RUBENS Nr. 162 - 1. Juli 2012
RUB » RUBENS » Ausgabe 162 » Artikel

Festakt an der Baugrube

Serie: RUB minus 50

Große Jubiläen werfen ihre Schatten voraus: 2015 wird die RUB ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Das Universitätsarchiv blickt schon jetzt in einer kleinen Serie zurück, jeweils genau 50 Jahre – heute in den Juli 1962.

Es war das erste sichtbare Zeichen vor Ort, hier im Süden der Stadt Bochum, dass sich im Hinblick auf die geplante Universität etwas tat: Vor den Türen der Querenburger Bürger, genauer an der Overbergstraße, war am Rande einer provisorischen Baugrube ein Stück Mauerwerk errichtet, das Rednerpult aufgestellt und zum Schutz der Gäste ein Sonnensegel gespannt. Zur feierlichen Grundsteinlegung eines Studentenwohnheims erschienen hier am 2. Juli 1962 u.a. Ministerpräsident Franz Meyers, Kultusminister Werner Schütz, der Vorsitzende des Gründungsausschusses für die Universität Prof. Hans Wenke und städtischerseits OB Fritz Heinemann. Den musikalischen Rahmen gestaltete das Werksorchester der Bergwerksdirektion Hannover-Hannibal.
Schon die imposante Rednerliste lässt erahnen, dass es hier nicht einfach um ein Wohnheim ging. Stadt und Land wollten ein frühes Signal setzen und so ging es in den Ansprachen nahezu ausschließlich um die zu erbauende Universität, ihre Konzeption, ihre Bedeutung für Stadt und Land. Auch Meyers blieb weitestgehend allgemein. Für ihn „bezeichnet[e] diese Grundsteinlegung einen bedeutsamen Punkt [… in der] Geschichte der deutschen Wissenschaftspflege.“ Der Bochumer Oberbürgermeister hingegen sah bereits Fakten geschaffen und ließ sich dazu hinreißen, von der „nunmehr instituierten Ruhr-Universität“ zu sprechen – eine politische Spitze in gleich doppelter Hinsicht. Zum einen war die Diskussion um eine mögliche Aufteilung der Universität auf die Standorte Bochum und Dortmund keineswegs beendet und zum anderen war hinsichtlich des Namens der neuen Universität noch keine Entscheidung gefallen. Heinemann versucht hier vergeblich, den Diskussionen Wind aus den Segeln zu nehmen, zumal sich die Landesregierung in diesen Fragen weiterhin bedeckt hielt. Selbst die Grundsteinlegung jetzt sollte hieran zunächst nichts ändern.

„Sammelgebäude“

So weit wie es der offizielle Anlass ‚Grundsteinlegung‘ vermuten lässt, war man zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Den Platz an der Overbergstraße hatte man wenige Wochen zuvor für den Festakt noch eilends herrichten müssen, da gegen das ursprünglich von der Stadt angebotene Grundstück an der Laerholzstraße seitens der Landesbaubehörde Ruhr Bedenken erhoben worden waren. Zwar konnten die ursprünglichen Planungen weitgehend für den neuen Bauplatz übernommen werden, jedoch war allen Beteiligten klar, dass, wie das Bauamt bereits am 27. Juni festgestellt hatte, „vor Oktober/November 1962 nicht mit einem Baubeginn zu rechnen ist.“ Und in der Tat erteilte die Landesbaubehörde Ruhr erst am 10. Dezember ihre Zustimmung für das Bauvorhaben. Das schließlich Ende Juni 1964 fertiggestellte Objekt umfasste fünf „Bauteile“, die sich um eine Art Innenhof gruppieren. Dabei entsprachen die Funktionszuweisungen im Wesentlichen den ursprünglichen Planungen: 104 Einzelzimmer in den Trakten I und II, 21 Doppelzimmer im Trakt III, Gemeinschaftsräume im Trakt IV (im Februar 1965 wurde hier auch eine Mensa eingerichtet) und Tutoren- und Hausmeisterwohnungen im Trakt V.
Selbstredend wurde der Komplex 1964, mehr als ein Jahr vor Eröffnung der Universität, noch nicht von Studierenden bewohnt. Es zogen zunächst Wissenschaftler und Verwaltungsangestellte ein: Lehrstuhlinhaber von nicht weniger als acht geisteswissenschaftlichen Abteilungen fanden hier ihre provisorische Unterkunft, und für das Institut für Mineralogie wurden im Bauteil I gar Umbauarbeiten zur Herrichtung eines „Improvisoriums“ vorgenommen. So nimmt es nicht wunder, dass das Bauwerk anfangs schlicht als „Sammelgebäude“ bezeichnet wurde, eine Terminologie übrigens, die schon das Bauamt bei seiner Genehmigung verwendet hatte. Das verhehlte auch der Ministerpräsident in seiner Ansprache 1962 keineswegs. Zwar sei es ein „glücklicher Umstand“, dass „das Gebäude, […] dessen Grundstein wir heute legen, ein Studentenwohnheim ist.“ In einer geschickten Wendung mutierte dieses jedoch unmittelbar zu etwas viel Bedeutsamerem: „Dieses Gebäude kann aber mit umso größerem Recht als erstes Gebäude der Universität gelten, als es dazu bestimmt ist, zunächst den Kern der Universitätsverwaltung und erste wissenschaftliche Arbeitsgruppen aufzunehmen.“
Die Funktion eines Sammelgebäudes sollte der Komplex an der Overbergstraße sehr viel länger als geplant behalten – im Grunde bis heute. Erst zum WS 1970/71 wurden hier Wohnheimplätze eingerichtet (91 Zimmer), und außer diesem westlich gelegenen Doppelgebäude (Bauteile I und II) ist die Anlage auch 2012 noch von universitären Einrichtungen belegt.

Jörg Lorenz; Foto: Presse- und Informationsamt der Stadt Bochum | Themenübersicht