Komparatist?
Serie: Was macht eigentlich ein...
Komparatistik, Proteomik, Kontinuumsmechanik – was genau wird an diesen Lehrstühlen erforscht? In jeder RUBENS stellen wir eine andere Arbeitsgruppe vor. Christoph Benjamin Schulz (36) promoviert am Lehrstuhl für Komparatistik und arbeitet am DFG-Projekt „Literarisch-ästhetische Experimente mit der Gestalt des Buches“. Zuletzt organisierte er für das Museum Tate Liverpool eine große Ausstellung zur Rezeptionsgeschichte von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, die seit dem 21.6. auch an der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Mit ihm sprach Julia Weiler.
Was erforscht ein Komparatist?
Hinter der Komparatistik verbirgt sich die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Komparatisten vergleichen z.B. literarische Stoffe und Motive in verschiedenen Sprachen und ‚Nationalliteraturen‘, die historische Entwicklung literarischer Gattungen in unterschiedlichen Kulturräumen, aber auch unterschiedliche Medien künstlerischen Ausdrucks – wie Texte und Bilder. Ein anderer wichtiger Forschungsbereich ist die Theoriebildung in der Literaturwissenschaft, also ein vergleichender Blick auf die Methoden literaturwissenschaftlichen Arbeitens.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
In den letzten Jahren habe ich ein Buch über die Geschichte des Blätterns aus komparatistischer Perspektive geschrieben. Die Ausgangsfrage war: Wie kam es dazu, dass wir heute Bücher mit Seiten anstatt Buchrollen nutzen, und wie hat sich die sequentielle Struktur des Buches auf das Schreiben von literarischen Texten ausgewirkt. Gleichzeitig geht es auch um das Blättern als eine Kulturtechnik der Wissensaneignung. Ich habe Seminare gehalten, Aufsätze geschrieben, mit meinen Kollegen zwei Tagungen organisiert und Tagungsbände herausgegeben. Im Grunde besteht der Alltag aus Recherche, Sichten und Auswerten von Material, Austausch mit Fachleuten und letztlich natürlich dem Verfassen und Publizieren von Forschungsergebnissen.
Was ist für Sie das Faszinierendste an Ihrer Forschung?
Was mich an der Komparatistik am meisten interessiert und herausfordert, ist die weite und übergreifende Perspektive, die sowohl eine internationale als auch eine intermediale ist. Sie bringt verschiedene Kulturen, künstlerische Medien und Disziplinen in einen Dialog. Das scheint mir angesichts der globalisierenden Entwicklungen unserer Zeit ein sehr relevanter und weitsichtiger Ansatz.
Welche Berufsfelder gibt es für Komparatisten?
Was man aus seinem Studium in beruflicher Hinsicht macht ist, wie bei vielen anderen philologischen Fächern auch, maßgeblich den Interessen und dem Einfallsreichtum jedes Einzelnen überlassen. Da ich nicht nur Komparatist, sondern auch Kunsthistoriker bin, arbeite ich z.B. auch als Kurator und Ausstellungsmacher für verschiedene Museen. Meist gibt es dabei Schnittstellen zu meiner Arbeit als Literaturwissenschaftler.
Was ist Ihr Traum für die Zukunft?
Beruflich wünsche ich mir eine bessere finanzielle Ausstattung, die langfristige Planungen ermöglicht, aber auch ein kontinuierliches Arbeiten und Forschen. Privat möchte ich ein paar Reisen nachholen, zu denen ich in zuletzt nicht gekommen bin, vor allem in den Vorderen Orient.
jwe; Foto: Nelle | Themenübersicht

