RUBENS Nr. 158 - 1. Februar 2012
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Forschen(D) lernen in Mexiko

Interkulturelle Kompetenz in internationalen Organisationen

In der Praxis lernen zu forschen und forschend lernen: Die Intensität dieses Lehrkonzepts erlebten die Teilnehmer/innen des Masterseminars „Organisationale Strukturen im internationalen Vergleich“ während ihrer Reise nach Mexiko-City. „Ich habe in den zehn Tagen so viel gelernt wie sonst in einem kompletten Semester. Die Eigenmotivation, sich mit den Inhalten des Seminars auseinanderzusetzen, ist viel höher.“, sagt Studentin Riccarda Nagel. Hintergrund der Studienreise ist ein Forschungsprojekt von Prof. Dr. Ludger Pries und Dr. Martina Maletzky (Lehrstuhl für Soziologie/Organisation, Migration, Mitbestimmung) in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für vergleichende Erziehungswissenschaft.

Seit Anfang 2011 untersucht die Forschungsgruppe in einem DFG-Projekt die Mobilität des Personals großer Unternehmen zwischen Deutschland und Mexiko. Dabei interessiert sie auch der Einfluss, den die Verschiedenheiten der jeweiligen Organisationsstrukturen, Kulturen und Institutionen auf solche interkulturelle Austausche haben. „Oft scheitert der internationale Austausch von Personal aufgrund von divergierenden Organisationsstrukturen und mangelnder interkultureller Kompetenz“, erklärt Ludger Pries, „darum widmen wir uns dieser Problematik“.

Private Kontakte

„Die Unterschiede zwischen deutschen und mexikanischen Strukturen sind signifikant“, sagt Martina Maletzky. „Wir haben herausgefunden, dass in mexikanischen Unternehmen und Organisationen die sozialen Netzwerke um eine Person bedeutend sind. Dagegen sind in Deutschland die beruflichen Qualifikationen eines Menschen so relevant wie in kaum einem anderen Land.“ Warum in Mexiko vor allem die informellen Kontakte einer Person interessieren, lässt sich vermutlich auf zwei Gründe zurückführen: Erstens spielen persönliche Vertrauensbeziehungen, z.B. in Form von Patenschaften (compadrazgo-System), für alle Lebensbereiche eine wesentlich größere Rolle als in Deutschland. „Zweitens bildet das mexikanische Ausbildungssystem nur begrenzt für den tatsächlichen Bedarf von Unternehmen aus. Deshalb können die Unternehmen bei der Einstellung weniger auf formale Zertifikate vertrauen und setzen eher auf ‚extra-funktionale Qualifikationen‘, die über das persönliche Umfeld der Personen erhoben werden“, so Ludger Pries.

Um die Erforschung solch spannender Themen genauer kennen zu lernen, erhielten Studierende der Sozialwissenschaft und der Erziehungswissenschaften die Chance, am Seminar und damit der Studienreise nach Mexiko-City teilzunehmen. Während der Reise lernten die neun Studierenden und die mitgereisten Projektbegleitenden nicht nur methodisches Forschen und mexikanische Profit- und Non-Profit-Organisationen kennen. Sie erkundeten in einem vorbereiteten Programm auch die Stadt und lernten Studierende der Universität Autónoma Metropolitana in Mexiko-City kennen.

Experteninterviews

Nachdem die Studierenden inhaltlich in mögliche Ausprägungen von Organisationsstrukturen eingeführt worden waren, bekamen sie Gelegenheit, ihren Beitrag zum Forschungsprojekt zu leisten. Martina Maletzky betont: „Wir wollten die Studierenden an die Forschung andocken.“ Sie hörten Vorträge von Mitarbeiter/innen u.a. von Bosch und der Friedrich-Ebert-Stiftung und erfuhren viel über die Strukturen mexikanischer Organisationen. In Kleingruppen aufgeteilt durften sie an sog. Experteninterviews teilnehmen und sich einbringen. Hier konnten die Studierenden in der Praxis ihr Methodenwissen anwenden.

Unterstützt und begleitet wurde die Studienreise durch das PROMOS-Programm des International Office der RUB. Derzeit bereiten die Seminarteilnehmer die erhobenen Daten auf. Ende Januar wird das Seminar mit den Präsentationen durch die Studierenden abgeschlossen. Ihr Feedback lässt deutlich erkennen, wie Seminare mit Praxisbezug und internationaler Ausrichtung sowohl Lehre als auch Forschung bereichern. Florian Wittling: „Die Reise war sowohl aus fachlicher als auch aus persönlicher Sicht ein Erlebnis, das ich in meinem Leben nicht missen will.“

Tabea Steinhauer; Foto: privat | Themenübersicht