RUBENS Nr. 160 - 2. Mai 2012
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ganz eigene Dynamik

Namibia-Exkursion des Lehrstuhls für Stadt- und Regionalsoziologie

„Wie sieht Nachbarschaftshilfe in afrikanischen Armenvierteln aus?“, „Welche Rolle spielt die Herkunft beim Zugang zu Bildung?“, „Wer hat Zugang zu staatlicher und privater medizinischer Versorgung?“ Diese und ähnliche Fragen bildeten die Grundlage einer Exkursion des Lehrstuhls für Stadt- und Regionalsoziologie nach Namibia im März. Im Rahmen des Seminars „Comparative Urban Studies“ reisten neun Studierende unter Leitung von Prof. Klaus Peter Strohmeier nach Namibia, um dort an ihren jeweiligen Forschungsprojekten zu arbeiten, die sie im Laufe des vergangenen Wintersemesters erarbeitet hatten.

Drei Wochen lang lebten und forschten die Studierenden in Windhoek, Hauptstadt und schnell wachsende Metropole Namibias. Mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Tandem-Partner, Studierende der University of Namibia (UNAM), lernten die Bochumer die Stadt aus einer Perspektive abseits der üblichen touristischen Hotspots kennen. So sprachen sie mit Bewohnern der „informal settlements“, wo die Ärmsten der Armen in Wellblechhütten leben, besuchten Schulen und Krankenhäuser und informierten sich über Modellprojekte für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Schnell mussten sich die Studierenden daran gewöhnen, dass selbst in diesem für afrikanische Verhältnisse weit entwickelten Land alles eine ganz eigene Dynamik hat und dass in vielen Situationen Geduld und Improvisation die Mittel der Wahl sind. Dennoch verliefen die Forschungsprojekte erfolgreich und eröffneten eine ganz neue Perspektive auf Themen, die bisher nur aus theoretischen Texten und Umfrage-Datensätzen bekannt waren.

Gegenbesuch im Sommer

Auch wenn die einzelnen Arbeiten untereinander nicht unbedingt vergleichbar sind, gibt es doch mehrere projektübergreifende Erkenntnisse. Allen Studierenden wurde während der Exkursion vor Augen geführt, dass Namibia ein hochgradig segregiertes Land ist – vor allem in Bezug auf das Gefälle zwischen armen und reichen Menschen. Während einige wenige, oft Weiße, in exklusiven Villen leben und mit deutschen Oberklasse-Limousinen zur Arbeit und zum Einkaufen fahren, lebt über ein Drittel der Bevölkerung Windhoeks in bitterer Armut. In vielen ländlicheren Regionen ist dieser Anteil noch deutlich höher. Jeden Monat verlassen mehrere hundert Menschen ihre meist im Norden gelegenen Heimatdörfer, um in Windhoek oder anderen Städten Arbeit zu finden, was sich jedoch bei einer Arbeitslosenquote von (je nach Quelle) 50 bis 70 Prozent mehr als schwierig erweist. So kommt es, dass die meisten dieser Neuankömmlinge in improvisierten Hütten aus Blech, Holz oder einfach Fundstücken der örtlichen Müllkippen leben, in der Hoffnung für umgerechnet wenige Euro am Tag irgendwo eine Anstellung zu finden.

Nach der eigentlichen Arbeit reisten die Studierenden weiter in den Norden Namibias, des Landes, das zwar in etwa die Fläche von Deutschland und Frankreich zusammen einnimmt, jedoch nur wenig mehr Einwohner als Hamburg hat. Dort lernten sie ein Leben abseits der städtischen Hektik kennen und erfuhren interessante Dinge über die traditionelle Lebensweise der dortigen Bevölkerung.
Auch wenn mittlerweile alle Studierenden wieder zurück in Deutschland sind, ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Für den Sommer ist eine Summer School mit den namibischen Tandem-Partnern geplant und im kommenden Wintersemester sollen die Ergebnisse der Feldforschung in einer Poster-Ausstellung in der Universitätsbibliothek präsentiert werden.

 

Namibia

Gegründet 1885 als kaiserliche Kolonie, finden sich bis heute, fast 100 Jahre nach dem Ende der deutschen  Fremdherrschaft, noch zahlreiche Spuren der ehemaligen Besatzungsmacht in Namibia. So tragen zahlreiche Straßen und Plätze bis heute deutsche Namen und etwa 30.000 Menschen, zum Großteil Nachfahren der früheren „Deutsch-Südwester“, sprechen noch Deutsch. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil des Landes aus lebensfeindlicher Wüste besteht, ist Namibia mit einer Bevölkerungsdichte von nur 2,6 Menschen pro km² einer der am dünnsten besiedelten Staaten der Welt. Abseits der schnell wachsenden Städte sind weite Teile des Landes menschenleer und unberührt, was neben der spektakulären Natur und diversen Nationalparks ein touristisches Highlight ist.

Text & Foto: Tobias Schündelen | Themenübersicht