RUBENS Nr. 158 - 1. Februar 2012
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Krimi & Philosophie

Doppelpack: Zwei Rezensionen

Äußerst verstörend
Theo Pointner, bis vor kurzem im LWL-Klinikum der RUB beschäftigt, hat einen neuen Krimi geschrieben. Wie gehabt steht Kriminalkommissarin Katharina Thalbach vom KK 11 im Blickpunkt. Seit Ende der 90er-Jahre ermittelt sie zusammen mit ihren Kollegen Hofmann, Gassel, Schäfer & Co. in Bochum. Mittlerweile ist Katharina 40 und steht privat wie beruflich am Scheideweg. Doch bevor sie sich für einen Weg entscheiden kann, muss sie einen psychopathischen Mehrfachmörder hinter Gitter bringen.

Der Leser lernt den künftigen Mörder bereits im Prolog kennen, wie er als Elfjähriger allein in seinem Zimmer das Fußball-WM-Endspiel 1990 verfolgt – allerdings ohne großes Interesse, da er gerade das Kaninchen seiner kleinen Schwester zu Tode quält. 20 Jahre später sind es keine Kaninchen mehr, sondern Menschen. Man erfährt auch rasch, warum der Psychopath sich besonders grausame Szenarien ausdenkt: Nur wenn er attraktive Frauen leiden sieht, ist er sexuell erregt. Also entführt er zunächst die 15-jährige Svenja, foltert sie mehrere Tage lang, zeichnet das alles mit der Digitalkamera auf und bringt Svenja schließlich um. Mit einer DVD, auf der Svenjas Leiden festgehalten sind, und dem von Svenja entwendeten Schlüssel dringt er ein paar Nächte später bei der trauernden Mutter ein…

Das wird zwar aus Sicht des Psychopathen geschildert, allerdings nicht allzu detailliert. Es ist andererseits auch ohne Details reichlich pervers und dem einen oder anderen Leser vielleicht eine Spur zu heftig. Außerdem ist es nur die Generalprobe für die eigentliche Aufführung, von der sich der Psychopath den ultimativen sexuellen Kick erhofft. Kaum vorstellbar, dass ihm etwas noch Grausameres einfallen könnte…

In Thriller-Manier lässt Pointner uns abwechselnd am sadistischen Werk des Täters teilhaben oder an den fieberhaften Ermittlungen im KK 11. Diese laufen lange komplett in die falsche Richtung, fördern dennoch im Umfeld des ersten Opfers Svenja jede Menge Kriminelles zu Tage; auch hier dreht sich alles um Sex und Gewalt.
Wer mag, kann das Buch auch als Wer-War-Es-Krimi lesen. So bringt man sich zwar um eine nette Überraschung kurz vor Schluss. Die – sozusagen – beiden Enden dieses Buches bleiben gleichwohl äußerst verstörend.

Info: Theo Pointner: „Abgesang“, Grafit-Verlag, Dortmund 2011, 314 Seiten, 9,99 Euro.

 

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Philosoph mit Löwen
Ein Philosoph, den es wirklich gegeben hat, steht im Mittelpunkt dieses Romans: Hans Blumenberg, zur Zeit der Romanhandlung (Anfang der 1980er-Jahre) Professor in Münster. Er ist ein leidenschaftlicher Nachtarbeiter, der sich offenbar weitgehend von der Welt abgewandt hat. Doch dann liegt plötzlich ein etwas in die Jahre gekommener Löwe vor ihm auf dem Teppich. Der Löwe begleitet den Philosophieprofessor fortan nicht im eigenen Arbeitszimmer, sondern auch in den Hörsaal und auf Ausflügen. Blumenberg (und mit ihm der Leser) fragt sich, ob es sich beim Löwen um ein Spiegelbild handelt, ein Phantasiegebilde oder eine Wirklichkeit gewordene Metapher? Zunächst scheint nur Blumenberg den Löwen zu sehen. Und doch verändert das Auftauchen des Löwen nicht nur das Leben des Philosophen, sondern letztlich auch das von vier seiner Studenten...

Die kürzlich mit dem Ricarda-Huch-Preis der Stadt Darmstadt ausgezeichnete Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff beleuchtet die teils dramatischen Schicksale aller fünf Figuren mit großer sprachlicher Souveränität. ad

Info: Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 220 Seiten, 21,90 Euro.

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