RUBENS Nr. 160 - 2. Mai 2012
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Sport ist Ort

Gebäudeserie: Fakultät für Sportwissenschaft

Jeder von uns kann sich noch an sein erstes Semester an der RUB erinnern. Wer hat sich da anfangs nicht in den Kellerräumen verirrt und verzweifelt den Ausgang gesucht? Wieso liegt der mal auf 02 und mal auf 01? Und warum gibt es nicht überall eine Cafeteria? RUBENS liefert die Infos – diesmal zum Gebäude der Fakultät für Sportwissenschaft. Der Neubau am Gesundheitscampus ersetzt ab 1. Juni das UHW. Vor dem Heimdebüt hier schon mal ein kleines Vorspiel.

Der trockene Staub dringt tief in die Atemwege. Die Kreissäge kreischt. Funken fliegen. Stille. Für einen Moment ruht die Arbeit im lichtdurchfluteten Ostflügel des Neubaus. Prof. Alexander Ferrauti steht vor der breiten Fensterfront, sein Blick folgt der Bewegung eines Baggers, der das Gelände für den provisorischen Parkplatz des Gesundheitscampus ebnet. Der Prodekan nutzt die kurze Lärmpause und beginnt zu träumen. „Da drüben“, sagt er und zeigt Richtung Bagger, „könnten ein Fußball-Kleinspielfeld und ein Amphitheater für unsere Vorführungen des Tanz- und Bewegungstheaters entstehen. Die Studierenden könnten von der Cafeteria aus den Kommilitoninnen und Kommilitonen beim Fußballspielen zuschauen.“ Erfolg macht hungrig. Und (gute) Sportler stecken sich stets neue Ziele. Da machen die Sportwissenschaftler keine Ausnahme und überlegen bereits, wie der Außenbereich gestaltet werden kann. Dabei wird der Neubau am Gesundheitscampus erst im Juni bezogen. Ein Spaziergang durch das neue Gebäude der Fakultät zeigt, dass die Sportwissenschaft jetzt auch infrastrukturell ganz vorne mitspielt. Wobei: Spaziergang ist genau genommen nicht ganz richtig. Ein strammer Marsch von 45 Minuten Dauer – gewissermaßen eine muntere Halbzeit – trifft es besser.

Anpfiff

Anpfiff. Der Kapitän selbst eröffnet die Partie: Dekan Prof. August Neumaier führt sein Team durch den Haupteingang ins Foyer, wo ein 46“ großer Flachbildschirm Auskunft über die aktuellen Vorlesungen und Seminare geben wird. Per Doppelpass spielen sich Dekan und Prodekan den Ball der Begeisterung zu. „Alles sehr schön, sehr hell, mit modern ausgestatteten Arbeitsplätzen“, sagt Neumaier und nickt zufrieden, während er die Bibliothek im Erdgeschoss betritt. „Alles ist um 300 Prozent besser“, schwärmt Ferrauti, der sich freut, künftig auch Forscherinnen und Forscher anderer Unis ohne Scham einladen zu können. Das sei im UHW, in dem die Fakultät über 20 Jahre lang untergebracht war, so nicht möglich gewesen.

„Die Cafeteria ersetzt das Haus der Freunde. Sie war nicht von Beginn an geplant und wurde durch Gelder der Universität realisiert. Ein großes Dankeschön ans Rektorat!“ Nach dem feinen Dankes-Dribbling Neumaiers und der Auszeit mit Ausblick – und vielleicht auch Aussicht – auf das gewünschte Kleinfeld im Außenbereich geht es mit viel Tempo Richtung Tor. Pfiff. Strafstoß! Und zwar nicht, wenn der Schiedsrichter pfeift, sondern immer dann, wenn die Bewegungswissenschaftler den Raum betreten.

Auf zwei Etagen erstreckt sich der Untersuchungsraum, der aufgrund der Höhe den Namen „Sky Lab“ verdient hätte. Zwar wird der Bezahlsender „Sky“ hier keine Bundesliga-Konferenz zeigen, doch Highspeed-Kameras können wegen der gleißend hellen Ausleuchtung mit bis zu 10.000 Bildern pro Sekunde alles filmen, was im Sky Lab passiert – auch von oben, wo ein Schienensystem unter der Decke die Möglichkeit zur Installation bietet. „Wir können hier typische Bewegungen und Bewegungsabfolgen verschiedener Sportarten untersuchen. Dazu gehören der Ballwurf beim Tennis-Aufschlag und der Elfmeter beim Fußball, aber auch der Diskusabwurf und der Sprintstart“, erklärt Ferrauti. Die Einrichtung verfügt über eine zehn Meter lange Lauffläche mit Kraftsensoren und Auslauf nach draußen, Kontaktplatten zur Analyse von Sprung, Sprint, Richtungswechseln und Bremsbewegungen sowie über verschiedene Bodenbeläge – darunter auch der original Bodenbelag der Tennis Australian Open. Hinzu kommen bei doppelter Raumhöhe eine große Prellwand mit Drucksensoren, ein Auffangnetz für Wurfgeräte und ein Obergang auf halber Raumhöhe für Beobachtungen.

Seitenwechsel

Seitenwechsel. Die erfahrenen Spieler und die jungen Talente harmonisieren. „Die neuen Räume bieten ganz andere Möglichkeiten für uns Studierende. Das wird uns besonders bei der Bachelor- und der Masterarbeit zugutekommen“, sagt Dominik Kaminski, Vorsitzender der Fachschaft. „Und die langen Wege fallen weg, z.B. zur Sportmedizin, die bislang an der Overbergstraße ihren Sitz hat. Weniger Radfahren, mehr Zeit zu studieren“, ergänzt Denis Neubert, ebenfalls in der Fachschaft engagiert.

Steilpass. Über die Treppe, die durch eine aufgeraute Bodenoberfläche in den Kurven auch von Sehbehinderten genutzt werden kann, geht es ein Stockwerk höher. Neumaier hält das Tempo hoch. Für Entlastung sorgt eine Einwechslung in der 30. Minute: Prof. Petra Platen, Leiterin des Lehrstuhls für Sportmedizin und Sporternährung, stößt dazu und übernimmt. Auf ihrem Flügel kommen nicht bloß Laufbänder und ähnliche Standardgeräte moderner sportmedizinischer Diagnoseverfahren zum Einsatz. „Wir haben jetzt ein ganz besonderes Labor und können alles aus eigener Hand machen. Durch die Nähe zur Bewegungs- und Trainingswissenschaft, die ebenfalls auf dieser Etage sind, wird es viele positive Synergieeffekte geben“, sagt Platen, der kurz vor Ende der 45 Minuten die Luft wegbleibt. Zumindest theoretisch. Mit großer Vorfreude erklärt sie eine weitere, spektakuläre Einrichtung der Sportmedizin. In vier Untersuchungsräumen wird es möglich sein, den Sauerstoffgehalt der Luft zu reduzieren. Was der Laie unter „Höhentraining“ versteht, heißt in der Sportwissenschaft „Hypoxietraining“. „Wir werden Verhältnisse simulieren können, die denen in 6.000 m Höhe entsprechen. Diese Einrichtung wird die größte ihrer Art in Europa sein. Damit spielt die Sportwissenschaft der RUB zukünftig in der Champions League.“

Der Angriff gewinnt Spiele – die Abwehr gewinnt Meisterschaften. Zwar bieten das Sky Lab und die medizinischen Einrichtungen das größte Spektakel, aber auch die Wissenschaftler/innen aus den Bereichen Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Geschichte, aus den einzelnen Sportlehrgebieten und die Mitarbeiter der Verwaltung freuen sich über modernste Räume im Sport-Neubau. „Das ist es, was mich besonders freut: Wir sind alle unter einem Dach und verfügen über eine prima Ausstattung“, so Neumaier.

Pfiff. Halbzeit. Das Team kommt zusammen. „Das bei uns Sportlern ohnehin schon gute Gemeinschaftsgefühl wird durch das neue Gebäude noch besser“, sagt Kaminski. „Es wird unser Paradies“, sagt der Dekan und beendet damit die Partie. Die Handwerker übernehmen wieder. Abpfiff.

 

Sport-Neubau

Die Kosten des Projekts belaufen sich laut Wissenschaftsministerium (MIWF) auf 10,6 Mio. Euro. Spatenstich war am 12. April 2011, das Richtfest folgte im Oktober 2011. Mietbeginn ist der 1. Juni 2012. Ab dem 4. Juni sollen Lehrbetrieb und Sportstudierende im neuen Gebäude laufen. Die technische Ausstattung erfüllt die Energieeinsparverordnung 2009 (EnEV). Die Heizungsgrundlast wird per Luft-Wasser-Wärmepumpe gedeckt und durch eine Fernwärmestation ergänzt und abgesichert. Per Glasfaser- und Kupferkabel ist der Neubau an die zentralen RUB-Stationen wie Rechenzentrum, Gebäudeleittechnik und Telefonanlage angebunden und damit auf dem neusten IT-Stand. Die Nutzfläche beträgt 3.200 m² und verteilt sich auf drei Etagen plus Kellergeschoss. Die Außenfassade wurde in Stil und Material wie die Gebäude ID, IDN und ICN hergerichtet. Die Fakultät für Sportwissenschaft ist der einzige Nutzer, das alte Gebäude (Unihochhaus-West/UHW) wird abgerissen.

Daniel Duhr; Foto: Nelle | Themenübersicht