Werkzeugkasten fürs Schreiben
Rezension: „Wissenschaftssprache – Eine Gebrauchsanweisung“
Schreiben lernt man normalerweise in der Schule – und im Studium muss man es komplett erneut lernen! Aber es ist ein vollkommen anderes Schreiben! Eines, das sich dem Üblichen im „Planet Academia“ anpassen muss. Das gilt insbesondere für Autorinnen und Autoren von Dissertationen. Sie müssen nicht nur beweisen, dass sie ihren Stoff beherrschen, sie müssen darüber hinaus beweisen, dass sie in der Wissenschaftssprache imponieren können – erst recht in Zeiten von „publish or perish“.
Aber wie sieht diese Wissenschaftssprache aus und welchen Regeln folgt sie? „Irgendwie Deutsch“ meint nicht ohne eine gute Portion Sarkasmus Valentin Gröbner, seines Zeichens Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. In seinem Buch „Wissenschaftssprache – Eine Gebrauchsanweisung“ unternimmt er es amüsant und lehrreich, mit der Untersuchung seines Gegenstandes auch das Gebaren der seltsamen Bewohner jenes Planteten Academia zu beleuchten. Das Buch, hervorgegangen aus Workshops des Autors mit Doktoranden im Deutschen Literaturarchiv Marbach, analysiert die Sprachspiele und die gepflegten Selbstbilder von Wissenschaftlern, vornehmlich solcher aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Gröbner kennt seine Pappenheimer und seinen Gegenstand: die Reputationsgemeinschaft der Wissenschaftler, ihre Eitelkeiten und Machtspiele und damit die „kostbaren Wunder der akademischen Rhetorik“. Dabei gelte, bei der Beurteilung der wissenschaftlichen Texte auch um „die Macht, fachspezifische Kriterien der Textqualität zu definieren und – noch wichtiger – ihre Anwendung zu kontrollieren.“
Gröbner ironisiert die wirksamen Regeln akademischen Schreibens als „religiöse Praktiken“, er demaskiert die Wissenschaftswelt als den Ort, „an dem niemand genügend Aufmerksamkeit bekommen wird“, aber er bleibt nicht da stehen. Da es heutzutage für die jungen Wissenschaftler angesichts unsicherer Karrieremöglichkeiten darauf ankommt, dass ihre wissenschaftlichen Werke auch außerhalb der Wissenschaftswelt verstanden werden, nimmt er sie an die Hand und gibt ihnen einen „Werkzeugkasten“ mit. Dieser ist weniger und mehr als eine Stilfibel: weniger, weil es keine präzisen Regeln und Übungen enthält; mehr aber, weil er den Sinn der Werkzeuge mitliefert, so etwa: „Schwer verständliche Aussagen mögen Ihnen Schutz versprechen, während Sie sie hinschreiben. Aber sie bewirken das Gegenteil.“
Die RUB hat ja längst mit dem Schreibzentrum eine Hilfe für ihre Studierenden geschaffen, und in der Research School ist es Gang und Gebe, dass die Doktoranden sich auch der Vermittlung ihres Wissens an nicht Eingeweihte üben. Ihnen und vielen vermeintlich arrivierten Wissenschaftlern sei dennoch das Buch von Gröbner empfohlen – und wenn auch nur um nebenbei zu erfahren, warum z.B. der „Dr. phil“ entstanden ist und mit ihm die modernen Fachdisziplinen.
Info: Valentin Groebner: „Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung“, University Press Konstanz 2012, 16,90 Euro.
Josef König | Themenübersicht

