RUBENS Nr. 159 - 1. April 2012
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Liebe und Sorge ums Revier

Vier Professoren schreiben gemeinsam ein Buch über das Ruhrgebiet

Vor zwei Jahren diskutierten vier Professoren der Fakultät für Sozialwissenschaft durch Zufall über die Probleme des Ruhrgebiets und kamen zu dem Schluss, dass der Phönix in der Asche stecken geblieben ist. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand das Buch „Viel erreicht – wenig gewonnen: Ein realistischer Blick auf das Ruhrgebiet“. Die Politikwissenschaftler Prof. Jörg Bogumil und Prof. Franz Lehner arbeiteten dabei intensiv mit den Soziologen Prof. Klaus Peter Strohmeier und Prof. Rolf G. Heinze zusammen. Immer wieder trafen sich die Vier bei einem Glas Wein am Wochenende und arbeiteten an einzelnen Kapiteln. „Eitelkeiten und Konkurrenzdenken untereinander gab es nicht“, so Bogumil.

Das Ergebnis ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Buch für all jene Menschen, denen das Ruhrgebiet am Herzen liegt. „Wir haben festgestellt, dass es vorher nur zwei Arten von Veröffentlichungen zum Thema gab: Hochglanzbroschüren und Negativberichte. Davon wollten wir uns lösen“, erklärt Bogumil. Auf Basis einer realistischen Bestandsaufnahme der sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung des Reviers erarbeiten die Professoren mögliche Zukunftsperspektiven für die Region. Es geht ihnen darum, die bestehenden Strukturen des Ruhrgebiets verständlich zu machen und zu zeigen, was man zukünftig besser machen kann.

Wandel & Hemmnisse

Das Ruhrgebiet verfügt heute über eine breite Kulturlandschaft, neue Arbeitsplätze sind entstanden, die Lebensbedingungen haben sich insgesamt verbessert und eine starke Hochschul- und Forschungslandschaft hat sich herausgebildet. „Die positiven Entwicklungen sind jedoch in den Köpfen der Menschen nicht angekommen“, so Heinze. Zudem gibt es auch Rückschläge. Die Arbeitslosenzahlen und die der Hartz IV Empfänger sind im Vergleich zum Rest NRWs nach wie vor überdurchschnittlich hoch, die Kommunen stecken in großen Finanznöten und der demografische Wandel schlägt deutlich schneller zu. „Das Schrumpfen und Überaltern der Bevölkerung setzt im Ruhrpott auf Grund sinkender Geburtenraten, massiverem Altern und der hohen Anzahl von Menschen mit Migrationshintergrund früher ein“, erklärt Strohmeier. Zudem bildet sich eine immer stärker werdende Ungleichheit zwischen den Stadtteilen heraus. Viertel, in denen besonders viele Arme und Migranten leben, konzentrieren sich nördlich der A40, während im eher bürgerlichen und wohlhabenden Süden die Deutschen weitgehend unter sich bleiben. „Schwierige Stadtteile müssen davor bewahrt werden, abgehängt zu werden“, resümiert Bogumil.
Hinzu kommen Hemmnisse durch historische Bedingungen. Zu der Zeit, als Bergbau und Schwerindustrie die wichtigsten Einnahmequellen waren, organisierten die Menschen das soziale und wirtschaftliche Leben kleinräumig um die Betriebe herum. Die Folgen zeigen sich noch heute in den Siedlungs- und Lebensstrukturen. Eines der Probleme, das sich daraus ergibt, ist ein unzureichend ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz. „Um von Stadt zu Stadt zu kommen, muss man zwingend den Weg über die jeweiligen Hauptbahnhöfe nehmen. In anderen Regionen ist man da wesentlich weiter“, erläutert Heinze.

Arbeitsteilung als Schlüssel

Bisherige Visionen zur Gestaltung der Region haben sich oft als illusionär entpuppt, denn sie berücksichtigen nicht die tatsächlichen Gegebenheiten. Laut den Autoren muss es zukünftig um Profilbildung, Arbeitsteilung und Zusammenarbeit gehen. Lehner beschreibt die Lage so: „Man kämpft um die gleichen Knochen, statt sich zu einigen und zu spezialisieren. Wenn man große Metropolen wie London oder Tokyo betrachtet, sieht man, dass dort sogar jedes Viertel ein eigenes Profil mit eigenen Aufgaben entwickelt hat“.
Den Schlüssel zum Erfolg sehen die Autoren in einer sinnvolleren Arbeitsteilung zwischen den Kommunen. „Es sollte nicht jede Stadt das Gleiche machen wie die anderen. Das ist das negative Erbe der Kohl- und Stahlindustrie und ist die Ursache dafür, dass die Städte sich gegenseitig bekämpfen. Man gewinnt nur als Ruhr-Region“, so Bogumil. Und Heinze erklärt: „Auch Kooperationen zwischen den Kommunen, der Wirtschaft und der Wissenschaft sind wichtig für eine positive Entwicklung“. Darauf aufbauend präsentieren die Professoren realisierbare Konzepte für die kommenden Jahre. Neben dem Buch arbeiten sie an weiteren Gemeinschaftsprojekten im ZEFIR oder zusammen mit der MERCATOR-Stiftung.

Info: Bogumil, Jörg; Heinze, Rolf G.; Lehner, Franz; Strohmeier, Klaus Peter (Hrsg.): Viel erreicht – wenig gewonnen: Ein realistischer Blick auf das Ruhrgebiet, 178 S., Klartext Verlag Essen 2012, 17,95 Euro.

Marie-Astrid Reinartz; Foto: Klartext | Themenübersicht