RUBENS Nr. 159 - 1. April 2012
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Was heißt hier Liebesgeschichte?

Hinter den Kulissen des „Junge Uni-Films“

Nach den „Lieblingsplätzen“ widmet sich das Regie-Duo Gorczany/Radoslavov in seinem zweiten RUB-Kurzfilmprojekt der „Jungen Uni“. Ein kleiner Rückblick auf die Dreharbeiten.

Martin Napieraj macht nicht viele Worte. Der männliche Hauptdarsteller aus dem aktuellen Imagefilm der Jungen Uni (zu sehen auf dem YouTube-Kanal der RUB) antwortet knapp und schnörkellos. Ob es ihm nichts ausgemacht habe, wenn die beiden Macher des Films, die Medienwissenschaftsstudenten Damian W. Gorczany und Stoyan Radoslavov, in ihrem perfektionistischen Streben nach dem „besten Bild“ (Gorczany) Szenen oft bis zu zehn Mal wiederholen ließen, derweil die Sonne kaum weniger unerbittlich vom Himmel stach? Napieraj überlegt kurz: „Nein, mich störte nichts.“
Er ist zurückhaltend, aber nicht schüchtern, um dann mit trockenem Witz und perfektem Timing locker aus der verbalen Hüfte zu schießen. Wie in jener Seminarraum-Szene, die er so beschreibt: „Außer mir waren nur Frauen anwesend. Wir sollten uns kurz vorstellen. Als ich an der Reihe war, sagte ich: ‚Ich heiße Martin und ich glaube, ich bin hier falsch.’“ Der Satz sorgte nicht nur für Heiterkeit, sondern auch für eine gewisse Erleichterung am Set. Denn dank dieses spontanen Moments war die Szene schon nach einem Take im Kasten.

Romeo und Julia

Dagegen kann man sich den angehenden Informatikstudenten als Romeo nur schwer vorstellen. Für eine Schultheater-Inszenierung von „Romeo und Julia“ schlüpfte er einst in die Rolle des tragischen Helden. Obwohl ihn nur wenig mit der Figur zu verbinden schien, half ihm dieses Bühnen-Erlebnis doch, mit seinen „Ängsten umzugehen und mich selbst ein Stück weit besser kennen zu lernen“, wie er sagt. Dies kam ihm vor der Kamera zugute. Und: Zeigt nicht auch der Junge Uni-Film eine Liebesgeschichte? Damian Gorczany, im Team für die Bildgestaltung zuständig, runzelt die Stirn: „Was heißt Liebesgeschichte? Uns ging es darum, die Uni als Ort darzustellen, an dem sich Menschen begegnen, die zuvor mit ihren Vorstellungen, Erwartungen, aber auch Zweifeln und Ängsten mehr oder weniger auf sich gestellt waren.“
Aida Demchenko, die in der romantischen Lesart des Films den Part der „Julia“ innehat, kennt dieses Gefühl nur zu gut. Lange Zeit sei für sie die Uni ganz weit weg gewesen, sagt sie. Als sie mit zwölf Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam, konnte sie kaum Deutsch. Eine Freundin gab ihr Nachhilfe und brachte ihr innerhalb eines Jahres die Sprache bei. „Wir saßen zum Lernen oft in der UB. Einmal zeigte sie über den Campus und sagte: ‚Aida, sieh es dir an, da liegt deine Zukunft!’“ Doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, ehe Aida einsah, wie recht ihre Freundin hatte, und sich dazu entschloss zu studieren.

Auf der Stopptaste

Dabei schien ihr Weg schon früh vorgezeichnet: „Mein Opa war Künstler, hat Bilder gemalt und restauriert. Als Kind habe ich ihm oft geholfen, erhielt sogar Privatunterricht im Malen und Zeichnen.“ Doch dann kam die Pubertät und plötzlich fand sie das alles „ganz doof“. Darüber kann die junge Frau heute nur noch lachen. Sie hat inzwischen ihr erstes Uni-Semester absolviert und ist mehr als glücklich. „Ich fange morgens um 8 an und verlasse selten vor 23 Uhr das Institutsgebäude. Während ich zuhause schnell an einen toten Punkt gelange, treffe ich hier immer andere Studierende, mit denen ich zusammenarbeiten, mich austauschen oder einfach nur plaudern kann.“
Während der Dreharbeiten beschlichen sie immer mal wieder Zweifel, denn es gab weder ein Drehbuch noch Dialoge oder Spielszenen, sondern nur die Anweisungen von Ton-Mann Stoyan Radoslavov, mal an dieser Schraube zu drehen, mal jene Straße entlang zu radeln. So war es den Darstellern kaum möglich, zwischen den Einstellungen einen Zusammenhang zu erkennen – und das, obwohl sie „live dabei“ waren und alles mit eigenen Augen gesehen haben. „Aber der Blick durch die Kamera ist eben ein ganz anderer Blick“, erläutert Damian Gorczany und nennt es „mediale Übersetzung von Wirklichkeit“.
Vielleicht war das ja der Grund dafür, warum die Schauspiel-Debütantin Aida Demchenko sich das fertige Werk zunächst nur mit dem Finger auf der Stopptaste ansehen konnte. „Ich musste mich regelrecht dazu zwingen, die Augen geöffnet zu halten und nicht gleich wieder auf ‚Stopp‘ zu drücken. Aber nach drei Tagen gelang es mir schließlich. Und dann fand ich den Film sehr schön.“ In diesem Sinne – Augen auf und durch: http://www.youtube.com/watch?v=6pPs8JhGh8Y.

André Kröger; Foto: Sponheuer | Themenübersicht