Na, logisch!
Humboldt-Stipendiat Roberto Ciuni verknüpft Logik und Philosophie
Der Wissenschaftstheoretiker Karl R. Popper fragte einst: „What can logic do for philosophy?“ Fragt man den Philosophen Roberto Ciuni, wäre die erste Antwort wahrscheinlich „Viel“. Logisch, ansonsten würde der Humboldt-Stipendiat kaum vor sich rechtfertigen können, genau in diesem Bereich zu forschen.
Roberto Ciuni ist mit einer guten Idee aufgewacht. Ob ihm das öfter passiert? „Manchmal“, lächelt er. Er habe aber noch keine Zeit gehabt, die Idee weiterzudenken, es sei einfach so viel anderes zu tun. Überhaupt hatte er wenig Zeit zuletzt. Der Humboldt-Stipendiat ist seit Oktober in Bochum. Von der Stadt hat er noch nicht viel gesehen, er wurde sofort aktiv eingebunden ins Geschehen am Arbeitsbereich Logik und Erkenntnistheorie (Institut für Philosophie II der RUB). „Es ist aber definitiv positiver, aufregender Stress“, betont er.
Ciuni ist Philosoph. Aber keiner, der sich mit seinen Büchern oder Fachkollegen in den Elfenbeinturm zurückzieht und abstrakt über das Weltgeschehen reflektiert. „Es ist ein Trend in der Philosophie, dass sie sich der Anwendbarkeit ihrer Forschung öffnet, anstatt dass man nur kommentiert oder über Überirdisches spricht”, beschreibt er. Als Kind hatte Roberto Ciuni den gleichen Berufswunsch wie viele seiner Altersgenossen: Er wollte Feuerwehrmann werden. Doch ebenso gut hatte er sich vorstellen können, Papst zu werden. „Die großen Gesten haben mich fasziniert“, lacht er. Doch schließlich hat sich der aus Palermo stammende Ciuni für ein Philosophiestudium entschieden. „Es hat mich einfach mehr fasziniert.“
Zweimal Pisa
Neben dem Bachelorstudium an der Università di Pisa wurde Ciuni zum Studium an der Elitehochschule Scuola Normale Superiore in Pisa zugelassen. Der Philosoph empfindet das heute noch als Glücksgriff: „Hier habe ich mich das erste Mal mit dem formal-logischen Ansatz der Philosophie beschäftigt.“ Genau diese Methodik zieht sich seitdem wie ein roter Faden durch seine akademische Laufbahn. Dabei war diese Art des philosophischen Denkens alles andere als etabliert, als er sich für die Vorlesung „Logik in der Philosophie“ entschied. „Der Professor hat mich begeistert. Das Thema somit auch.“ Zu seinem derzeitigen Forschungsthema, der angewandten Modallogik, ist er bei einem Forschungsaufenthalt in Delft gekommen. „Dort hat das Abenteuer begonnen, das mich letztlich nach Bochum gebracht hat”, schmunzelt Ciuni. Hier beschäftigt er sich vornehmlich mit „Logics of Agency”, genauer gesagt: der STIT-Logik (see to it that) nach Nuel Belnap, die der Spieltheorie ähnelt. Die STIT Logik berücksichtigt einerseits, was Individuen tatsächlich tun und andererseits, was sie tun könnten. Sie untersucht erreichte Ergebnisse auf logische Fehler. Da die formale mathematische Logik ein strenges Tool bietet, um Argumente zu überprüfen, überrascht es nicht, dass die Logics of Agency die Sprache der mathematischen Logik nutzt.
Ein einheitliches Begriffsverständnis davon, was Logik ist, gibt es nicht. „Jeder Forscher seine eigene Definition“, sagt Ciuni. Er auch? „Nein, ich übernehme die Ansätze von anderen“, lacht er. Gemeinhin will Logik einen Rahmen für korrekte Argumentationslinien geben. „Wenn man mit richtigen, wahren Voraussetzungen startet, dann kann man – wenn man der Logik folgt – am Ende nicht falsch liegen“, beschreibt der Italiener.
Logik vor Gericht
Anhand eines Tools will er ex-post beurteilen, ob eine Argumentation dem Gesetz der Logik folgt oder ob sie noch mal überdacht werden muss. Ciuni bleibt nicht abstrakt, wenn er dem Laien sein Thema nahe bringen will: „In jedem Gerichtsprozess müssen Staatsanwälte und Richter beurteilen, ob eine Person für ein Verbrechen verantwortlich ist oder nicht. In der Regel sind Verfahren und Beweisführungen unendlich komplex. Wäre es da nicht sinnvoll, ein formales Tool zur Hand zu haben, dass im Nachhinein überprüft, ob z.B. der Richter angemessen geurteilt hat?“ Immerhin sei es möglich, dass der Richter in seiner Argumentation einen logischen Fehler gemacht hat. „Man überlege einmal, wie viele Verfahren wiedereröffnet werden können – nicht nur, weil es eine neue Beweislage gibt, sondern weil das Urteil kein logischer Schluss aus der Beweisführung war.“
Ciuni schaut sich insbesondere das Zusammenspiel verschiedener Elemente einer Logik an: Wissen (verfüge ich über das Wissen um einzuschreiten), Können (bin ich in der Lage einzuschreiten), Pflichten (sollte ich einschreiten) und Handlungen. Er will auch untersuchen, wie verschiedene Kombinationen dieser Elemente die moralische oder rechtliche Verantwortung eines Individuums für ein Ergebnis beeinflussen. Dabei will Ciuni sich Fällen des nachlässigen Verhaltens und des wiederholten Spielens zuwenden und untersuchen, wie die Verantwortung für ein Ergebnis zwischen den beteiligten Parteien aufgeteilt werden kann und sollte.
Prof. Heinrich Wansing, mit dem Ciuni in den nächsten beiden Jahren zusammenarbeitet, teilt die Begeisterung für die STIT-Logik. „Er ist wohl der beste Partner, mit dem ich meine Forschungsidee umsetzen kann.“ Während seiner Zeit in Bochum möchte Ciuni zudem ein internationales Netzwerk auf- bzw. auszubauen. „Austausch ist so wichtig für uns Wissenschaftler. Man muss aber auch akzeptieren, dass man widersprüchlicher Ansicht sein kann. Manchmal ist es zwar anstrengend, immer wieder neu über eine Sache nachzudenken. Am Ende verbessert man sich damit aber.”
Wiebke Rasmussen; Foto: Nelle | Themenübersicht

