RUBENS Nr. 163 - 1. Okt. 2012
RUB » RUBENS » Ausgabe 163 » Artikel

Die Schönheit des Flüchtigen

Werke von Abbas Kiarostami im Kubus

Sehen ist ein elementarer Bestandteil unseres Lebens. Für die meisten so selbstverständlich, dass wir uns dessen nur bewusst werden, wenn etwas unser Sehvermögen beeinträchtigt. Situation Kunst zeigt im Herbst und Winter einen Künstler, der uns durch einen verstellten Blick zwingt, aufmerksamer hin zu sehen.

Der 1940 in Teheran geborene Abbas Kiarostami ist einer der wichtigsten Regisseure Irans. Seine seit den 70er-Jahren entstandenen Filme sind weltweit auf namhaften Festivals ausgezeichnet worden (u.a. 1997 mit der Goldenen Palme in Cannes). Regisseure wie Quantin Terentino und Martin Scorsese gehören zu seinen Bewunderern. Nachdem seine ersten Filme überwiegend mit Laiendarstellern im Iran entstanden waren, dreht er mittlerweile internationale Co-Produktionen mit renommierten Schauspielern. Dass Kiarostami auch ein bemerkenswertes fotografisches Œuvre vorzuweisen hat, ist weniger bekannt. Die Werkschau „Abbas Kiarostami. Stille und bewegte Bilder“, ab Oktober im Kubus zu sehen, präsentiert als erste Einzelausstellung in Deutschland eine Auswahl seines filmischen und fotografischen Schaffens.
Kiarostami sieht in der Rahmung des Blickes eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen fotografischen und filmischen Bildern. Die Wahl außergewöhnlicher Ausschnitte führt in seinen Arbeiten dazu, dass die Beschränkung des Blickfeldes ausdrücklich thematisiert wird. Durch dezente Verfremdung und Unschärfe, durch Sichtbarrieren wie Vorhänge, Fenstergitter und Balustraden oder durch gestaffelte innerbildliche Rahmungen irritiert er den Blick des Betrachters und provoziert ein umso genaueres Hinsehen. Dabei führen uns seine Bilder vor Augen, was wir alle kennen, vertraute Motive, die wir meist unbewusst an uns vorbeiziehen lassen, ohne ihre ästhetische Qualität wahrzunehmen: die verschleierte Sicht auf die Welt durch die mit Regen benetzte Windschutzscheibe eines fahrenden Autos in der Serie „Rain and Wind“ (2007), der flüchtige Moment einer Licht-Schatten-Konstellation in schneebedeckten Landschaften in der Werkgruppe „Snow White“ (1978-2004). Der Film „Five“ animiert uns zum ausdauernden Hinschauen, wenn die starre Kamera in fünf Episoden mit einem jeweils gleichbleibenden Bildausschnitt z.B. das zufällige Kommen und Gehen an einer Strandpromenade oder eine Gruppe in der Dämmerung ruhender Hunde festhält. Da der Blick nicht abschweift, kann der geduldige Betrachter das Geschehen intensiver wahrnehmen.

Sehen als Herausforderung

Kiarostami kreiert häufig Spannungsverhältnisse zwischen Innen und Außen, Sichtbarem und Unsichtbarem, Illusion und Realität. So betrachten wir in der Videoinstallation „A Summer Afternoon“ ein geschlossenes Fenster mit Vorhängen, die sich im Rhythmus sanfter Luftzüge bewegen. Jenseits des Fensters erkennen wir die Umrisse eines sich im Winde neigenden Strauches. Wir als Betrachter sind uns im Klaren darüber, dass es sich um eine Projektion handelt und dass uns der Blick auf das Außerhalb des Fensters verwehrt bleibt. Und plötzlich spüren wir den Luftzug auf unserer Haut, der eben noch die Vorhänge tanzen ließ…
Deutliche oder dezente Sichtschranken, ein determinierter Blick von Innen nach Außen auf begrenzte Ausschnitte – all das lässt das Sehen bei Kiarostami zur Herausforderung werden. Wer sich ihr stellt, wird vielleicht mit der Erkenntnis belohnt, dass sich durch eine intensivere Betrachtung die flüchtige Schönheit des Augenblickes offenbaren kann.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hatje Cantz Verlag mit einem Statement des Künstlers sowie kunst- und medienwissenschaftlichen Texten; im Museumsshop erhältlich für 24 Euro (für RUB-Studenten 18 Euro). Am 8./9.11. findet in Situation Kunst in Zusammenarbeit mit dem RUB-Institut für Medienwissenschaft ein öffentlicher Workshop zum filmischen und fotografischen Werk von Abbas Kiarostami statt.

Info: „Abbas Kiarostami. Stille und bewegte Bilder“, 7.10.2012-20.1.2013, Kubus/Situation Kunst, geöffnet: Mi-Fr 14-18, Sa/So 12-18 h; Eintritt 5/3 Euro; www.situation-kunst.de.

Patricia Hartmann | Themenübersicht