Fukushima danach
RUB-Student bereist japanisches Katastrophengebiet
Der Welt erzählen, dass die Japaner stark geblieben sind, dass sie sich ihre Würde erhalten haben und dass es aufwärts geht – das sollten 200 Studierende aus aller Welt, die die japanische Regierung im März für zwei Wochen nach Tokyo und in die vom Tsunami betroffenen Regionen eingeladen hatte. Der RUB-Student und Stipendiat der Karl-Schlotmann-Stiftung Tobias Bäcker war einer von ihnen. Die Nachricht über das „Japan nach Fukushima“, die er seiner Welt überbringt, ist eine andere als jene, die die japanische Regierung vermitteln wollte. RUBENS-Redakteurin Tabea Steinhauer sprach mit ihm über seine Erlebnisse.
RUBENS: Wie und warum kommt man als Student auf die Idee, ein Jahr nach einem schweren Erdbeben, einem Tsunami und einer Atomkatastrophe in die betroffene Region zu fahren?
Tobias Bäcker: Das war alles ziemlich kurzfristig. Ich habe über den Lehrstuhl Ostasienwissenschaften von der Ausschreibung der japanischen Regierung erfahren und musste mich dann innerhalb einer Woche mit einem Essay zum Thema „Japan nach dem schweren Erdbeben und ich“ bewerben. Dann ging es zu einem Gespräch nach Berlin in die japanische Botschaft und am 6. März ging es schon los. Gesucht wurden vor allem Naturwissenschaftler und Ingenieure, da die Präfektur Fukushima vor der Katastrophe bei ausländischen Studierenden aus diesen Bereichen sehr beliebt war. Japan wollte sich wieder attraktiver machen. Für mich vereinte das Atomunglück in Fukushima auf traurige Weise meine ungewöhnliche Fächerkombination: Physik und Japanologie. Außerdem war ich auch vorher immer schon ein „Japannerd“.
RUBENS: Du hattest u.a. die Möglichkeit, eine unserer Partnerunis zu besuchen, die Uni Fukushima. Was hast du dort erlebt und was stand noch auf eurem Programm?
TB: In der ersten Woche waren wir in Tokyo. Tokyo kommt einem vor wie eine westliche Metropole – nur mit japanischen Schriftzeichen und dass dort die Straßen auch in der Woche um drei Uhr nachts voll mit Menschen ist. So voll wie unser Programm – wir hatten praktisch keine Freizeit. Wir haben viele Institute, Unis, kulturelle Einrichtungen besucht und Vorträge, u.a. vom japanischen Ministerpräsidenten, gehört. In der zweiten Woche haben wir die Präfektur Fukushima und dort auch unsere Partneruni besucht. Sie ist kleiner als die RUB und über die ganze Stadt verteilt. Wir wurden von Studierenden interviewt, wie wir die Katastrophe in unserem Land wahrgenommen haben und ich weiß, dass im Moment auch einige Studierende aus Fukushima an der RUB sind. Später durften wir, als eine der ersten Fremden überhaupt, in die „temporary housings“. Dort sind die Menschen untergebracht, die während der Katastrophe ihr Zuhause verloren haben. Dann kamen wir für zwei Tage in Gastfamilien – das war der beeindruckendste Tag der Reise.
RUBENS: Die japanische Regierung hat Studierende aus aller Welt eingeladen, um zu zeigen, dass das Land wiedererstarkt sei und dass es, auch für ausländische Studierende, wieder attraktiv sei. Welches Japan hast du gesehen?
TB: Hier in Deutschland hatte ich vorher schon gemerkt, dass kaum jemand richtig über die tatsächlichen Ausmaße der Katastrophe Bescheid weiß. So scheint vielen nicht bewusst, dass z.B. das Kraftwerk Fukushima Daiichi 75 km entfernt von der Stadt Fukushima liegt und diese sich damit außerhalb der Sperrzone mit einem Radius von 25 km befindet. Da gibt es jetzt fest installierte Strahlungsmesser. Ich habe einen Wert fotografiert und der lag bei 0,62 Mikrosievert pro Stunde. Das ist zwar sechsmal so viel wie der Normalwert in Deutschland, aber als bedenklich gilt in Deutschland erst ein Wert ab 20 Mikrosievert pro Stunde. Über Tschernobyl sollten wir uns mehr Gedanken machen. In Fukushima sind die Tsunamizerstörungen weitaus dramatischer. Es stehen nur noch die Häuserfundamente und überall wurden Kuscheltiere zur Trauer niedergelegt. Wir haben die Stadt Soma besucht, die früher ein wunderschönes Touristen- und Fischerdorf war. Heute steht da nichts mehr. Diese Verluste haben eine tiefe Wunde in der Mentalität der Japaner hinterlassen. Das habe ich auch bei meinen Gasteltern, einem älteren Ehepaar, gemerkt. Die von der Katastrophe betroffenen Japaner sind nicht so stoisch und unerschütterlich wie der Rest der Bevölkerung.
RUBENS: Was war für dich das einprägsamste Erlebnis in diesen zwei Wochen?
TB: Das war in den „temporary housings“. Die Kinder dort waren sich des Ausmaßes, dessen, was ihnen widerfahren war, scheinbar gar nicht bewusst. Sie fragten einen von uns, wann sie denn wieder nach Hause könnten. Für mich war das eindrucksvollste Erlebnis allerdings eine Frau, die meine Hand nahm und unaufhörlich zu mir sagte: „Ich habe alles verloren. Ich habe alles verloren. Ich habe alles verloren.“ Das werde ich nie vergessen.
Tabea Steinhauer; Foto: privat | Themenübersicht

