RUBENS Nr. 156 - 1. Dezember 2011
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Vorurteile abbauen

Muslimische Studierende wollen Austausch fördern

Im Sommersemester 2007 gründeten muslimische Studierende die Islamische Studierendenvereinigung Bochum (ISV), um ihren Beitrag zur Verständigung zwischen den Religionen zu leisten. Ihre Arbeit ist ziemlich anstrengend, durchaus notwendig und – glücklicherweise – manchmal erfolgreich.

Das Vorurteil ist der Bösewicht der Weltgeschichte, sagte Peter Ustinov. Als Waffe benutze das Vorurteil die blanke Unkenntnis. Was Ustinov damit sagen wollte: Vorurteile gegenüber Menschen, die „anders“ sind als man selbst, entstehen durch Unwissenheit über und mangelnden Kontakt mit dem, was fremd erscheint. Was also tun, um diesen Bösewichtern zu begegnen? Die Sozialpsychologie empfiehlt: Kontakt herstellen und miteinander voneinander statt ohne einander übereinander reden.

Ähnlich haben ein paar Studierende der RUB gedacht, die es leid wurden, Blicke zu spüren, nur weil sie ein Kopftuch tragen, weil sie fremdländisch aussehen oder eine andere Sprache sprechen: Sie gründeten 2007 die Islamische Studentenvereinigung Bochum, hinter der die studentische Initiative ISV steht. Die Gruppe will den Kontakt zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen fördern, offen über ihren Glauben sprechen, zum Austausch und zum Voneinander-Lernen anregen. Kurz: Sie will helfen, Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen.


Vorrangig Austausch

Die ISVler sehen sich nicht als religiöse Gemeinschaft, sondern als Interessensgruppe. So wie andere in den Sportverein gehen um Sport zu treiben, engagieren sich die ISV-Mitglieder, um sich mit anderen über ihren Glauben auszutauschen. „Wir sind kein deutscher, türkischer oder arabischer Treffpunkt. Wir sind Muslime, die hier in Deutschland ihre Heimat haben und das nach außen transportieren wollen“, beschreibt Nouredin Aoulad Ali. Der 28-jährige Wirtschaftsstudent ist seit zwei Jahren bei der ISV aktiv und derzeit ihr Vorsitzender.

Der Weg, den die Vereinigung eingeschlagen hat, klingt theoretisch einfach, ist aber praktisch mit Stolpersteinen gepflastert. Auch als Vereinigung, die sich dem Abbau gängiger Vorurteile gegenüber Muslimen verschreibt, habe die ISV mit eben diesen zu kämpfen, so eine der Studentinnen aus dem Organisationsteam. Seit den Anschlägen in New York 2001 sei die Voreingenommenheit und das Misstrauen, das denjenigen entgegenschlägt, die arabischen Ursprungs sind und ihre Religion leben, noch stärker geworden, unterstreicht Aoulad Ali die Schwierigkeit, der sich die Vereinigung gegenüber sieht. Das Bild des Islam wird seitdem häufig schwarz-weiß gemalt; Muslime werden unter den Generalverdacht gestellt, Fanatiker zu sein.

Ein weiteres Vorurteil gegenüber Muslimen, das 2010 durch das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin Konjunktur erfuhr, hat Aoulad Ali dazu bewegt, sich neben der Uni für die ISV zu engagieren. „Viele sind doch der Überzeugung, dass praktizierende Muslime bildungsfern seien und keine Perspektive haben. Ich habe eine Berufsausbildung gemacht und bin nun an der Uni. Versteht man das als bildungsfern? Wir wollen zeigen: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ An 25 Hochschulen arbeiten Vereinigungen wie die ISV daran, das Bild des muslimischen Akademikers als Realität und Normalität in den Köpfen der Anderen zu verankern.


Offene Ohren

Eine Studentin aus dem Organisationsteam der ISV beschreibt, dass sie ihr Kopftuch erst seit zwei Monaten trage. Sie merke, dass sie deshalb angeschaut würde. Aber auch schon vorher habe sie die Blicke der anderen gespürt, „wohl wegen meiner dunklen Haare“. Insbesondere äußere Merkmale wie Kopftücher nehmen viele zum Anlass zu vermuten, dass Muslime sich durch die offene Zurschaustellung ihres Glaubens von der Gesellschaft abgrenzen wollen. Entsprechend sind offener Dialog und Aufklärung immer noch notwendig – und treffen manches Mal glücklicherweise den richtigen Nerv. Dies zeigt ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Eine hetzerische anti-islamische Schmiererei in einem Uni-Parkhaus veranlasste die ISV dazu, einen Vortrag zum „Feindbild Islam“ zu organisieren. 350 Studenten kamen; das zeigt, dass das Thema bei so manchem auf offene Ohren stößt.

Im letzten Semester hat die ISV neben den regelmäßigen Vorträgen zusätzliche Projekte ins Leben gerufen, bei denen das aktive Mitmachen im Vordergrund steht. „Es geht uns immer um Austausch, nicht um Frontalunterricht“, begründet Aoulad Ali diesen Schritt. Drei Projekte laufen in diesem Semester weiter: der Video-Channel, die Schreibwerkstatt und die Arbeit an einem Halāl-Foodguide. Für die Zukunft wünscht sich Aoulad Ali, dass sich mehr Nicht-Muslime für die Arbeit der Initiative interessierten, um dem gesetzten kosmopolitischen und interkulturellen Zielen noch besser entsprechen zu können.

Info: Eine offizielle Gelegenheit, sich mit der ISV zu treffen, gibt es am 12. Januar 2012. Dann kommt Prof. Bülent Ucar (Uni Osnabrück) zum Vortrag „Islamischer Religionsunterricht in Deutschland – Gegenwart und Perspektiven“ an die RUB. Interessierte sind herzlich eingeladen. Infos dazu und zur ISV.

Wiebke Rasmussen; Foto: iStock | Themenübersicht