Vor der eigenen Tür
Der Verein you-manity beginnt mit der Entwicklungshilfe bereits an der RUB
„Entwicklungszusammenarbeit findet nicht nur auf anderen Kontinenten statt, sondern beginnt vor der eigenen Tür“, sagt Selin Temizel, 25-jährige Medizinstudentin der RUB und Mitgründerin des Vereins you-manity in Bochum. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen engagiert sie sich neben dem Studium in der humanitären Hilfe und lädt Interessierte aller Fakultäten ein mitzumachen.
„Ein Mediziner allein kann nichts ausrichten“, gibt Selin Temizel zu bedenken. „Entwicklungshelfer sind nicht nur Leute, die in die Welt hinausgehen und Kinder impfen; es gibt auch einen wahnsinnig wichtigen theoretischen Teil – Forschung, wie man ein Flüchtlingscamp aufbaut oder ein Gesundheitssystem implementiert. Eigentlich können Leute aus jeder Disziplin etwas beitragen.“
Daher hoffen die bislang 15 Mitglieder von you-manity auf Unterstützung aus anderen Fachbereichen. „Bei uns kann jeder mitmachen, der an Entwicklungshilfe interessiert ist, ob studiert oder nicht“, sagt die Medizinerin. Der Bochumer Verein entstand vor einem Jahr aus der AG Menschenrechte des Fachschaftsrats Medizin – kurz nachdem Selin Temizel mit einem Kommilitonen auf der ersten Summer School für Katastrophenmedizin und humanitäre Hilfe in Tübingen von dem Konzept erfahren hatte.
Raum gesucht
Gerade hat das Finanzamt die Gemeinnützigkeit von you-manity in Bochum anerkannt und die Eintragung ins Vereinsregister läuft. „Wir bekommen jetzt eine feste Struktur“, erzählt Vorstandsmitglied Philipp Stegmeier, ebenfalls Medizinstudent. „Aber wir sind noch im Aufbau und das ist toll: Denn man kann sehr viel selbst gestalten!“ Viele kennen you-manity vielleicht aus der Weihnachtszeit, wenn die Mitglieder in der Mensa am Welt-AIDS-Tag rote Schleifen gegen Spenden ausgeben, oder von Aktionen am Welttag der Menschenrechte. Zwei Mal organisierten sie auch „Weihnachten im Schuhkarton“: Über 300 Päckchen mit Weihnachtsgeschenken – gespendet von Studierenden der Medizin – verteilten die you-manity-Mitglieder an Kinder im Flüchtlingsheim.
Gern würde der Verein auch Projekte in größerem Maßstab angehen, z.B. „Weihnachten im Schuhkarton“ an der ganzen RUB. Im Moment fehlen dafür aber noch Logistik und Lagerplatz. „Wir hatten jetzt schon Probleme, in der Medizin-Fakultät einen Raum für die Schuhkartons zu finden“, erinnert sich Philipp Stegmeier und Selin Temizel ergänzt: „300 Schuhkartons in einem Raum – das muss man sich erst mal vorstellen; das war schon hoch beeindruckend! Wir würden uns wirklich sehr über einen permanenten Raum freuen, von dem aus wir größere Projekte koordinieren können.“
Pläne gibt es schon genug: „Wir haben ein ganz lokales Projekt im Kopf: eine Datenbank mit allen Studierenden, die eine zweite Sprache sprechen und bereit sind, Leute, die kein Deutsch können, bei Behördengängen oder Arztbesuchen zu unterstützen. Die Uni ist eine hervorragende Basis für unsere Arbeit. Ca. 35.000 Studierende – das ist ein unheimliches Potenzial. Aber es scheitert im Moment leider alles an dem Raum. Wir bräuchten einfach mal einen Platz, wo wir einen Computer und ein Telefon hinstellen können, um unsere Korrespondenzen zu erledigen.“
Bei you-manity kann jeder die Themen einbringen, die ihn am meisten bewegen. „Man kommt nicht in eine feste Struktur“, so Selin Temizel. „Jeder kann sich für das engagieren, worin sein Herzblut steckt. Und natürlich auch nur in dem Umfang, in dem er oder sie es möchte.“ Mit einer regelmäßig stattfindenden Vortragsreihe erreicht der Verein aber auch diejenigen, die nicht Mitglied werden wollen. Im kommenden Sommersemester können sich Interessierte über „Wege der Entwicklungszusammenarbeit“ informieren.
Patentrecht ändern
Philipp Stegmeier treibt an der RUB das Projekt Medikamentenzugang voran. Ziel ist es, das Patentrecht an der Uni so zu ändern, dass die Patentzeit sich verkürzt, wenn ein Medikament Menschen in Entwicklungsländern helfen kann. „Würde an der RUB etwa ein Durchbruch in der HIV-Behandlung gelingen“, erklärt der Medizinstudent, „könnten Entwicklungsländer über die neue Klausel im Patentrecht schnell davon profitieren. Wir wären, glaube ich, die erste Uni in Deutschland, die so eine Klausel hätte – das wäre prestigemäßig auch für die RUB toll!“
Neben den Projekten erarbeiten die Studierenden, wie ideale Entwicklungszusammenarbeit aussieht. „Im Moment läuft in der humanitären Hilfe noch vieles falsch. Langfristig ist das Ziel natürlich, Entwicklungszusammenarbeit unnötig zu machen“, unterstreicht Philipp Stegmeier. Den ersten Schritt haben die Bochumer Medizinstudierenden mit der Vereinsgründung getan – aber hier werden sie nicht aufhören: „Mein Traum ist, dass wir eines Tages ein deutschlandweites you-manity-Netzwerk haben, eine Plattform für junge Menschen, die sich für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit interessieren“, sagt Selin Temizel.
You-manity
You-manity freut sich über jede helfende Hand. Interessierte können ganz unverbindlich in die Arbeit des Vereins hinein schnuppern – etwa beim wöchentlichen Treffen im Fachschaftsraum der Medizinischen Fakultät (MA 0/305) oder bei einem der Vorträge, die die Mitglieder regelmäßig organisieren; Infos per E-Mail oder im Internet.
jwe, Foto: Nelle | Themenübersicht

