RUBENS Nr. 156 - 1. Dezember 2011
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Rot wie Blut

Serie Campus & Kunst

Mit der Kunst am Bau ist das so eine Sache. Manchmal verursacht sie einen Skandal, manchmal nur Desinteresse. Das gilt zum Teil auch für die Kunst an der Ruhr-Universität. Diese RUBENS-Serie zeigt, dass die Werke auf dem Campus einen fantastischen Querschnitt durch die Kunst der 60er- und 70er-Jahre bieten. Diesmal widmen wir uns dem Wandbild von Rupprecht Geiger im Gebäude MA.

„…so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarz wie Ebenholz...“ Rot wie Blut – und das im Medizin-Gebäude? Nimmt man Blut, Leben und Tod als Assoziationen zu Rot, so drängt sich der Verdacht auf, dass der Standort für das dreiteilige Wandbild aus monochromen Farbfeldern von Rupprecht Geiger im MA (Hörsaaltrakt) nicht zufällig gewählt wurde. Und obwohl die Worte Blut und Rot im Hebräischen sogar den gleichen Ursprung haben, adom für Rot und dam für Blut, lassen sich zu dieser Farbe zahlreiche weitere Verknüpfungen finden. Neben den unzähligen vergleichenden Farbnamen wie scharlachrot, feuerrot, rubinrot und weinrot existiert auch eine Vielzahl an symbolischen Bedeutungen wie zum Beispiel Zorn, Energie, Macht, Gefahr, Wärme, Wut und Liebe.


Autorität der Farbe

Für den Künstler Geiger ist nicht die symbolträchtige Bedeutung von Rot allein entscheidend, sondern die Farbe selbst. Vor allem die Leuchtfarbe Rot ist durch die Intensität und Konsequenz innerhalb seines malerischen Werks zum Synonym für seine Malerei geworden. „Ich habe konsequent mit meinem Werk mein Ziel verfolgt, die Autorität der Farbe zu ergründen, ihre Autonomie, ihren Eigenwert zu zeigen. Ich glaube, ich habe das erreicht.“
Auch die dreiteilige Wandgestaltung von 1974/75 (Ohne Titel) zeigt auf zwei Flächen von jeweils 9 m Länge mittels vier Farbfeldern einen roten Farbverlauf, der sich in leuchtender Intensität zur Mitte hin steigert. Die Strahlkraft dieser Farbfelder resultiert aus der Verwendung spezieller Tagesleuchtfarben, die mit fluoreszierenden Pigmenten versetzt sind. Zudem erfolgt das Aufbringen der Farbe bei Geiger seit 1965 vorwiegend mit Hilfe einer Spritzpistole, wodurch ein gleichmäßig intensiver, fast schon anonymer, Farbauftrag entsteht. Die dritte zurückliegende, mittlere Fläche mit einer Größe von 3,35 x 5 m stellt neben das leuchtende Rot nicht weniger beeindruckend ein tiefes, dunkles Blau. Geiger fertigte innerhalb seines Gesamtwerks eine Reihe von zweifarbigen Bildern, die sich mit der Konfrontation warmer und kalter Töne beschäftigten. So wird auch hier durch das Nebeneinander von Rot und Blau die Leuchtkraft des Rots zusätzlich verstärkt. Die spiegelgleiche Wiederkehr der Farbfolge auf beiden Seiten erzeugt im Vorbeigehen das Erlebnis vom An- und Abklingen des Farbraums.

Die Form dient der Farbe

Geiger zählt zu den deutschen Vertretern der Abstrakten Kunst. Die Abkehr vom Gegenständlichen war für ihn die einzig logische Konsequenz aus den Erlebnissen der NS-Zeit, aus dem „Ekel vor den Dingen, die auf den Menschen bezogen sind. Noch immer tragen wir schwer an den Folgen einer zwölfjährigen Kulturfinsternis.“ Als radikales Ziel sollte die Form um der Farbe willen überwunden werden. Rot ist eine Farbe mittlerer Helligkeit, die sich in der Mitte des Farbkreises nach Johannes Itten von 1961 zwischen dem extrem hellen Gelb und dem dunkelsten Blau, gegenüber dem mittleren Grün, befindet. Während die meisten Säugetiere Schwierigkeiten haben, die Farbe wahrzunehmen, reagiert das menschliche Auge auf Rot sehr empfindlich. Nahezu alle Maler, u.a. Yves Klein, die sich in ihrer Kunst auf eine Farbe beschränkten, haben die Bindungen des Bildes und seiner Präsentation immer wieder hinterfragt – so auch Geiger. Er ist gelernter Architekt, als Maler war er Autodidakt. Diese Kombination erklärt vielleicht seine Suche nach dem Konkreten und die Vorliebe für die strenge Form. Aber die tatsächliche Begegnung von Maler und Architekt realisiert sich in dem Moment, da die Formen in den Raum greifen und ihn durch Schwingung und intensive Farbe verwandeln. Letztlich hatte also auch bei ihm die Form häufig nur eine dienende Funktion – nämlich der Farbe bestmöglich zur Erscheinung zu verhelfen.

Bei den Gebrüdern Grimm als Teil des Ausgangsbildes für die besondere Schönheit Schneewittchens verwendet (s.o.), hat auch Rupprecht Geiger die Farbe Rot in eine neue Dimension geführt. Laut eines Tagebucheintrags von 1945 versuchte er zu ergründen, ob nicht die „Schönheit der Farbe“ uns die „kosmische Wahrheit“ bringen könnte. Eins bleibt in jedem Fall festzuhalten: „Rot ist schön.“

Alexandra Apfelbaum; Foto: Presseamt Stadt Bochum | Themenübersicht