RUBENS Nr. 157 - 4. Januar 2012
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Floer Power

Floer Forschungszentrum für Geometrie eröffnet

Als der RUB-Absolvent Andreas Floer 1986 die nach ihm benannte „Floer-Homologie“ entdeckte, hielt eine Reihe weltweit führender Geometer seine Theorien für unmöglich. Floer selbst erklärte: „20 Jahre werden nötig sein, bevor sie verstanden werden.“

Floers zukunftsweisende Beiträge zur Mathematik beeinflussen die Bereiche der symplektischen Geometrie noch immer und erzeugen mathematische Werkzeuge wie den „Floer-Komplex“ und die „Floer-Theorie“ sowie zahlreiche Forschungsprogramme, unter ihnen „Floer Power”. „Das Konzept der Floer-Homologie ist eine der bemerkenswertesten Entwicklungen in der Differenzialgeometrie der letzten 20 Jahre”, erklärte Simon Donaldson 2002. Donaldson, Forschungsprofessor der Royal Society am Imperial College London, sagte weiter: „Diese Ideen haben zu großartigen Fortschritten in den Bereichen der niederdimensionalen Topologie und der symplektischen Geometrie geführt und sie sind eng mit den Entwicklungen der Quantenfeldtheorie verbunden.“

Feierliches Kolloquium

Im Dezember 2011, zwei Jahrzehnte nach dem tragischen Tod von Floer, feierte die Fakultät für Mathematik die Eröffnung des „Floer Forschungszentrums für Geometrie“ mit einem Kolloquium. Helmut Hofer, ein Freund, Kollege und Mitarbeiter von Floer und heute Professor an der School of Mathematics in Princeton, hielt einen zweiteiligen Vortrag über „From Symplectic Geometry to Symplectic Dynamics“. Darin skizzierte er den historischen Hintergrund der Floer-Homologie und erläuterte die erstaunlichen Ideen von Floer. „Anfangs wurden sie unterschiedlich aufgenommen“, so Hofer. „Einige hielten sie schlicht für falsch. Andere bezeichneten sie als überaus aufregend. Ich glaube, dass diese Reaktionen bereits auf eine neue Entwicklung hingewiesen haben. Und es gibt eine gute Botschaft für die Studenten“, sagte er: „Ich bin überzeugt, dass Sie – wenn Sie etwas tun und, vorausgesetzt natürlich, dass Sie es richtig tun – ein extremes Spektrum von Reaktionen erhalten, von Ungläubigkeit bis hin zur Aufgeregtheit. Und das sollte ermutigend sein, ermutigender noch als eine einheitliche positive Reaktion.”Andrew Ranicki, Professor für algebraische Chirurgie an der University of Edinburgh, hielt den zweiten Vortrag. Er war es auch, der ursprünglich die Idee des Floer-Forschungszentrums für Geometrie hatte. „Im November 2008 besuchte ich Bochum, um an einer Topologie-Konferenz teilzunehmen“, erinnert sich Ranicki. „In einem Gespräch mit Gerd Laures schlug ich die Gründung eines Geometrie-Zentrums mit der Bezeichnung Floer vor. Ich freue mich daher sehr, dass Gerd diesen Vorschlag aufgenommen und die Realisierung unterstützt hat.“

„Das Zentrum bündelt die Geometrie-Kompetenzen in der Fakultät für Mathematik“, sagte jener Gerd Laures, Professor für Topologie an der RUB, in seiner Eröffnungsrede. „Das Zentrum verfügt über neun Professoren und viele Postdoktoranden und Doktoranden aus verschiedenen Bereichen der Geometrie, der Algebraischen Geometrie, der Komplexen Geometrie, der Topologie und der Lie-Theorie. Das Zentrum organisiert Workshops und Konferenzen und die Floer-Gedenkvorträge, die heute beginnen und jährlich stattfinden.“ Laures wies darauf hin, dass das Zentrum vom SFB Transregio TR12, von der Ruhr-University Research School und dem Graduiertenkolleg 1150 unterstützt werde.Stefan Nemirovski (RUB und Steklow Institut St. Petersburg) war dritter Hauptredner. „Ich hatte gerade mit meinem Grundstudium begonnen, als die Ideen von Floer bekannt wurden“, erinnerte er sich. „Seitdem bin ich immer wieder auf seine Arbeit gestoßen und habe seine Ergebnisse selbst verwendet.“

Radikale Individualität

Floer machte sein Diplom in Bochum und schrieb seine Diplomarbeit (Topologie) 1982 bei Prof. Ralph Stöcker. 1984 erhielt er seinen Doktorgrad; seine Doktorarbeit „Proof of the Arnold conjecture for surfaces and generalizations for certain Kähler manifolds” wurde von Prof. Eduard Zehnder betreut. Anschließend arbeitete Floer als Forschungsassistent in Berkeley, er erhielt ein Postgraduiertenstipendium für mathematische Physik an der State University of New York und wurde Dozent am Courant Institute an der New York University. Schließlich kehrte er nach Berkeley als Assistant Professor zurück, wurde später zum Professor berufen, bevor er 1990 als Professor nach Bochum zurückkehrte.

Als begabter Mathematiker und komplexe Persönlichkeit stellte Floer nach Meinung eines Freundes „eine radikale Individualität“ dar. Er besaß auch einen ganz eigenen Sinn für Humor. Auf einem seiner Lieblings-T-Shirts stand ein Zen-Sprichwort: „Those who tell don’t know. Those who know don’t tell.“ Offenbar trug Floer dieses T-Shirt besonders gern, wenn er Unterricht gab. Er analysierte die Welt um sich herum kritisch und ließ Konvention und Autorität vollkommen unberücksichtigt. Zu seinen revolutionären mathematischen Ideen konnte er nur mit diesem Impetus gelangen und seine Ideen können nur in diesem Zusammenhang verstanden werden.

Text: Siobhan Roberts (die Journalistin und Autorin arbeitet zusammen mit Helmut Hofer an einem Buch über Andreas Floer.

 

jw; Foto: Nelle | Themenübersicht