RUBENS Nr. 164 - 1. Nov. 2012
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Keine Funkstille auf dem Tandem

Neue Face-to-Face-Lernkurse mit Muttersprachlern am ZFA

Göteborg, Oviedo, Amsterdam – und jetzt Wolgograd. Mitte August lief der erste Russisch-Deutsche Intensivtandem-Kurs in Bochum. 14 Studierende der staatlichen pädagogischen Universität von Wolgograd verbrachten zwei Wochen an der RUB. Außerdem nahmen 22 deutsche Studierende am Pilotprojekt teil und lernten mit den russischen Gästen – voneinander und miteinander: die Russen Deutsch von den Deutschen und die Deutschen Russisch von den Russen. Mit diesem Projekt erweitert sich das Angebot des Face-to-Face Tandems mit Muttersprachlern am Zentrum für Fremdsprachenausbildung der RUB (ZFA): um eine Sprache und eine Stadt.
Den ersten deutsch-russischen Tandemkurs auf die Beine zu stellen war für Anastasia Mozgalina und Anna Timukova (Lektorinnen für Russisch am ZFA) eine spannende, aber auch arbeitsintensive Aufgabe. Dabei konnte man jedoch auf eine Verbindung nach Wolgograd zurückgreifen: Anastasia Mozgalina hatte die dortige Uni einst selbst besucht. Ganze Arbeit auf der russischen Seite leisteten Ekaterina Dzhenkova und Olesya Tyutyunova. Für sie war Bochum auch kein weißer Fleck auf der Landkarte, denn Ekaterina Dzhenkova kannte Bochum durch ihre Teilnahme am RUB-Promotionskolleg Ost-West.
Schnell war klar, dass eine solch intensive Zusammenarbeit zwischen Studenten nicht rein sachlich bleiben kann. Neben den täglich vorgesehenen fünf Stunden Tandemarbeit gab es viele gemeinsame Aktivitäten für die Nachmittage, bei denen man sich über die Grenzen der Sprache hinweg besser kennenlernen konnte. Den Abend des ersten Kurstages nutzten wir deutschen Studenten, um unseren neuen Freunden den (für Studenten) wohl interessantesten Platz Bochums zu zeigen – das Bermudadreieck. Ansonsten standen Bowling, Grillen sowie Kirmes-, Bar-, und Diskothekenbesuche auf dem Freizeitplan, der von Tutoren der russischen und deutschen Seite organisiert wurde.
Während man sich hier immer etwas zu erzählen hatte, stockte das Gespräch im Tandem beim einen oder anderen manchmal. Aufgrund der unterschiedlichen sprachlichen Vorkenntnisse der Studenten beider Seiten (A1 bis C1) war es nicht immer leicht, ein passendes Thema zu finden, über das man sich unterhalten konnte. Dennoch gab es in den zwei Wochen keine Funkstille. Mindmaps, Grafiken und Texte aus der speziell dafür entwickelten PROFIN Datenbank boten genügend Gesprächsstoff: Wie sieht der russische/deutsche Studienalltag aus? Was essen Deutsche, was Russen? Welche Musik ist hier bzw. dort beliebt? Kurzum: Das Lernen der Fremdsprache war nur ein Aspekt des Tandems, der Austausch über die Kulturen beider Länder war der zweite wichtige Punkt. Der Tandempartner ist dabei mehr als nur ein lebendiges Wörterbuch. Man bekommt direkte Rückmeldung, wenn sich ein Ausdruck komisch anhört, man ihn so nicht sagen würde oder die Grammatik nicht sitzt. Nur aus Fehlern lernt man.

Alle Kompetenzen gefragt

Beim Sprachtandem sind alle Kompetenzen gefragt: Hörverstehen und Sprechen im Gespräch, Leseverstehen bei der Beschäftigung mit Zeitungen und die schriftliche Produktion, um alle Eindrücke und Ergebnisse festzuhalten. Eine kleine Zeitung, für die jeder Teilnehmer einen Beitrag in seiner Fremdsprache verfasst hat, ist eine schöne Erinnerung an diese zwei Wochen. Und dieser Kurs soll nicht der letzte sein. Schon jetzt laufen die Vorbereitungen für den nächsten Tandemkurs, der im Sommersemester 2013 deutsche Studierende nach Wolgograd bringen soll. Um bis dahin weiterhin am eigenen Russisch zu arbeiten, gibt es mittlerweile einen Stammtisch für Russisch, bei dem die Sprachkenntnisse auch neben dem Unterricht angewendet werden können. Das erste Treffen mit rund 20 Studierenden fand im Oktober im Café Extrablatt im Bermudadreieck statt. Das nächste Treffen ist für einen Mittwoch im November geplant, bei Redaktionsschluss wurde um den genauen Termin und den Ort noch eifrig gedoodelt, das Ergebnis ist allerdings auf Facebook nachzulesen: https://www.facebook.com/groups/199287783536269/?ref=ts&fref=ts.
Ein letztes noch: Wenn man gemeinsam vier Stunden rote Beete schneidet, um Borschtsch nach russischem Originalrezept zu kochen oder bis fünf Uhr morgens in der Diskothek versackt, sind aus bloßen Tandempartnerschaften eines geworden: Freundschaften, die über die Grenzen von Ländern oder Sprachen hinausgehen.

Text/Foto: Marcel Widjaja | Themenübersicht