Amerikanische Verhältnisse
Archivsplitter
Es konnte nicht groß genug sein, das Gelände für die erste Neugründung einer Universität in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Landesregierung hatte sich zwar schon im November 1960 für den Standort Bochum entschieden, spornte dessen ungeachtet die Stadt jedoch an, immer mehr an Fläche für das Prestigeobjekt bereitzustellen. Waren es Ende 1960 zunächst „nur“ 100 Hektar, so bot die Stadt im Januar 1961 „173 bis 200 ha“ und im April ließ das Gelände sich gar, so Oberstadtdirektor Dr. Gerhard Petschelt, „auf 420 ha vergrößern“.
Mit Sicherheit ist das abermals erweiterte Angebot Petschelts auch auf eine Unterredung zurückzuführen, die er noch am 12. des Monats mit Ministerialdirigent Eberhard Freiherr von Medem hatte. Darin hatte ihm der Regierungsbeamte von den Verhältnissen jenseits des großen Teichs vorgeschwärmt: „Er [von Medem] hat in Amerika eine Universität gesehen, die sich auf einen Geländestreifen von 600 km [sic!] erstreckt.“ Ob der Tippfehler, km anstatt ha, auf den tiefen Eindruck, den der Vertreter des Ministeriums bei dem Bochumer damit hinterlassen hatte, zurückzuführen ist, sei dahingestellt. Jedenfalls legte die Stadt bis kurz vor der entscheidenden Landtagsabstimmung im Juli 1961 noch einmal 100 Hektar drauf, sodass das Gelände für die spätere RUB schließlich eine Größe von 520 Hektar aufwies. Zum Vergleich: 520 Hektar entsprechen mehr als 700 Fußballfeldern, und heute nimmt der engere Campus, d. h. der Gesamtbaukörper, gerade einmal gut 10 Prozent hiervon ein.
Nicht alle dachten im Übrigen in den Dimensionen wie die Landesregierung. Selbst der „Hochschulexperte“ und Direktor des Instituts für Hochschulbau und Stadtplanung der Universität Stuttgart Prof. Horst Linde, der im November 1960 das Bochumer Gelände begutachtete, war vollauf zufrieden angesichts der damals sich abzeichnenden Bereitschaft der Stadt, das vorgeschlagene Areal auf 140 Hektar zu erweitern. Und als sich im September 1961 eine Unterkommission des für Baufragen zuständigen Interministeriellen Ausschusses vor Ort an die konkrete Planung begab, empfand diese das Gelände, wie Petschelt einigermaßen konsterniert feststellen musste, „als viel zu groß.“ Die einzige Konsequenz, die die – nicht entscheidungsbefugten – Herren ziehen konnten, war die einer Aufteilung in ein „Stammgebiet“ und drei „Erweiterungsgebiete“, wobei ersteres immerhin noch 255 Hektar umfasste. Sie wollten damit Prioritäten beim bevorstehenden Landerwerb setzen, in der Realität hatte dieses aber angesichts der unerwarteten Schwierigkeiten bei den Ankäufen kaum eine Bedeutung.
„Die Henne“
Während nun in den folgenden Jahren das Liegenschaftsamt in Bochum damit beschäftigt war, das Gelände Stück für Stück für das Land anzukaufen, schrieb dieses für die konkrete Bauplanung einen Architektenwettbewerb aus, über dessen Ausgang im Februar 1963 entschieden wurde. Das Preisgericht hatte dabei nicht weniger als 86 Entwürfe zu bewerten. Hier, im Angesicht der vielen Karten mit den Umrissen des zu überplanenden Areals, verfestigte sich offenbar die bei vielen vorhandene Assoziation mit einer Henne derart, dass diese zu einem Synonym für das Universitätsgelände wurde. Prof. Heinz Bittel, Mitglied des Gründungsausschusses für die Universität Bochum und als solcher als Fachberater im Preisgericht vertreten, schrieb dazu: „Die Sitzungen dieser Klausurtagung erstreckten sich stets weit in die Nacht hinein, und so sah mancher danach die ‚Henne‘ noch als Fata Morgana (das Universitätsgelände hatte bekanntlich die einprägsame Form einer Henne, die geeignet auszufüllen sich die Wettbewerbsteilnehmer zur Aufgabe gemacht hatten).“
Das Synonym von einst lebt heute wieder auf als Titel einer Schriftenreihe des Universitätsarchivs, in der Themen zur Geschichte der RUB, versehen mit reichlich Illustrationsmaterial, bearbeitet werden. Das erste Heft steht seit wenigen Wochen online und wird von der UB gehostet. Zu erreichen ist der Link am einfachsten über http://www.rub.de/archiv/henne.htm. Die Nummer 1 der ‚Henne‘ enthält zwei Beiträge, u.a. erfährt man hier Genaueres zur Genese des Universitätsgeländes und welche „Schwierigkeiten“ zu bewältigen waren, als es darum ging, das Gelände für die spätere RUB aufzukaufen.
Infos: Die Henne. Beiträge zur Geschichte der Ruhr-Universität Bochum (ISSN: 2193-9608), Heft 1/2012 abrufbar unter http://repo.ub.rub.de/2193-9608/henne-1.pdf. Inhalt: „Universitätsstandort im Parteienstreit. Aspekte der Gründungsgeschichte der Universität Bochum“. Von Jörg Lorenz; „Am Anfang war die Henne. Anmerkungen zur Genese eines Universitätsgeländes“. Von Jörg Lorenz.
Jörg Lorenz, Universitätsarchiv; Foto: Stadtarchiv Bochum, W. K. Müller | Themenübersicht

