RUBENS Nr. 160 - 2. Mai 2012
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Innehalten

Elmar Weiler zu den Zielen des Rektorats für die nächsten Jahre

In der Exzellenzinitiative ist das Rektorat zurzeit zum Warten verurteilt. Die Entscheidung fällt erst Mitte Juni. Doch die Aufgaben der Universitätsleitung beschränken sich natürlich nicht auf die Frage, ob die RUB zur „Exzellenzuniversität“ gekürt wird oder nicht. Arne Dessaul sprach mit Rektor Prof. Elmar Weiler über Ziele und Ideen des Rektorats für die nächsten Jahre, über den Campus als Lebensraum und über ein gewisses Innehalten nach einer Zeit voller Projekte und Wettbewerbe.

RUBENS: Herr Prof. Weiler, mittlerweile hatten Sie ein wenig Zeit, den Bewerbungs- und Begutachtungsmarathon der Ruhr-Uni in der Exzellenzinitiative einzuordnen. Was sagt Ihnen Ihr Gefühl: Hat die Ruhr-Uni in allen drei Förderlinien gute Chancen?
Prof. Elmar Weiler: Chancen haben wir sicherlich. Ob sie sich realisieren lassen, wird sich zeigen. Wir haben auf jeden Fall drei sehr gute Anträge vorgelegt. Andererseits gibt es für jede Förderlinie andere Kriterien und man kann nicht abschätzen, wie letztlich entschieden wird. Wichtig aber ist, dass wir als Uni alles gegeben haben, dass alle an einem Strang gezogen haben und das Engagement aller groß war. Und: Unsere primären Ziele haben wir bereits erreicht, denn die Konzepte für die Ruhr-Uni stehen und werden umgesetzt – losgelöst vom Erfolg in der Exzellenzinitiative.

Verschönerungen

RUBENS: Das Universitätsleben existiert auch jenseits der Exzellenzinitiative. Wer über den Campus läuft, entdeckt überall Verschönerungen: angefangen von den Bänken auf der Unibrücke über den blauen RUB-Würfel am Musischen Zentrum bis hin zu den imposanten Bildern links und rechts der Kunstsammlungen. Auf welche Verschönerungen können sich die Mitglieder der RUB noch freuen?
EW: Wir hoffen auf einige mehr. Die von Ihnen genannten Dinge sind Teil einer übergeordneten Planung. Die Verschönerungen gab es nicht nur wegen des Gutachterbesuches Ende Februar, wie hier und da gesagt wird. Die Bänke z.B. wurden erst danach aufgestellt und erste Maßnahmen gab es schon vor zwei Jahren. Uns geht es darum, den Campus als Lebensraum zu verbessern und zu verschönern. Im Uni-Haushalt 2011 standen für die Pflege des Campus zusätzliche 500.000 Euro, für Verbesserungsmaßnahmen 750.000 Euro. Die Weichen hat das Rektorat bereits 2006 gestellt, als es die Campussanierung beschlossen hat. Und schließlich wartet ja auch noch der Siegerbeitrag des Wettbewerbs „Eingänge“ auf seine Umsetzung. Hier hat es aus planerischen Gründen Verzögerungen gegeben, aber noch in diesem Frühjahr werden wir mit der Umsetzung beginnen.

RUBENS: Die Sanierung schreitet ja gut sichtbar voran, z.B. am IC und am neuen Sportler-Gebäude. Damit einher gehen zahlreiche Umzüge und weitere logistische Herausforderungen. Läuft alles reibungslos?
EW: Im Großen und Ganzen schon. Bei so großen Maßnahmen geschieht natürlich immer etwas Unvorhergesehenes. Es ist eine Riesenherausforderung, wenn ganze Fakultäten umziehen – mit zum Teil hochkomplizierten und empfindlichen Geräten. Wir lernen aber dazu, und die Probleme werden weniger und kleiner.
Und: Wir können bei dieser Gelegenheit die Uni-Infrastruktur insgesamt zukunftsfähiger machen. Das betrifft die Energieversorgung oder auch das Verkehrskonzept. Als die Uni gebaut wurde, gingen die Planer nur von zwei Gruppen aus: Autofahrer und Fußgänger. Das ist längst überholt. Der ÖPNV hat eine überragende Bedeutung, hinzu kommen die Radfahrer. Wir müssen allen Gruppen Rechnung tragen, auch bei der Neugestaltung der Eingangssituation zur Uni. Sie muss viel offener werden, letztlich auch attraktiver.

Zukunftsfähig

RUBENS: Andererseits erfüllt sich speziell durch die Umzüge von Einrichtungen der RUB Richtung Innenstadt einer Ihrer Wünsche: das Zusammenwachsen von Campus und Stadt. Sind Sie zufrieden mit dieser Entwicklung oder könnte es noch schneller gehen?
EW: Solche Dinge brauchen Zeit. Als die Stadt und die Bochumer Hochschulen vor zwei Jahren den „Masterplan Universität Stadt“ unterzeichnet haben, habe ich den Wunsch formuliert, dass es in 50 Jahren den Stadtteil „Bochum-Campus“ geben solle. Zu ihm sollen neben der RUB mindestens noch die Hochschule Bochum und der Gesundheitscampus gehören – inklusive Infrastruktur und einem wahren universitären Leben, das vor allem die umliegenden Stadtteile umfassen soll.
Klar ist aber auch, dass die Ruhr-Uni schon jetzt ein wesentlicher wirtschaftlicher Faktor für die Region ist. Es gibt eine aktuelle Studie der IHK, die sich mit den direkten und indirekten wirtschaftlichen Auswirkungen der Hochschulen im IHK-Bezirk Mittleres Ruhrgebiet beschäftigt: Die Wirtschaftskraft der Hochschulen wird dort mit 1 Milliarde Euro beziffert. Das ist eine überaus erstaunliche Zahl.

RUBENS: Neben der lokalen Kooperation in Bochum existiert mit der Universitäts-Allianz Metropole Ruhr (UAMR) auch eine regionale. Demnächst wird der 5. Jahrestag der Gründung gefeiert. Welches ist Ihr persönliches UAMR-Highlight in diesen Jahren?
EW: Die Gesamtentwicklung! Die UAMR ist kein Papiertiger geworden, wie manche befürchtet hatten. Das Konzept wird angenommen, viele Kooperationen in Forschung und Lehre sind sogar viel intensiver als zunächst gedacht. Im Gegensatz zum von oben vorgegebenen Start läuft nun vieles von unten nach oben, wird z.B. auf Lehrstuhlebene angestoßen und gelangt dann an die Universitätsleitungen. Auch unter den Studierenden ist es selbstverständlich, von der UAMR zu sprechen und deren Angebote anzunehmen. Dazu gehört das eLearning über Ruhr Campus Online oder die vereinfachte Bibliotheksbenutzung an allen Standorten dank des neuen UAMR-Studentenausweises.

Evolutionsstufe inSTUDIES

RUBENS: Der Bereich Lehre konnte sich zuletzt über Finanzspritzen von rund 12 Mio. Euro freuen. Die daraus entwickelten Projekte inSTUDIES und ELLI haben nun begonnen. Wie ist der Start aus Ihrer Sicht verlaufen?
EW: Ich bin vor allem sehr froh darüber, dass es uns gelungen ist, zur gleichen Zeit große Projekte in der Forschung und in der Lehre voranzubringen. Mit inSTUDIES entsteht, wie ich finde, eine wirkliche Evolutionsstufe zu der ganzen Bologna-Thematik, die ja durchaus auch kritikwürdige Seiten hat. Ich bin froh, dass wir hier institutionell etwas verbessern können. inSTUDIES soll u.a. wieder individuellere Studienwege ermöglichen mit mehr Wahlmöglichkeiten. Gleichzeitig soll der Optionalbereich auf neue Füße gestellt werden: Er soll fachlicher, wissenschaftlicher und flexibler für unsere Studierenden werden.

RUBENS: Campusumgestaltung, Lehre – fast zwangsläufig landen die Gedanken im Jahr 2013 und dem doppelten Abiturjahrgang in NRW. Machen Sie sich Sorgen, ob wir im WS 13/14 tatsächlich alle Studierenden angemessen unterbringen können?
EW: Nein, gar nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen arbeitet unsere Projektgruppe RUB 2013 schon seit geraumer Zeit sehr engagiert an Lösungen. Sie plant sehr präzise für jedes einzelne Studienfach: Welche Kapazitäten werden gebraucht, welche Raumgrößen usw.? Die Uni hat schon jetzt damit begonnen, zusätzlichen Raum zu schaffen: Wir mieten verschiedene Flächen entlang der U35. Zusammen mit dem Akafö plant die Projektgruppe, das Querforum West wieder als zusätzliche Mensa zu nutzen. Mit der Stadt Bochum spricht sie über Wohnraum für Studierende. Hier wäre gewiss ein Portal sehr hilfreich, das speziell Wohnungen für Studierende anbietet. Außerdem versuchen wir gemeinsam mit der Bogestra, die Möglichkeiten im ÖPNV zu verbessern: Die Taktfrequenz der U35 wurde schon jetzt bis an die Grenze des Machbaren erhöht, nun wird es darum gehen, durch zusätzliche Buslinien usw. für weitere Entlastung zu sorgen.
Hinzu kommt die Erfahrung der anderen Bundesländer, die bereits einen doppelten Abiturjahrgang bewältigt haben. Demnach kann man die Sache etwas gelassener angehen, denn die Abiturienten strömen keineswegs allesamt zeitgleich an die Universitäten ihres Heimatbundeslandes. Stattdessen verteilt sich der Prozess offenbar auf mehrere Jahre. Auf NRW bezogen dürfte das bedeuten: Der Ansturm wird sich auf die Jahre 2012, 2013 und 2014 erstrecken.

Balance behalten

RUBENS: Knapp anderthalb Jahre der Amtszeit des jetzigen Rektorats, fünfeinhalb Jahre Ihrer persönlichen Amtszeit als Rektor sind um. Inwieweit sehen Sie Ihre Vorstellungen bisher umgesetzt?
EW: Insgesamt bin ich sehr zufrieden. Wir konnten – wie auch die Rektorate davor –Weichen stellen: mit der Studienreform und vielen weiteren Maßnahmen in der Lehre, mit erheblich verbesserten Rahmenbedingungen für die Forschung und mit der Internationalisierungsstrategie. In allen Fällen hat die Universität sehr geschlossen gearbeitet. Es gibt eine ungeheure Dynamik und eine hohe Qualität, die es zu bewahren und weiterzuentwickeln gilt.

RUBENS: Wird es denn in den kommenden zweieinhalb Jahren bis zum Ende der Amtszeit andere Schwerpunkte geben?
EW: Ja, das sind zwei neue Schwerpunkte. Zum einen geht es um den bereits kurz angesprochenen Campus als Lebensraum für alle Mitglieder der RUB. Nachdem unsere strategische Ausrichtung zuletzt auf den hochschulgesetzlichen Aufgabenbereichen Forschung und Lehre lag und die Exzellenzinitiative viele Kräfte beansprucht hat, wollen wir nun andere Fragen stellen: Wie kann der Campus weiterentwickelt werden, damit er zu einem attraktiveren Ort wird, an dem alle Gruppen besser arbeiten, lernen, lehren und forschen können und an dem sie sich ganz allgemein gern aufhalten? Dabei soll verstärkt die große Gruppe unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Technik und Verwaltung in den Fokus gerückt werden, auf zentraler und auf dezentraler Ebene. Ohne sie würden Forschung und Lehre schließlich gar nicht funktionieren. Unsere Administration ist erstklassig, das haben wir bei der Bewerbung zur Exzellenzinitiative wieder gemerkt. Viele andere Hochschulen beneiden uns darum. Hier darf man in keinem Fall Engpässe erzeugen, sondern muss sicherstellen, dass die Administration angesichts des stetigen Wachstums in Forschung, Lehre und Internationalisierung angemessen mitwachsen kann. Eine Universität kann auf lange Sicht nur dann hochklassig bleiben und sich weiter entwickeln, wenn die Balance zwischen akademischem und administrativem Bereich gewahrt bleibt.

RUBENS: Und der zweite Schwerpunkt?
EW: Der heißt Konsolidierung. Die Mitglieder der Universität haben zusammen viel erreicht, allerdings ist zu konstatieren, dass dabei in den letzten Jahren die Transformationsgeschwindigkeit stetig zugenommen hat. Wir können aber nicht immer nur von Projekt zu Projekt denken – Studienreform, Research Campus, Internationalisierung…. Es sollte in den kommenden Jahren darum gehen, auch mal innezuhalten und das Erreichte – und das ist eine Menge, wie ich finde – zu sichern. In seiner ersten Strategiesitzung im Sommersemester wird das Rektorat damit beginnen, diesem Konsolidierungsprozess erste Konturen zu geben. Die Konsolidierung des bereits Erreichten und die Verbesserung des Lebensraums Campus festigen unser Fundament für die Zukunft viel mehr als ein Erfolg in der Exzellenzinitiative. Über einen Erfolg würden wir uns aber trotzdem sehr freuen.

RUBENS: Machen Sie sich schon Gedanken über das Jahr 2014 und das Ende Ihrer Amtszeit? Wo sehen Sie sich dann selbst und wo die Ruhr-Universität?
EW: Ich bin dann 65 und würde damit regulär aus dem Dienst ausscheiden. Ich würde mir wünschen, die Ruhr-Universität dann mit dem guten Gefühl in andere Hände legen zu können, dass die Aufgaben und Ziele, die ich mir selbst gesteckt hatte, wenigstens zum Teil erreicht werden konnten.

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