
Ins kalte Wasser gesprungen
Spin off-Unternehmen quasol rechnet für die Finanzbranche
Vanessa Peters und Daniel Ziggel sind ins kalte Wasser gesprungen – und zwar mit Erfolg. Als Rechtsanwältin und Mathematiker gründeten sie 2010 ihr eigenes Unternehmen „quasol“, das Rechenleistungen für die Finanzbranche anbietet. In nur zwei Jahren sind die beiden ohne Fremdkapital zu einem rentablen Unternehmen herangewachsen. Der RUB sind sie nach wie vor eng verbunden.
Daniel Ziggel wusste schon in der Schule, dass er irgendwas mit Mathematik machen wollte. „Aber selbstständig zu sein, konnte ich mir nie vorstellen“, sagt er. Er studierte Wirtschaftsmathematik in Kaiserslautern, promovierte am RUB-Lehrstuhl für Stochastik und wechselte dann zu einer Unternehmensberatung. Das war allerdings nicht seine Welt, also versuchte er etwas Neues. Mit Hilfe von RUB-Professor Holger Dette schmiedete der Mathematiker im Sommer 2009 den Plan, ein eigenes Unternehmen für statistische Berechnungen im Finanzsektor zu starten.
Die Verwertungsgesellschaft rubitec der Ruhr-Uni empfahl, ein interdisziplinäres Team zu bilden. So kam Vanessa Peters an Bord, die kurz vor ihrem zweiten Jura-Staatsexamen an der RUB stand. „Wir kennen uns schon ewig aus Schulzeiten“, erzählt Daniel Ziggel. „Also haben wir beschlossen, das Unternehmen zusammen zu gründen.“ Seiner Kollegin kam das sehr gelegen: „Ich habe Jura immer als Grundlage gesehen und wollte nie Vollzeit-Rechtsanwältin werden.“
Kein Kapital
Die beiden hatten jedoch nicht ausreichend Startkapital, also bewarben sie sich, unterstützt durch Prof. Dette und die rubitec, um ein EXIST-Stipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und der EU. Dieser Geldtopf sorgt im ersten Firmenjahr für ein Gehalt und einige Sachmittel. Peters und Ziggel waren fest entschlossen, ihre Pläne in die Tat umzusetzen. „Ich hatte bei der Unternehmensberatung schon gekündigt, bevor der Antrag für das Stipendium bewilligt war“, erinnert sich der Mathematiker. „Ich hätte auch ohne das Stipendium versucht, das hinzukriegen. Im Nachhinein betrachtet hätte es aber wahrscheinlich nicht funktioniert.“
Glücklicherweise war der Antrag im EXIST-Programm erfolgreich und die beiden konnten zur Tat schreiten. Der Businessplan sah vor: Software für die Portfoliooptimierung „kleiner Kunden“. Die quasol-Software rechnet zum Beispiel aus, wie ein Anleger sein Geld am besten auf Aktien, Staatsanleihen, Festgeldkonten usw. verteilt – und zwar so, dass es optimal zu seinem Risikobewusstsein passt. Interessant ist das etwa für Anlageberater, die mit diesen Zahlen ihre Klienten optimal informieren können.
So war jedenfalls der Plan. „Die Portfolio-Optimierungssoftware für kleine Kunden haben wir nicht einmal verkauft“, erzählt Ziggel lachend. „Wir dachten, wenn wir Referenzen haben, dann trauen wir uns an die größeren Kunden ran. Das hat überhaupt nicht funktioniert.“ Aber die größeren Kunden hatten direkt Interesse.
Kommt gut an
Ziggel und Peters arbeiten inzwischen zum Beispiel mit einem etablierten Software-Haus zusammen, das verschiedene Banken und Vermögensverwalter betreut. quasol liefert neue Rechenkerne für diese Software, die so noch mehr Funktionen erhält, wie etwa bestimmte Risikokennzahlen berechnen. „Das kommt sehr gut an“, sagt Peters und freut sich über die Nische, die ihr Unternehmen gefunden hat. „In dem Bereich haben wir bisher noch keinen Konkurrenten angetroffen.“
Das Besondere an quasol: Ziggel und Peters setzen statistische Modelle und Methoden auf dem neusten Stand der Forschung ein. Das ist laut Ziggel auf dem Markt meist nicht der Fall: „Die Praxis hinkt der Uni oft 50 Jahre hinterher.“ Die neuen Methoden an den Mann zu bringen, ist auch nicht immer leicht. „Manche Leute sind kaum bereit, von ihren Modellen abzurücken, selbst wenn es Neues gibt“, erzählt Peters.
Ohne BMW
Die beiden RUB-Alumni leben inzwischen gut von ihrem zwei Jahre alten Unternehmen: „Wir können uns noch keinen dicken BMW als Firmenwagen kaufen, aber das wollen wir auch gar nicht.“ Sie sind froh darüber, ohne einen einzigen Euro Fremdkapital gegründet zu haben. „Wir sind vor allem deshalb so zufrieden, weil alle uns vorher gesagt haben: Macht euch keine Hoffnung, dass ihr vor drei bis fünf Jahren von eurer Firma leben könnt. Doch es hat viel schneller funktioniert.“
Inzwischen denken Vanessa Peters und Daniel Ziggel sogar schon darüber nach, im nächsten Jahr einen zusätzlichen Mitarbeiter einzustellen – aber nur, wenn die Auftragslage so gut bleibt. Noch stemmen sie die Firma alleine, aber hin und wieder erfordert ein Projekt schlicht und ergreifend mehr Leute. Deshalb freuen sich die Gründer über die gute Zusammenarbeit mit der RUB und TU Dortmund. Doktoranden und PostDocs der Mathe-Lehrstühle haben schon mehrfach an quasol-Projekten mitgerechnet und die Kooperation soll auch in Zukunft weiterbestehen.
Daniel Ziggel kann sich sowieso nicht ganz von der Uni losreißen. Hin und wieder schreibt er mit Bochumer oder Dortmunder Kollegen Fachartikel. „Es macht halt Spaß wissenschaftlich zu arbeiten. Das kann man schon als ein Hobby bezeichnen“, sagt er.
Auch Vanessa Peters hat noch genug Zeit, sich nebenberuflich zu betätigen – als Rechtsanwältin. Ihre Aufgaben bei quasol haben mit dem, was sie im Studium gelernt hat, fast gar nichts mehr zu tun. Im Unternehmen hält sie ihrem Kollegen für die Programmierung der Rechenkerne den Rücken frei. Das beutetet zum Beispiel Buchhaltung, Marketing, Verträge ausarbeiten sowie Handbücher und Präsentationen erstellen.
Damit sind beide rundherum zufrieden: „Wir können jedem nur empfehlen, ernsthaft über die Option Selbständigkeit nachzudenken!“
jwe, Foto: Nelle | Themenübersicht

