RUBENS Nr. 157 - 4. Januar 2012
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Aus der Werkstatt der Wissensforschung

Besuch bei der Mercator Forschergruppe „Räume anthropologischen Wissens“

Wie entsteht das Wissen über den Menschen, wie verändert es sich im Laufe der jüngeren Geschichte und wie wird es weitergegeben? Diesen Fragen geht seit 2010 die Mercator Forschergruppe (MRG2) „Räume anthropologischen Wissens: Produktion und Transfer“ nach. Ein interdisziplinäres Team beleuchtet die Zeit vom 19. Jahrhundert bis heute. Zu den „Räumen“, in denen sich die untersuchte Wissensproduktion und -zirkulation vollziehen, gehören vor allem Literatur, Politik, Medien und Lebenswissenschaften.

Die Forschung der MRG2 ist in vier AGs aufgeteilt, die von jungen, hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen geleitet werden. Das ist zugleich das Prinzip der von der Stiftung Mercator und RUB konzipierten Gruppen: Junge Professor/innen bilden ein unabhängiges, interdisziplinäres und gut ausgestattetes Forschungsteam. Dass zur MRG2 ausschließlich Frauen gehören, war nicht geplant: Um die heiß begehrten Professuren hatten sich auch Männer beworben. Doch in einem dreitägigen Auswahlsymposium im November 2009 konnten sich vier Frauen durchsetzen: Prof. Dr. Christina Brandt (AG Geschichte der Lebenswissenschaften und philosophische Anthropologie), Prof. Dr. Dr. Yvonne Wübben (AG Literatur und anthropologisches Wissen), Prof. Dr. Anna Tuschling (AG Medien und anthropologisches Wissen) und Prof. Dr. Estrid Sørensen (AG Kulturpsychologie und anthropologisches Wissen).

Gemeinsam mit derzeit fünf Doktorand/innen wollen die vier Professorinnen Konzepte des Humanen in Kultur und Wissenschaften untersuchen und einen Überblick über die anthropologische Wissensbildung erarbeiten. Dazu vergleichen sie interne und externe Dynamiken der verschiedenen „Räume“ sowie ihre Überlagerungen mit Bereichen kultureller Produktion vom 19. Jahrhundert bis heute. Betrachtet werden dabei auch die jeweiligen Medien und Technologien, die zur Wissensbildung und -vermittlung dienen und dienten: Bücher, Fotografie, Film, Digital Imaging u.a.

Grundstoff unseres Lebens

Mittels Fallstudien aus der Geschichte der Lebenswissenschaften erforscht die AG von Christina Brandt Transformationsprozesse des anthropologischen Wissens im 20. Jahrhundert. „Wie wirken sich Erkenntnisse in Biologie und Medizin auf das Bild vom Menschen in Philosophie und Gesellschaft aus? Diese Frage möchten wir interdisziplinär erforschen“, erklärt Brandt. Die Geschichte des Klonens und dessen Auswirkungen auf anthropologische Reflexionen im 20. Jahrhundert stellen einen Forschungsschwerpunkt der Gruppe dar.

Yvonne Wübbens Gruppe möchte herausfinden, wie der kulturelle Austausch zwischen der Literatur und den Humanwissenschaften, insbesondere der Psychiatrie, funktioniert. „Wir befassen uns mit dem Wissen vom Menschen um 1900. Vor allem interessieren uns Darstellungen und Erzählungen in Psychiatrie-Lehrbüchern“, erklärt die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Ärztin.

Anna Tuschlings Team zeichnet die Entwicklung moderner Affektkonzepte im fotografischen Zeitalter (ab Mitte des 19. Jahrhunderts) nach und verfolgt deren Standardisierung hin zu einer sog. Basisemotion und zum codierten „Facial Affect“ im 20. Jahrhundert. „Besonders im Blick haben wir die standardisierte Affektdarstellung als Stimulus in der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung und im Affective Computing“, erläutert die Medienwissenschaftlerin und Psychologin.

Estrid Sørensens Team schließlich untersucht, wie das Wissen über die Verletzlichkeit von Kindern durch Gewaltspiele zustande kommt. „Durch die Erforschung der Wissensproduktion, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik, und in der alltäglichen Lebenswelt der Kinder selbst, hoffen wir zu einem umfassenden Verständnis der vielfältigen gegenwärtigen Produktion und Zirkulation von anthropologischem Wissen beitragen zu können“, stellt die Kulturpsychologin in Aussicht.

Seniorforscher

Zur Gruppe gehört dieses Semester mit Prof. Dr. Wolfgang Beilenhoff auch ein renommierter Filmwissenschaftler, der 17 Jahre lang Professor am Institut für Medienwissenschaft der RUB war. Zurzeit forscht er am IKKM Weimar (Internationales Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie). Doch für dieses Wintersemester ist Beilenhoff als „Senior Scientist“ (s. Kasten) nach Bochum zurückgekehrt, von den Professorinnen eingeladen, um intensive Forschungsgespräche mit ihm führen zu können. Beilenhoff hat ein Büro im FNO (dem Sitz der Forschergruppe) und trifft sich regelmäßig mit dem Forscherteam.

Als optimale Form dieser Treffen hat sich das sog. Werkstattgespräch herauskristallisiert: Alle zwei Wochen kommen Professorinnen, Doktorand/innen und der Seniorforscher zusammen und verbringen einen Nachmittag im Besprechungsraum. Im Mittelpunkt steht immer eine der Doktorarbeiten. Heute geht es um die Arbeit der Medizinerin und Philosophin Miriam Eilers, die in der AG von Prof. Brandt entsteht. Die Doktorandin erforscht die Geschichte populärmedizinischer Darstellungen des Menschen am Beispiel von Fritz Kahn. Auf dem Tisch liegt eines der bekanntesten Werke des Arztes und Wissenschaftsautoren: das Plakat „Der Mensch als Industriepalast“; es gehört zum in den 1920er-Jahren entstandenen Zyklus „Das Leben des Menschen“.

Schnell wird klar, dass sich keineswegs nur die direkt Involvierten für das Thema begeistern. Stattdessen beteiligen sich alle lebhaft und kenntnisreich am Gespräch. Immer wieder neue Aspekte aus Filmwissenschaft, Kunstgeschichte, Soziologie, Medizin, Literatur usw. kreisen um das Plakat, ordnen ein, vergleichen, verstärken oder schränken ein. Dabei ist das Gespräch äußerst konstruktiv und findet auf Augenhöhe statt. Das Wort des Doktoranden zählt ebenso viel wie das des arrivierten Forschers. Überhaupt ist der Umgang miteinander in der MRG2 kollegial. „Bei uns gilt das Prinzip der offenen Tür“, sagt Anna Tuschling. Die Doktorand/innen können sich jederzeit mit ihren Fragen an die Professorinnen und den Seniorforscher wenden. Auch die studentischen Hilfskräfte und die Sekretärin Ute Hoffmann sind gleichberechtigt ins Team integriert.

Alle an einem Tisch

Im Werkstattgespräch landet die Diskussion schließlich auch kurz bei den Arbeiten der anderen Doktorand/innen. Literaturwissenschaftlerin Sabine Ohlenbusch aus Prof. Wübbens AG forscht über die einzelfallbezogenen Schreibpraktiken Richard von Krafft-Ebings und durchforstet dazu Nachlass, Lehrbücher und Gutachten des Psychiaters und Rechtsmediziners. Kulturanthropologe Julian Meyer und Politologe Jan Schank (beide in Prof. Sørensens AG) analysieren auf unterschiedliche Weise Wissen über Computerspiele: Meyer taucht tief in den Ego-Shooter „Call ofDuty“ ein, das den 2. Weltkrieg als Szenerie nutzt. „Welches Wissen über den 2. Weltkrieg wird über das Spielen in die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen transportiert?“, fragt er. Schank verfolgt die Regulierung von „Call ofDuty“ und anderen Computerspielen. „Ähnlich der Altersfreigabe für Filme gibt es auch hier eine freiwillige Selbstkontrolle, die USK, Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“, so der Doktorand. Er wertet u.a. Gutachten der USK aus und schreibt über die Praktiken, durch die die Gutachter ihr Wissen über die Gefährdung von Spielen erreichen.

„Natürlich überschneiden sich unsere Arbeiten hier und da und wir profitieren ganz konkret voneinander“, erklärt Julian Meyer. „Das funktioniert allerdings bei all unseren Themen: Wir können das Wissen und die Erkenntnisse der anderen immer hervorragend für die eigene Arbeit gebrauchen“, ergänzt der Medienwissenschaftler Uwe Wippich. Seit April 2011 arbeitet er in der AG von Prof. Tuschling an seiner Dissertation „Zur (paradoxen) Medialität des lebendigen Herzens“.

Die Doktorand/innen loben auch die anderen Aktivitäten der MRG2: Dazu zählen Gastvorträge und Workshops mit internationalen Expert/innen oder das Forschungskolloquium. 14-tägig halten im Wechsel Professorinnen, Doktorand/innen, der Senior sowie Gastwissenschaftler/innen gut besuchte Vorträge. Zum zweiten Mal veranstaltet zudem Prof. Wübben zusammen mit dem Germanisten Prof. Carsten Zelle im Wintersemester die interdisziplinäre Ringvorlesung „Krankheit schreiben“. Auch die Sozialwissenschaft profitiert von der MRG2: Zusammen mit Prof. Dr. Jürgen Straub und Dr. Pradeep Chakkarath hat Prof. Sørensen die Hans-Kilian Vorlesungsreihe zur „sozial- und kulturwissenschaftlichen Psychologie und integrativen Anthropologie“ initiiert. Im Sommer führte Prof. Tuschling gemeinsam mit dem Psychologen Prof. Lars Kuchinke die Tagung „Warum Emotion?“ über Konzepte des Emotionalen und Affektiven in den verschiedenen Wissenschaften durch.

„Ich denke, in diesem ersten Jahr haben wir schon einiges erreicht“, resümiert Tuschling. Auch für die kommenden Jahre sind bereits jetzt zahlreiche Aktivitäten geplant, u.a. ein intensives Forschungsseminar und eine international hochkarätig besetzte Spring School zum Thema: „What it means to be human in the 21st century life sciences“. Dabei soll untersucht werden, wie die Lebenswissenschaften und Neurowissenschaften neue Vorstellungen des Humanen und Posthumanen prägen und nicht nur Erkenntnisse über den Menschen sammeln, sondern humanes Leben verändern.

 

MRG 1 & 2

In einem gemeinsamen Projekt mit der Stiftung Mercator hat die RUB im Jahre 2010 zwei „Mercator Forschergruppen“ eingerichtet, die ein wichtiger Baustein des Research Campus RUB sind. Drei bis vier junge Professor/innen bilden jeweils ein unabhängiges, interdisziplinäres Team, gut ausgestattet mit Infrastruktur, Personal und Mitteln. Zum Konzept gehört auch die Möglichkeit, erfahrene Forscher/innen („Senior Scientists“) einzuladen um gemeinsam über längere Zeit zusammen zu arbeiten.
Die Gruppe MRG 1„Struktur des Gedächtnisses“ arbeitet seit Januar 2010. Neurowissenschaftler/innen und Philosoph/innen untersuchen episodische und semantische Gedächtnis-Prozesse und ihre Beziehungen zu anderen kognitiven Funktionen. Die kultur- und sozialwissenschaftliche Forschergruppe MRG 2 „Räume anthropologischen Wissens: Produktion und Transfer“ ist seit Ende 2010 vollständig. Sechs Jahre lang werden beide Gruppen mit insgesamt 10 Mio. Euro gefördert.

ad; Foto: Nelle | Themenübersicht