RUBENS Nr. 161 - 1. Juni 2012
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Narkose auf Türkisch

Neues Erasmus-Austauschprogramm für Medizinstudierende

Familiäres Mittelmeerfieber – was sich wie eine Ausrede eines urlaubsreifen Familienvaters anhört, ist in Wirklichkeit eine ernstzunehmende, bisweilen tödliche Erbkrankheit von Menschen, die gebürtig aus dem mediterranen Raum stammen. Um diese Krankheit zu erforschen, gründete eine Arbeitsgruppe der RUB-Mediziner PD Dr. Bernhard Henning und Dr. Arnd Giese gemeinsam mit Prof. Dr. Sedat Kiraz von der Hacettepe-Universität in Ankara 2010 eine wissenschaftliche Kooperation. Darauf aufbauend und mit Hilfe von Ahmet Örnek (Doktorand) und Prof. Dr. Joachim Rassow (ERASMUS-Koordinator der Medizinischen Fakultät) wurde zum April 2012 ein ERASMUS-Abkommen zwischen der RUB und der Hacettepe-Universität Ankara geschlossen. Es ermöglicht Studierenden der Medizin in fortgeschrittenen Semestern, für eine Dauer von 2 bis 20 Monaten an der Partneruniversität zu studieren. Wie ein solcher Austausch aussehen kann, erfuhr RUBENS-Mitarbeiterin Tabea Steinhauer in einem E-Mail-Gespräch mit der Medizinstudentin Berrin Serbetci, die derzeit einen Teil ihres Praktischen Jahres im türkischen Izmir absolviert.

 

Was reizt dich an einem Studienaufenthalt in der Türkei?

Ich bin in einem sehr kleinen Ort in Deutschland geboren und habe dort bis zu meinem 19. Lebensjahr gewohnt. Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater, der ursprünglich aus der Türkei stammt, ist, seitdem er 18 ist, in Deutschland und hat hier studiert. In dieser ländlich geprägten Region habe ich mich niemals "türkisch" gefühlt, hatte keine türkisch sprechenden Freunde und habe eine eher katholisch-münsterländische Identität. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, konnte aber in meinem Heimatort meine Kenntnisse nur begrenzt anwenden. Mein Vater und meine Großmutter haben mir von der türkischen Kultur und den Menschen hier eine gewisse Traumvorstellung vermittelt. Ich wollte die türkische Kultur besser kennenlernen, und der beste und einfachste Weg dafür ist, sich an den Ort des Geschehens, in die Türkei, zu begeben.

Was genau machst du gerade in Izmir?

Ich absolviere hier gerade mein drittes PJ-Tertial im Fach Chirurgie. Während des letzten Jahres eines deutschen Medizin-Studiums, dem Praktischen Jahr (PJ), arbeitet man im Krankenhaus und sammelt praktische Erfahrungen. Es setzt sich aus drei sogenannten Tertialen, d.h. Jahresdritteln, zusammen: vier Monate in der Inneren Medizin, vier Monate in der Chirurgie und vier Monate in einem beliebigen Wahlfach. Ich bin in der "genel cerrahi", was der deutschen Allgemeinchirurgie entspricht. Hier arbeite ich mit den Assistenzärzten zusammen, gehe regelmäßig mit in den OP-Saal und verfolge gemeinsame Besprechungen der verschiedenen Fachrichtungen.

Wie unterscheidet sich das Medizin-Studium in der Türkei von dem an der RUB?

Der Studienaufbau, -verlauf und die Prüfungsstrukturen unterscheiden sich nur geringfügig von denen an der RUB. Unterricht am Krankenbett findet hier genauso statt wie in Deutschland, nur dass hier vornehmlich die Professoren dafür verantwortlich sind und nicht die meist gestressten Assistenzärzte. Die Bedingungen, um an einen Medizin-Studienplatz zu gelangen, sind hier mit einem national geregelten Zulassungsverfahren allerdings anders. Außerdem ist der Männeranteil unter den Studierenden mit ca. 55 % höher. In Deutschland beträgt er ca. 30 %. Das Arbeiten als Arzt sowie als Studierender ist hier sicherlich anstrengender. Es gibt 32-Stunden-Dienste, d.h. der Nachtschichthabende muss am Folgetag normal weiterarbeiten. Auch die Studierenden haben Nachtschichten, im letzten Jahr mindestens einmal die Woche. Noch dazu gibt es keine Studientage für die Vorbereitung auf das Examen. Das führt bei einem Großteil der Studierenden mittlerweile zu großem Unmut. Das Studentenleben in der Türkei ist auf jeden Fall genauso spannend, manchmal ausufernd, diskussionsreich und interessant oder langweilig wie in Deutschland. Die junge türkische Generation unterscheidet sich in ihren Werten und Verhaltensweisen nicht sonderlich von der deutschen.

Vermutlich machst du während deines Aufenthaltes viele interessante und sowohl positive als auch negative Erfahrungen. Für welche davon bist du besonders dankbar und warum?

Izmir hat einen jungen und offenen Geist, den man überall spürt. Da die Stadt sich damit rühmt, die türkische Hochburg der Kemalisten zu sein, werden vor allem religiöse Themen mit einer gewissen Gelassenheit diskutiert. Man sieht hier wenige traditionell gekleidete Menschen, wenn, dann eher in der älteren Generation. Was ich als sehr türkisch und positiv empfinde, ist eine gewisse Entspanntheit. Zum Beispiel gibt es hier keinen „Coffee to go“. Es gibt hier wunderbaren Kaffee, und auch diese Kaffeehauskette aus Seattle ist hier populär. Aber wenn man Kaffee trinken will, setzt man sich hin, genießt ihn und nimmt sich Zeit, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat. Das hat zur Folge, dass man sich mit Menschen, mit denen man sich um acht verabredet hat, dann doch erst um zehn trifft. Aber auch das gehört zur türkischen Kultur. Manchmal wünsche ich mir allerdings eine etwas straffere Organisation, die vieles, was zwar so auch funktioniert, noch besser funktionieren lassen könnte.

Warum würdest du anderen Medizinstudierenden der RUB zu einem Auslandsaufenthalt in der Türkei raten?

Ich halte jeden Auslandsaufenthalt für sinnvoll, um aus der eigenen wohlbehüteten deutschen Kultur-Komfortzone herauszukommen und sich ein Bild von anderen Orten zu machen. Bei der Türkei habe ich den Eindruck, dass sie, auch weil in Deutschland weit verbreitete Vorurteile gehegt und gepflegt werden, nicht so beliebt ist wie andere Ziele für ein PJ-Tertial. Ich glaube, der Umgang mit türkischstämmigen Patienten und das Verständnis für sie wäre um einiges größer, wenn sich mehr Leute im Rahmen des Studiums in die Türkei begeben würden. Der Kabarettist Hagen Rether hat in einem seiner Auftritte einmal gefragt: „Die Türken leben jetzt seit 45 Jahren hier mit uns. Kann irgendjemand einen Satz Türkisch, ein türkisches Gedicht, ein türkisches Lied... irgendwas?“ Ich denke, da wird vielen klar, wie wenig Gedanken man sich manchmal um seine Mitmenschen macht. Die Medizin ist hier in der Türkei, gerade in den Universitätskrankenhäusern, genauso modern wie in Deutschland. Man lernt unglaublich viel, und jeder, der einmal längere Zeit hier war, wird viele Besonderheiten der Kultur zu schätzen lernen.

Wann geht es für dich zurück nach Bochum und was wünschst du dir für die Zeit nach dem Austausch?

Mitte Juli fliege ich zurück. Dann werde ich mich auf mein zweites Staatsexamen vorbereiten und hoffentlich Ende dieses Jahres endlich Ärztin sein. Ich wünsche mir, dass die Zusammenarbeit und der Austausch mit türkischen Universitäten verstärkt werden und ich zur Nachahmung anregen kann. Für mich persönlich hoffe ich, dass mein Türkisch so gut sein wird, dass ich Patienten mit türkischer Herkunft und unzureichenden Deutschkenntnissen helfend und erklärend zur Seite stehen kann. Es wäre doch schön, wenn ich jemanden, der seine gesamte Kindheit und Jugend in der Türkei verbracht hat, auf Türkisch aus der Narkose aufwecken kann.

Tabea Steinhauer, Foto: privat | Themenübersicht