Plane statt Plastik
Serie: Kunst am Bau
Im Mai 1969 fasste das damalige Staatshochbauamt für die Ruhr-Universität nach „eingehendem Studium der örtlichen Situation und der Planunterlagen“ einstimmig den Entschluss, Victor Vasarely für die Gestaltung der Ostseite einer Wand am Südeingang des HZO vorzuschlagen.
Vasarely wurde 1906 in Ungarn geboren und gilt als führender Vertreter der Optical Art. In den 60er- und 70er-Jahren zählten seine Werke zu den meist ausgestellten, wurden z.T. auflagenstark reproduziert und waren nahezu omnipräsent. Auch in Bochum entschied man sich schnell für die Einbeziehung Vasarelys in die künstlerische Ausgestaltung der Uni. So hatte man bereits den Auftrag für die Gestaltung des Glasfensters am HZO zugesagt. Aber die zuständige Gutachterkommission für Kunst am Bau hielt auch die ca. 16x5m große Betonwand aufgrund ihrer besonderen Lage für eine künstlerische Behandlung prädestiniert. Nicht nur weil sie von zwei Ebenen des Hörsaalzentrums aus erlebbar sei, sondern auch, weil sie an der stark frequentierten Brücke zum NA liege und vom gesamten Querforum Ost aus zu sehen sei. Auch würde die Nord-Süd-Lage der Wand zu einer „außerordentlich günstige[n] Licht- und Schattenwirkung“ beitragen.
Zur Begründung für die weitere Beauftragung Vasarelys hieß es, die enge räumliche Nachbarschaft zu der von ihm gestalteten Glaswand lasse es vorteilhaft erscheinen, „wenn vom gleichen Künstler das bereits in Glas gesetzte Thema in Beton übersetzt wird“. Vor allem sei dabei eine formal wie künstlerisch schwächere Lösung als Beeinträchtigung des Glasfensters ausgeschlossen. Thematisch einigte man sich damit schnell auf eine grafisch und mehr oder weniger plastisch gestaltete Wand. Der Entwurf Vasarelys schließt in das Wandbild eine Vielzahl von geometrischen Inversionsfiguren ein, die das Betrachter-Auge zwingen, zwischen mehreren Perspektiven ständig zu wechseln. Jede Figur kann als vorspringender oder auch zurückspringender Kubus mit Drauf- oder Untersicht wahrgenommen werden. „Alle Formsysteme/Figuren sind gleichermaßen kontextualisiert und hierarchisiert und können somit gleichberechtigt miteinander konkurrieren.“ (Max Imdahl, Mitglied der Gutachterkommission). Im Gegensatz zu Vasarelys Glasfenster „Grand Vitrail Cinetic“ kann der Betrachter hier, ohne eigene Bewegung wie z.B. Vorbeilaufen, eine Vielzahl von Flächen-, Volumen- und Raumbezügen erkennen. Dieser Entwurf wurde schnell einstimmig genehmigt.
Materialwahl
In der Materialwahl herrschte allerdings zunächst Uneinigkeit. Entgegen der im August 1968 in den Akten vermerkten Vorstellung der zuständigen Architekten (Büro Eller-Moser-Walter) an dieser Stelle ein Betonrelief auszuführen, schlug Vasarely nach Beauftragung 1969 vor, die Wand mit in einem Kunstharz-Verfahren hergestellten Kunststoffplatten zu gestalten. Daraufhin gab die Kunstkommission in ihrem ersten Protokoll vom 27.10.70 den Hinweis, dem Kunststoff sei aus Gründen des Brandschutzes und der Witterungsbeständigkeit Delft´sche Keramik vorzuziehen, womit sich Vasarely schließlich einverstanden erklärte. Leider hat diese Entscheidung offenbar eine Tragweite bis heute. Da die Oberkante der Wand nicht ausreichend gegen Witterungseinflüsse geschützt wurde, konnte herablaufendes Regenwasser an dem Objekt große Schäden anrichten. So besitzen einige der Keramikplatten keine tragende Verbindung mehr zur Betonwand, das heißt hinter ihnen sind großflächige Hohlräume entstanden, die zu einer Ablösung der Platten führen. Somit ist die Gefahr gegeben, dass Teile der Platten auf vorbeigehende Passanten herabstürzen. Nachdem man diesen Zustand 2005 in einem Gutachten festgestellt hatte, wurde das Kunstwerk mit einer Plane verhängt und so vorrübergehend gesichert. Die 221 farbig glasierten Platten aus Delft´scher Keramik erfordern eine so spezielle und kostenaufwändige Restaurierung, dass uns leider bis heute nur der Blick auf die Plane bleibt.
Alexandra Apfelbaum; Foto: Universitätsarchiv | Themenübersicht

