RUBENS Nr. 162 - 1. Juli 2012
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„Es war jede schlaflose Nacht wert“

GElebte Familie an der RUB: Denise Zacher brachte Familie und Dissertation unter einen Hut

Promotion und gleichzeitig Mutter werden? Sicherlich nicht die leichteste Aufgabe. Dass es trotzdem erfolgreich funktionieren kann, hat Denise Zacher gezeigt. Die promovierte Chemikerin brachte Familie und Dissertation unter einen Hut, und ist heute trotz der hohen Belastung rundum zufrieden. Und sie würde es genauso wieder tun.


Es kommt doch oft anders, als man denkt. In besonderem Maße dürfte das wohl bei Denise Zacher zutreffen – denn sie hätte nie damit gerechnet, einmal Doktorin der Chemie zu sein. Und auch nicht damit, ihre Dissertation parallel zu ihrer Schwangerschaft so hervorragend zu meistern. Dass ihr das gelungen ist, bestätigt auch der Dr. Klaus-Marquardt-Preis der Gesellschaft der Freunde der RUB (GdF), den sie jetzt für ihre besonders gute wissenschaftliche Arbeit erhalten hat.
Zacher promovierte in der AG von Prof. Dr. Roland A. Fischer und beschäftigte sich in ihrer Dissertation mit dem Wachstum von porösen Koordinationspolymeren, sog. MOFs (metal-organic frameworks, also metall-organische Gerüstverbindungen), wobei sie dünne Schichten sowie Nanokristalle in den Fokus nahm. Die MOFs sind vielversprechende Materialien bezüglich zahlreicher Anwendungsmöglichkeiten von der Gasspeicherung und -Trennung bis hin zur chemischen Sensorik, Katalyse und Wirkstofffreisetzung. „MOFs funktionieren beispielsweise wie ein Schwamm: Sie haben eine ungeheuer hohe Speicherkapazität, weil sich die Gase beim Eintritt in die Moleküle gleichsam verflüssigen und somit ihre Dichte erhöhen. Sie spielen deshalb eine wichtige Rolle in Bezug auf neue Technologien.“, erklärt Zacher, wobei es sich bei ihrer Arbeit jedoch ausschließlich um Grundlagenforschung handele. „Ein umfassendes Verständnis der MOF-Bildungsprozesse und die Fähigkeit, dünne geschlossene Schichten mit einer definierten Orientierung aufzuwachsen, ist wichtig, um das Potenzial der Materialien in Hinsicht auf die Nanotechnologie und Systemintegration zu erreichen.

Zunächst nur halbtags

Bereits in ihrer Master-Arbeit an der Fakultät für Chemie und Biochemie an der RUB hatte sie sich mit dem Thema MOFs beschäftigt und so sehr dafür begeistert, dass sie 2007 mit ihrer Dissertation zu dem gleichen Thema begann. Ende 2007 kam dann die Wende: Nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, musste sie viele Umstellungen in Kauf nehmen. „Die größte Einschränkung während der Zeit war, dass ich nicht ins Labor durfte“, erinnert sie sich. Das Einzellabor, das ihr vom Lehrstuhl zur Verfügung gestellt worden war, bot zwar eine Alternative, jedoch hatte sie natürlich auch dort nicht die Möglichkeit, uneingeschränkt für ihre Dissertation relevante Forschung zu betreiben. Aber trotz der Tatsache, dass sie deshalb letztendlich knapp fünf, anstatt der üblichen drei Jahre an ihrer Promotion gearbeitet hat, blieb sie während der ganzen Schwangerschaft sowie danach an der RUB angestellt und brachte sich ein, wo immer es ging: Sie forschte im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiter und publizierte fünf Mal als Erst- sowie 18 Mal als Co-Autorin.
Nachdem ihr Sohn im Juli 2008 geboren wurde, fing Zacher bereits im Dezember wieder an zu arbeiten. Und diese Zeit war alles andere als leicht: Bis ein geeigneter KiTa-Platz gefunden war, dauerte es einige Monate, sodass sie zunächst nur halbtags arbeiten konnte. „Im Gegensatz zu meinen Kollegen war es für mich nicht möglich, das Projekt einfach ‚abzuarbeiten’. Ich musste immer mit einplanen, meinen Sohn zur KiTa zu bringen und rechtzeitig wieder abzuholen. An den Nachmittagen wollte ich natürlich für ihn da sein, sodass es sich nicht vermeiden ließ, die ein oder andere Nachtschicht einzulegen, um mit meiner Dissertation voran zu kommen.“
Vor allem durch die tatkräftige private Unterstützung ihres Partners und der Eltern sowie das Entgegenkommen seitens des Lehrstuhls war es Zacher möglich, ihre Forschung trotz einiger Schwierigkeiten zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. „Ganz besonders dankbar bin ich Prof. Fischer, bei dem ich promoviert habe und der mich kontinuierlich und immer wieder von neuem motiviert hat, auch wenn ich zeitweise an die Grenzen meiner Belastung kam. Außerdem musste ich nicht befürchten, meine Doktoranten-Anstellung wegen der zeitlichen Einschränkungen zu verlieren und nicht mehr finanziert werden zu können, denn Herr Fischer sicherte mir die Stelle zu, bis ich fertig war.“ Auch seitens der Kollegen erfuhr Zacher Verständnis und volle Unterstützung: ihr wurde beispielsweise ermöglicht, ihren Sohn im Alter von drei Monaten mit auf eine Konferenz zu nehmen, sodass sie Muttersein und Beruf besser miteinander vereinbar konnte. Neben dieser Unterstützung war es aber natürlich in erster Linie ihr Sohn selbst, der sie motivierte, immer weiterzumachen. „Ich wusste die ganze Zeit, wofür ich arbeite: mein Kind“, betont Zacher.

Akademische Laufbahn

Daneben spielt für sie der Spaß, den sie bei der Forschung hat, eine entscheidende Rolle. „Ich arbeite richtig gerne und habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Auch wenn es anfangs schwierig war, meinen Sohn bereits mit einem Jahr in die KiTa zu geben, und ich mich manchmal gefragt habe, ob ich deswegen eine schlechte Mutter bin, würde ich diese Doppelbelastung immer wieder auf mich nehmen. Denn es war jede schlaflose Nacht wert.“
Aus ihrer Erfahrung heraus kann sie anderen studierenden und promovierenden werdenden Müttern raten: „Man sollte sich rechtzeitig um eine gute Kinderbetreuung kümmern. Es ist manchmal gar nicht so einfach, etwas zu finden, das den eigenen Vorstellungen entspricht.“ Am wichtigsten aber ist es, zu versuchen, jede freie Minute mit dem Kind zu verbringen. „Wenn man als Mutter einen anspruchsvollen und zeitaufwändigen Beruf hat, sind die Stunden, die man für sein Kind da sein kann, umso wertvoller und ich denke, man erlebt die Zeit vielleicht intensiver.“
Im Juli wird Zacher an der TU Dortmund ihre Forschungen fortsetzen, um die akademische Laufbahn einzuschlagen. In die Industrie möchte sie nicht, dafür forsche sie einfach viel zu gerne, sagt sie. Denise Zacher scheint genau zu wissen, was sie will. Und sie weiß, dass sie den für sich optimalen Weg geht. Denn „Mutter sein ist wunderschön. Aber das alleine reicht mir nicht – ich möchte in Zukunft unbedingt Mutter sein und arbeiten.“ Dass sie auch das meistern wird, steht eigentlich außer Frage.

Noryn Thomann; Foto: Nelle | Themenübersicht