In bochum geht ein Licht auf
Humboldt-Stipendiat Paul Stuart Campbell forscht nach optimalen Leuchtmitteln
Inflationär wird der Begriff des Kulturschocks bemüht, wenn Ausländer ins Ruhrgebiet ziehen. Doch längst sind nicht mehr alle Blüten grau, die der „Pott“ treibt. Und für Dr. Paul Stuart Campbell gelten sowieso andere Voraussetzungen: Er ist in Middlesbrough geboren, im Mutterland der Industrialisierung. Auch deswegen fühlt sich der Engländer, der seit Anfang vergangenen Jahres in Bochum lebt, schon ein Stück weit heimisch – und träumt sogar davon, langfristig in Deutschland zu bleiben.
Jeden Tag geht dem 26-Jährigen ein Licht auf. Zumindest an jedem guten. Der promovierte Chemiker arbeitet als Humboldt-Stipendiat mit Leuchtstoffen. Er forscht in der Arbeitsgruppe für Festkörperchemie von Prof. Dr. Anja-Verena Mudring, die er schon 2009 auf einem Kongress über Ionische Flüssigkeiten in Australien kennengelernt hat. Im Januar 2011 ist Campbell über diesen Kontakt und gefördert vom European Research Council (ERC) an die Ruhr-Universität gekommen. Seit Februar dieses Jahres läuft sein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. „Es ist super. Ich bin sehr glücklich. Hier in Bochum habe ich sehr gute Forschungsmöglichkeiten, die Atmosphäre ist toll!“
Effizient & angenehm
In seinem Labor geht es um Ionische Flüssigkeiten und Nano-Partikel, um Leucht- und Lösungsmittel, um Energie und Energiesparen. Ziel ist es, die Post-Glühbirnen-Ära mitzugestalten, neue Leuchtmittel effizienter, umweltschonender, angenehmer zu machen. „Die verschiedenen Glühbirnen werden nach und nach verboten. Im September verschwinden mit der 25- und der 40-Watt-Birne auch die letzten Modelle aus den Regalen. Aber die neuen Lichter sind noch nicht ausgereift“, erklärt Campbell. Die Edison-Enkel enthalten das Metall Quecksilber und lassen noch immer 60 Prozent der Energie ungenutzt. Zudem ist das Licht, das sie werfen, bei weitem nicht so schön wie das der Glühbirne.
Drei Ansätze verfolgt der Stipendiat in seinem Projekt: Die Synthese Ionischer Flüssigkeiten, die polymerisieren können, leuchtende Nano-Partikel, die Ionischen Flüssigkeiten beigefügt werden, und Lösungsmittel, die eigenständig leuchten. Um die Ausbeute an sichtbarem Licht zu erhöhen, sollen künftig ungefährliche Materialien genutzt werden. Bei den Ionischen Flüssigkeiten, die Campbell und die Arbeitsgruppe von Prof. Mudring synthetisieren, handelt es sich um spezielle Salze, die bei Raumtemperatur flüssig sind und viele ungenutzte Talente besitzen.
Karneval & Kemnade
Bis 18 Uhr arbeitet der Wissenschaftler, der in Durham (Nordengland) studiert und in Lyon seinen Master und Doktor gemacht hat, für gewöhnlich in den Laboren der N-Reihe. Manchmal geht es aber auch bis in die Abendstunden hinein: „Wenn ein Versuch noch läuft, wird es eben später.“ Und wenn nicht, hat Campbell Bochum und Umgebung mittlerweile auch außerhalb der exzellenten Forschungsbedingungen schätzen gelernt. Er macht gerne Tagesausflüge. Nach Düsseldorf oder Köln zum Beispiel. „Der Karneval in Köln ist super! Das gibt es bei uns so nicht.“ Oder es zieht ihn an den Kemnader See. Denn: „Manche Städte hier sind schon ein bisschen hässlich.“ Aber Industriepanoramen kennt der Forscher aus seiner Heimat. „In Middlesbrough gibt es sehr viele Stahlunternehmen. Die Sydney Harbour Bridge beispielsweise wurde von der Firma Dorman Long aus meiner Heimatstadt gebaut.“
Obwohl aus Frankreich an die RUB gekommen, gefällt dem Engländer besonders das deutsche Essen: Schnitzel und – natürlich – Currywurst. „Aber nicht jeden Tag. Im Gegensatz zu Kakao. Es ist super, den gibt es hier überall“, so Campbell. Neben seiner Familie vermisst der Engländer trotz des leckeren Biers hier vor allem die britischen Pubs und indisches Essen. Dafür wird der Fußballfan vielleicht noch in einen anderen Genuss kommen. „Ich würde sehr gerne einmal ein Spiel von Borussia Dortmund im Stadion sehen.“
Deutschland sei das Land der Ordnung und der Pünktlichkeit – habe er gedacht. „Aber das ist nicht wahr! Ich bin ein paar Mal mit der Deutschen Bahn gefahren. Unglaublich…“ Aber Deutschland sei eben auch das Land der Chemie. „Es gibt Bayer, BASF – die großen Firmen sitzen hier. Im Anschluss an mein Stipendium bei BASF zu arbeiten, ist mein Traum.“ In Ludwigshafen am Rhein ist die Gefahr eines Kulturschocks auch nicht ganz so groß. Und für Paul Stuart Campbell sowieso nicht.
Daniel Duhr, Foto: Nelle | Themenübersicht

