Proband werden, Probanden finden
RUB-Start-up pro-WISS managt Versuchspersonen für Studien
Im ersten Jahr ihres Bestehens hat die Firma pro-WISS der beiden RUB-Neurobiologen Dr. Tobias Kalisch und Dr. Jan-Christoph Kattenstroth gleich mehrere Preise abgeräumt. Die Idee: Probanden für Studien professionell finden und betreuen. Eine Datenbank und viele zusätzliche Dienstleistungen für Wissenschaftler ergeben zusammen ein einmaliges Angebot.
Die Idee wurde bei einer Autofahrt geboren. Tobias Kalisch und Jan-Christoph Kattenstroth waren unterwegs von Bochum nach Süddeutschland. Dort wollten sie einen Probanden besuchen, einen älteren Herrn, der sich bereit erklärt hatte, an einer Studie teilzunehmen. „Eigentlich ist das, was wir hier machen, so aufwendig, dass man es als Dienstleistung ausgliedern müsste“, sinnierten die beiden Neurobiologen, die einen großen Teil ihrer Arbeitszeit mit dem Probandenmanagement zubrachten. Dieser Gedanke ließ sie so schnell nicht mehr los.
Probanden für Studien zu finden, ist je nach Studienfrage gar nicht so einfach. Werden junge, gesunde Versuchspersonen gesucht, wird man an der Uni per Aushang vielleicht noch fündig, aber ältere Menschen oder Patienten mit einer ganz bestimmten Erkrankung zu finden, ist schwieriger. Sind sie einmal aufgetan, müssen Termine vereinbart, womöglich Besuche gemacht, Voruntersuchungen durchgeführt werden. Wer dabei einfach ins kalte Wasser springt, ist schlecht beraten, und könnte es einfacher haben. Kalisch und Kattenstroth, seit Jahren erfahren in der Probandensuche und -betreuung, stehen mit Rat und Tat parat.
Probandendatenbank
Kern ihres Angebots ist eine Probandendatenbank. Jeder, der Lust hat, mal bei einer wissenschaftlichen Studie in Biologie, Medizin, Psychologie oder Sportwissenschaft mitzumachen, kann sich unverbindlich anmelden. Persönliche Daten müssen angegeben werden, um passende Studienangebote zuzuordnen, sind aber einerseits bestens geschützt und werden andererseits niemals an Dritte weitergegeben, wie die Gründer betonen. „Wer sich angemeldet hat, kann sich die aktuellen, für ihn interessanten Studien anzeigen lassen, die der jeweils Durchführende ebenfalls in die Datenbank einträgt, und Informationen darüber einholen. „Die gesamte Kommunikation läuft über unser System. Entscheidet sich der Proband, an der Studie teilzunehmen, muss derjenige, der die Studie durchführt, sämtliche Daten, die er braucht, selbst beim Versuchsteilnehmer erfragen“, so Kattenstroth. So wollen die beiden Betreiber sicherstellen, dass das Angebot für Probanden vertrauenswürdig ist. Apropos vertrauenswürdig: Es kann auch nicht jeder x-Beliebige irgendein Studienangebot einfach veröffentlichen. Jeder Eintrag wird zunächst von den beiden Gründern geprüft und erst danach freigeschaltet. Fragwürdige Studien erscheinen somit erst gar nicht für mögliche Probanden.
Wer eine Studie im System annoncieren möchte, zahlt dafür 20 Euro. Mehr als 500 potenzielle Probanden kann man so schon ansprechen. Das Angebot ist damit aber noch lange nicht erschöpft. Wer für seine Studie eine ganz bestimmte Zielgruppe ansprechen will, kann sich vom pro-WISS-Team die passenden Probanden suchen lassen. „Wir haben inzwischen so viele Kontakte aus früheren Studien, dass wir oft nur einen Anruf machen müssen, um gleich mehrere mögliche Probanden einer bestimmten Zielgruppe ansprechen zu können“, erklärt Tobias Kalisch. Dadurch ist es u.a. möglich, gezielt ältere Menschen anzusprechen, oder von einer bestimmten Erkrankung Betroffene. Das gesamte Management – Terminabsprachen, Besuche, Voruntersuchungen – übernimmt pro-WISS ebenfalls auf Wunsch. Es gibt sogar ein Notfallsystem: Falls mal bei einer teuren Untersuchung ein Proband einfach nicht erscheint, sorgt pro-WISS umgehend für Ersatz. Außerdem beraten die beiden Gründer auch bei der Planung von Studien. Um dafür eine noch bessere Grundlage zu schaffen, haben sie gleich zu Beginn ihrer Selbstständigkeit eine eigene Befragung durchgeführt. Kernfrage: Unter welchen Bedingungen sind Probanden bereit, an einer Studie teilzunehmen? Wie weit sind sie bereit anzureisen? Welche Aufwandsentschädigung wird erwartet?
Der Gang zu rubitec
Neben dem so gewonnenen Wissen und ihrer Erfahrung brauchte es zum Gründen der eigenen Firma allerdings noch ein bisschen mehr. „Unser erster offizieller Schritt mit der neuen Idee war im Herbst 2011 der Gang zu rubitec, der Verwertungsagentur der RUB“, erklärt Tobias Kalisch. Hier bekamen sie u.a. den Tipp, am Ideenwettbewerb der RUB und am Senkrechtstarter Gründerwettbewerb der Wirtschaftsförderung Bochum teilzunehmen, zu denen jeweils ein mehrmonatiges Seminarprogramm gehört. Großes Ziel: der perfekte Businessplan. „Das hört sich so einfach ein, mal ein bisschen zusammenschreiben, was man sich so überlegt hat, aber wenn es dann um Konkurrenz, Marktsituation und Zahlen geht, wird es schon komplizierter“, berichtet Tobias Kalisch. Die beiden drückten zusammen mit vielen anderen Gründern aus den verschiedensten Branchen berufsbegleitend die Schulbank. Ihr Plan wurde mehrfach von Profis begutachtet und bewertet, schließlich belegten sie in beiden Wettbewerben den zweiten Platz. Beim Senkrechtstarter Wettbewerb räumten sie gleich noch einen Sonderpreis ab: ein Büro mit Internetanschluss für sechs Monate ab 1. September 2012 im BioMedizinZentrum (BMZ) auf dem RUB-Campus. „Da wir auch mobil vom Laptop oder Handy aus arbeiten können, waren wir uns zunächst nicht bewusst, wie nützlich ein Büro im BMZ sein kann.“, sagt Jan-Christoph Kattenstroth. Nicht nur, dass hier ein repräsentativer Platz für Besprechungen mit Kunden bereit steht. Die Nachbarschaft im Gebäude hat es in sich. Schnell waren die ersten Kontakte geknüpft, etwa ins Erdgeschoss zum MedEcon Ruhr e.V., dem pro-WISS beigetreten ist. „Wir haben jetzt schon Interesse bekundet, das Büro später zu mieten“, sagen die Gründer.
Grund genug, optimistisch in die Zukunft zu blicken, haben sie allemal. Kooperationsvereinbarungen mit verschiedenen Bereichen der RUB und dem Bergmannsheil stehen. Die Akademisierung von Gesundheitsberufen wie etwa Ergo- und Physiotherapeuten bringt viele potenzielle Kunden, die alleine wenige Möglichkeiten haben, an Probanden für ihre Abschlussarbeiten heranzukommen.
Info: http://www.pro-wiss.de
md; Foto: Sponheuer | Themenübersicht

