"Jetzt stehen wir mittendrin!"
Ruanda: Nicht nur eine Exkursion, sondern auch ein unvergessliches Erlebnis
Ruanda und ein paar Theologiestudenten treffen aufeinander – was wird passieren? Das fragten sich die Bochumer Studenten, bevor sie in den kleinen Staat in Ostafrika aufbrachen. Letztlich wurde wesentlich mehr daraus als nur eine Exkursion.
In der Nacht zum 6. Februar machten sich neun müde Theologiestudenten und zwei aufgeweckte Promotionsstudenten auf, das Abenteuer ihres Lebens zu wagen. Sie standen unter der Obhut ihres Professors für Systematische Theologie und Ethik, Prof. Dr. Traugott Jähnichen, der zugleich enge Kontakte nach Ostafrika hält. Auf Einladung des ruandischen Doktoranten Pascal Bataringayas flog die Truppe in die ruandische Hauptstadt Kigali. Im Gepäck befanden sich nicht nur Wein, Mückenschutz und Medikamente gegen Durchfall, sondern vor allem auch große Vorfreude auf die Exkursion; geplant waren für die zehn Tage: soziale und kirchliche Projekte, den Besuch einer theologischen Fakultät und die Aufarbeitung des Genozids in Ruanda.
Gedenkstätten
Die ersten Schritte auf afrikanischen Boden führten uns nach Butare zum Theologischen Institut PIASS (Protestant Institut of Arts and Social Sciences). Hier wurden im regen Austausch Kontakte geknüpft, Erfahrungen ausgetauscht und der Grundstein für eine Partnerschaft zwischen RUB und PIASS gelegt. Die gemeinsamen Wurzeln zwischen den geographisch weit entfernten Ländern finden sich u.a. in der Zeit des Imperialismus, als Ruanda deutsche Kolonie war. Die Christianisierung und Missionierung Ruandas, die in diese Zeit fällt, ist noch heute an der religiösen Verteilung der Bevölkerung sichtbar. Einen weiteren Eckpfeiler der Zusammenarbeit stellt die gemeinsame Gedenk- und Erinnerungskultur dar, die sich in Deutschland u.a.in Holocaustdenkmälern und in Ruanda in den Genozid-Denkmälern für den Völkermord des Jahres 1994 manifestiert. Dabei sind in Ruanda die Erinnerungen naturgemäß noch viel frischer und lebendiger.
Dies spiegelt sich besonders am Denkmal von Nyundo wider, wo eine Überlebende des Genozids uns Einblicke in ihr Schicksal gab, um dann mit diesen die Gedenkstätte zu besuchen. Voller Entsetzen betraten wir das Denkmal, in dem in Särgen die Knochen und Schädel der Ermordeten, die teilweise durch Machetenhiebe gespalten waren, gesammelt wurden. Beim Besuch des zweiten Denkmals mussten wir feststellen, dass vor 18 Jahren selbst Kirchen als „heilige Räume“ keinen Schutz bieten konnten. Eine katholische Kirche, in der über 3.000 Menschen Zuflucht gesucht hatten, wurde durch Bulldozer zum Einsturz gebracht: Alle dort Schutzsuchenden fanden den Tod. Voller Bestürzung und Anteilnahme bekamen wir einen Einblick in die grausame Vergangenheit des Landes, die noch heute jedem Ruander präsent ist.
Alltäglicher Kampf
Einen anderen Einblick gewährten uns kirchliche und soziale Projekte, die die Menschen und ihren alltäglichen Kampf ums Überleben in den Mittelpunkt stellten. Als prägnantestes Beispiel soll hier der Besuch einer Dorfgemeinde im Norden des Landes genannt werden. Wir wurden mit Tänzen, Gesang und Trommeln voller Freude begrüßt und herzlich in Empfang genommen. Dies stellte die ambivalenteste Erfahrung dar: In zerrissenen Kleidern, barfuß und mangelernährt begrüßten uns die Menschen voller Lebensfreude. Eine Kommilitonin fasste die Erfahrung in der Aussage „Normalerweise sieht man Armut und Elend nur im Fernsehen – jetzt stehen wir mittendrin!“ zusammen.
Als Fazit der Reise können wir nur sagen: Unsere Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen: Sowohl das Land als auch die Menschen haben uns von Beginn an fasziniert und uns lebenslange Erinnerungen und Erfahrungen geschenkt. Ruanda ist eine Reise wert und sollte mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gelangen.
Maximiliane Golsong; Foto: privat | Themenübersicht

