RUBENS Nr. 158 - 1. Februar 2012
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Was machen eigentlich Linguisten?

Forschung, Lehre und Praxisbezug am Sprachwissenschaftlichen Institut der RUB

Was machen Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler heutzutage? An der RUB erforschen sie frühere Sprachen wie das Mittelhochdeutsche. Oder aktuelle Grammatikentwicklungen. Außerdem optimieren die Linguisten Sprachsoftware. Sie bilden Menschen für den Einsatz in der Sprach-Rehabilitation aus. Und sie schreiben Standardwerke für die Lehre. All das passiert zurzeit am Sprachwissenschaftlichen Institut – und sorgt für ein nie dagewesenes Volumen an Drittmitteln und einen Höchststand an Studierenden.

Deutsch ist nicht nur eine schwere Sprache. Sie verändert sich auch laufend. Allgemein bekannt ist, dass der Duden regelmäßig Wörter – z.B. aus der Umgangssprache oder aus Fremdsprachen – neu aufnimmt. Es gibt aber auch Veränderungen, die nicht sofort ins Auge fallen: „Bei absolut klarer Zielsetzung“ oder „unter sanfter Androhung“ sind Beispiele für Verschiebungen in der Grammatik. Laut Duden müssten Artikel vor den zählbaren Substantiven „Zielsetzung“ und „Androhung“ auftauchen, da sie im Singular benutzt werden. Doch der Sprachgebrauch hat sich von dieser Regel emanzipiert. Wie neue Grammatikregeln entstehen, erforscht Prof. Dr. Tibor Kiss (Theoretische Linguistik/Computerlinguistik) seit 2008. Finanziert wird sein Projekt „Grammatische Analyse von Präposition-Substantiv-Sequenzen“ von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Zunächst stellt Kiss umfangreiches Datenmaterial zusammen. Die Daten werden dann mithilfe des sog. Annotation-Mining-Verfahrens strukturiert und analysiert. „Wir verfolgen zwei Ziele“, so Tibor Kiss: „Zum einen sollen Grammatikschreibung und Computerlinguistik fortan über eine Analyse nicht-kanonischer Präpositionalkombinationen verfügen. Zum anderen stellen wir elektronische Ressourcen bereit, die bislang für das Deutsche nicht vorliegen, insbesondere für die Zählbarkeitspräferenzen der Substantive“.

„Fragen an Maria“

Zwei weitere DFG-Projekte am Sprachwissenschaftlichen Institut befassen sich mit wesentlich älteren Texten: Jun.-Prof. Dr. Stefanie Dipper (Computerlinguistik) untersucht erstmals vollständig die deutschsprachige Überlieferung des Passionstraktats „St. Anselmi Fragen an Maria“. Sie analysiert die 36 Handschriften und acht Drucke des 14. bis 16. Jahrhunderts und setzt dabei philologische, linguistische und computerlinguistische Methoden ein, die sich gegenseitig ergänzen. „Alle Texte werden handschriftengetreu transkribiert und semi-automatisch annotiert: u.a. mit bibliographischer Information, linguistischen Merkmalen und einer paarweisen Zuordnung der parallelen Passagen aus den einzelnen Überlieferungen“, erklärt die Linguistin.

Um diesen neuartigen interdisziplinären Ansatz umzusetzen, kooperiert Prof. Dipper mit Prof. Dr. Klaus-Peter Wegera und Dr. Simone Schultz-Balluff (Lehrstuhl für Altgermanistik I). Die beiden Germanist/innen erstellen die Datengrundlage mit manuellen Transkriptionen und Annotationen – unterstützt durch automatische Methoden, die von Stefanie Dipper entwickelt werden. Sie stellt die aufgezeichneten Daten in einer linguistischen Datenbank bereit, die dem Parallelprojekt als Basis für eine kritische Buchedition dient. Zusätzlich entsteht eine digitale Edition, die über das Web genutzt werden kann.

Auch in einem weiteren Projekt kooperieren Prof. Dipper und Prof. Wegera. Zusammen mit dem Germanisten Prof. Dr. Thomas Klein erstellen sie ein Referenzkorpus für die mittelhochdeutsche Sprachstufe (1050-1350). Es entsteht eine umfangreiche, verlässliche und handschriftengetreue digitale Datenbasis des Mittelhochdeutschen, die wissenschaftlichen Recherchen völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Die Interaktion zwischen Sprachwissenschaft und Einzelphilologien zeitigt auch Früchte für die Lehrvermittlung: Zusammen mit Prof. Dr. Ralf Klabunde (Semantik und Pragmatik) gibt Prof. Dipper demnächst im Springer-Verlag eine etwa 1000-seitige, komparativ ausgerichtete Linguistik-Einführung heraus, die auf völlig neuartige Weise in die allgemeine und einzelphilologische Linguistik einführen soll.

Software-Entwicklung

Das jüngste DFG-Projekt am Sprachwissenschaftlichen Institut trägt den Titel: „Die automatische zeitliche Vermessung sprachlicher Äußerungen im Deutschen, Englischen und Niederländischen: Entwicklung einer Software für experimentelle Psycholinguisten“. Hier kooperiert Prof. Dr. Eva Belke (Empirische und Simulative Psycholinguistik) mit Dr. Britta Wrede (Technische Fakultät, Universität Bielefeld) und Prof. Dr. Antje Meyer (Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen).

In der experimentellen Psycholinguistik wird unter anderem erforscht, wie es Sprechern gelingt, die richtigen Wörter so rechtzeitig für ihre Äußerungen parat zu haben, dass sie – scheinbar mühelos – auch komplexe sprachliche Äußerungen flüssig artikulieren können. Um die Formulierung von Äußerungen im Einzelnen zu untersuchen, wird in vielen Studien analysiert, wie das Blickverhalten von Probanden beim Beschreiben von Szenen mit der zeitlichen Struktur ihrer Äußerungen (Beginn und Ende einzelner Wörter) koordiniert ist. Schauen Probanden die Dinge, über die sie sprechen, mit langem zeitlichem Vorlauf an – planen sie ihre Äußerungen also lange im Voraus – oder planen sie sie „just-in-time“?

Für solche Untersuchungen stehen umfassende Softwarepakete für die Analyse von Blickbewegungen zur Verfügung. Die exakte automatische zeitliche Vermessung sprachlicher Äußerungen erfolgt jedoch meistens von Hand, auf der Basis von Audio-Aufnahmen der Äußerungen der Probanden, und ist mit enormem Aufwand verbunden. Das internationale Forscherteam will deshalb die Software AUDIOMAX weiterentwickeln, die diese Analyse automatisiert. Bislang kann AUDIOMAX Abgleiche von Aufnahmen einfachster deutscher Äußerungen mit Hilfe vorhandener Transkriptionen erstellen. Die Forscher/innen wollen diese Funktion auf niederländische und britisch-englische Äußerungen erweitern; später soll die Software auch vollständig transkribierte, aber weniger eingeschränkte Äußerungen (z.B. in semispontanen Dialogen) analysieren können. Nach beiden Erweiterungen werden die Wissenschaftler/innen Messgenauigkeit und Benutzerfreundlichkeit von AUDIOMAX evaluieren und die Distribution der neuen Variante als Softwarepaket ermöglichen. „Wir sind sicher, dass AUDIOMAX Forschungsvorhaben ermöglichen wird, die ansonsten wegen des enormen Kodierungsaufwands nicht realisierbar wären“, verspricht Eva Belke.

1 Mio. Drittmittel

Insgesamt erhielt das Sprachwissenschaftliche Institut allein 2011 die Zusage für Fördermittel der DFG von über 1 Mio. Euro. Das entspricht mehr als dem Dreifachen des jährlichen Haushalts des Instituts aus Landesmitteln. „Diese Erfolge spiegeln nicht nur die Relevanz der Forschung am Sprachwissenschaftlichen Institut wider, sie dokumentieren auch das Engagement der Institutsmitarbeiter für die Belange einer berufsorientierten und modernen Lehre“, fasst Tibor Kiss zusammen. Er führt die Erfolge auch auf die Neuaufstellung des Instituts zwischen 2008 und 2009 mit der Neubesetzung von Professuren in Computerlinguistik und Psycholinguistik zurück. Auch die Studierendenzahlen entsprechen dieser positiven Entwicklung: Mit aktuell 298 in Linguistik Eingeschriebenen ist ein Höchststand erreicht. Ihre Berufsaussichten sind sehr gut: Zu möglichen Berufsfeldern zählen der wissenschaftliche und der klinische Bereich (s. Kasten), aber auch die freie Wirtschaft. Tibor Kiss nennt die IT-Branche und erinnert daran, dass Firmen wie Microsoft eigene, riesige Linguistik-Abteilungen haben. „Im Grunde genommen können Linguisten in jedem Bereich eingesetzt werden, in dem Sprache relevant ist“, fasst er zusammen.

Infos

 

Linguistik

In der Linguistik bzw. Sprachwissenschaft geht es darum zu verstehen, wie menschliche Sprache funktioniert. Zu diesem Zweck analysieren Linguisten natürliche Sprachen wie Deutsch oder Englisch und sie arbeiten Regeln heraus und beschrieben diese. Die Linguistik setzt sich aus fünf Teildisziplinen zusammen: Phonetik/Phonologie (Lautlehre), Morphologie (Wortbildung), Syntax (Aufbau von Phrasen und ganzen Sätzen), Semantik (Bedeutung von Wörtern und Phrasen) und Pragmatik (Anwendung von Sprache). Zudem können Studierende ab dem 3. Fachsemester einen Schwerpunkt auf „Computerlinguistik“ setzen. Dieser Bereich befasst sich mit der maschinellen Verarbeitung von Sprache. Die Regelstudienzeit für den B.A. beträgt 6 Semester, die für den M.A. 4 Semester.

 

Klinik und Therapie

Viele Studierende der Linguistik interessieren sich für die Berufsfelder Klinische Linguistik und Patholinguistik, für die allerdings nur eine sehr geringe Anzahl von Studienplätzen in Deutschland angeboten wird. Eine Alternative ist das Studium der Linguistik, Psycholinguistik oder Phonetik mit einem anschließenden klinisch-linguistischen Postgraduiertenpraktikum (dem sog. LiP-Jahr). Es wird meist an einer neurologischen Rehabilitationsklinik absolviert und von Supervisoren des Bundesverbandes Klinische Linguistik e.V. (BKL) fachlich betreut. Der BKL entscheidet normalerweise im Einzelfall, ob ein Absolvent zum Praktikum zugelassen wird. Eine kürzlich zwischen dem BKL und dem Sprachwissenschaftlichen Institut getroffene Vereinbarung vereinfacht jedoch die Zulassung zum LiP-Jahr für Absolventen, die in Bochum einen B.A. in Linguistik (2-Fach) und einen M.A. in Linguistik (1-Fach) absolviert haben. Nach dem LiP dürfen die Absolventen die Berufsbezeichnung „Klinische/r Linguist/in (BKL)“ führen und können in Kliniken und sprachtherapeutischen Praxen arbeiten.

ad, Foto: iStock | Themenübersicht