

Außerdem stellt Manahan-Vaughan sicher, dass wichtige Laborarbeiten stets im Team durchgeführt werden, sodass nicht alles ins Stocken gerät, nur weil eine Mitarbeiterin in Elternzeit geht. „Für mich ist es sehr wichtig, jungen Eltern die Sorge zu nehmen, ob sie ihre Promotion abschließen können. Als Doktormutter finde ich es allerdings auch schwierig und besorgniserregend, Wege finden zu müssen, ein Projekt während des Mutterschaftsurlaubs einer Mitarbeiterin auf Eis zu legen. Meine Forschung wird durch Grants finanziert und unterliegt zeitlichen Beschränkungen. Ich muss einen ziemlichen Balanceakt hinlegen, um trotz einer Verzögerung in der Projektterminierung die Deadlines einzuhalten. Wenn aber diejenigen von uns, die Mittel und Wege finden mussten, um Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen, ihre Erfahrung und Hilfe nicht an die neue Generation weitergeben, wird sich niemals etwas ändern“, erklärt die renommierte Neurowissenschaftlerin.

Positiv und machbar

Die Eltern in der Neurophysiologie sind sich einig, dass sie dank der – auf moralische und finanzielle Unterstützung ausgerichteten – Atmosphäre im Labor die Schwangerschaft als positiv und machbar empfunden haben. Verena Aliane sagt, dass es jetzt nicht mehr schwierig ist, Arbeit und Familie in Einklang zu bringen: „Der Vorteil an unserem Job ist, dass er im Großen und Ganzen sehr flexibel ist. Wenn ich längere Experimente durchführen muss, verbringe ich mehr Zeit im Labor, und wenn ich mehr Daten analysieren muss, kann ich das von Zeit zu Zeit zu Hause erledigen.“ Zhang findet, dass es sehr hilfreich ist, dass man seine Forschungsarbeit im Labor relativ selbstständig organisieren kann: „Es ist immer gut, an einem mehr oder weniger unabhängigen Projekt zu arbeiten; sollte man einmal pausieren, kann man es nach seiner Rückkehr wieder aufnehmen. Bei uns im Labor sorgt Prof. Manahan-Vaughan dafür, dass Techniker und studentische Hilfskräfte den Eltern zur Seite stehen.“
Allen jungen Wissenschaftler hat zudem der Balanceakt zwischen Forschung und Kind geholfen, organisierter zu werden und sich die Zeit besser einteilen zu können; außerdem haben sie die Fähigkeit erworben, sich schnell an neue Situationen anzupassen. Valentina Wiescholleck schildert, wie sie an jeder neuen Herausforderung gewachsen ist. Sie fügt hinzu, dass die Angst, während der Promotions- oder Post-Doc-Phase ein Kind zu bekommen, gänzlich unbegründet ist, wenn man innerhalb des Arbeitsumfelds Unterstützung erfährt. Letztendlich ist sie davon überzeugt, dass sie und andere in der Forschung tätigen Mütter ihre Ziele erreichen können. „Wenn ich eines Tages mein eigenes Labor führen sollte, würde ich mich vermutlich bemühen, in erster Linie Mütter anzustellen, weil ich glaube, dass sie belastbarer sind als Leute, die noch keine Kinder haben“, so Wiescholleck.

Charlotte Ziob; Foto: Sponheuer | Themenübersicht