Vom Dilemma der Menschheit
James Burton forscht an der RUB über Intellekt und Fantasie
Der Mensch ist das selbstzerstörerischste Lebewesen überhaupt: Völkermorde, Bürger- und Glaubenskriege, Massenvernichtungswaffen, Terroranschläge. Was aber sind die Gründe des Menschen für die Vernichtung der eigenen Spezies? Warum ist dieser brutale Drang ein tragisches Dilemma der Natur des Menschen? Damit beschäftigt sich der Humboldt-Forschungsstipendiat James Burton aus London. Er ist noch bis April 2013 am Institut für Medienwissenschaft der RUB (IfM). Dort wird er von Jun.-Prof. Dr. Erich Hörl (Medientechnik und Medienphilosophie) unterstützt.
Menschen haben sich, wie viele andere Tierarten auch, über die Jahrtausende hinweg zu sozialen Gemeinschaften zusammengeschlossen, um im Kollektiv ihre Überlebenschancen zu verbessern. Im Unterschied zu tierischen Gemeinschaften handeln Menschen jedoch nicht nach ihrem Instinkt, sondern gebrauchen ihren Intellekt. Diese in der Natur einzigartige Fähigkeit bringt dem Menschen viele Vorteile, wie das Vorstellungsvermögen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder dem Verständnis von Ursache und Folge. „Doch birgt der Intellekt auch Gefahren.“, warnt James Burton. „Erstens ist der Mensch durch ihn in der Lage, sich als Individuum zu sehen und als solches eigennützig zu handeln. Zweitens weiß der intelligente Mensch um seine Vergänglichkeit und will diese mit allen Mitteln hinauszögern.“
Fabulation
Um mit dem Wissen über die eigene Vergänglichkeit umgehen zu können, entwickelte der Mensch die Fabulation. Fabulation ist ein Konzept des französischen Philosophen Henri Bergson und meint die Fähigkeit zu fiktionalisieren, d.h. Dinge zu erfinden, auszudenken, zu erdichten, zu fantasieren. Burton erklärt: „Fabulation macht es möglich, sich Kräfte, Wesen und Ereignisse vorzustellen und an sie zu glauben. So kann der Mensch glauben, dass die Seele nach dem Tod weiterlebt, dass Geister einem helfen und einen vor Gefahren schützen und dass überirdische Kräfte diejenigen bestrafen, die anderen Menschen Leid zufügen.” Wenn sich Fabulation zu Mythen und Religionen mit Ritualen und Gesetzen verfestigt, entstehen geschlossene Einheiten. „Die unterschiedlichen geschlossenen Gesellschaften treffen heute immer häufiger aufeinander. Dann offenbart die Fabulation ihr zerstörerisches Potential: Sie richtet sich, während sie die eigene Gesellschaft begründet, gegen die äußeren Gesellschaften und versucht, sie zu zerstören.“, sagt Burton. So ist die Fabulation, die der Mensch als Heilmittel gegen seine grundlegenden Ängste entwickelte, Gift für die eigene Spezies.
James Burton, der Medientheorie und Cultural Studies am Goldsmiths-College der University of London lehrt, interessiert sich für die heutige Zeit und wie man mit der Gefahr der geschlossenen Gesellschaften, die sich gegenseitig bekämpfen, gegenwärtig umgeht. Denn hinzu kommt, dass der Mensch seinen Erfindungen durch Fabulation die Erfindungen des Intellekts zur Seite gestellt hat. „Der Intellekt ermöglicht technische Innovationen, während die Fabulation Fantasieschöpfungen hervorbringt. Diese beiden Fähigkeiten definieren den Menschen, stellen sein Überleben und seine Weiterentwicklung sicher, aber drohen auch die Menschheit teilweise oder gar vollständig zu zerstören. Industrialisierung, Technologisierung, Globalisierung – diese Entwicklungen verstärken das selbstzerstörerische Potenzial von geschlossenen Kollektiven noch um ein Vielfaches.“, vermutet Burton. Um das genauer zu erforschen, ist er an die RUB gekommen und möchte hier die Expertise von Erich Hörl nutzen, dessen Fachgebiet die medienwissenschaftliche Zeitdiagnostik ist.
Schiff aus Beton
Hörl und Burton erarbeiten derzeit ein Konzept für eine längerfristige und stetige Zusammenarbeit zwischen dem IfM und dem Centre for Cultural Studies des Goldsmiths. So ist Burton der erste von mehreren Wissenschaftlern aus London, die in Bochum forschen und lehren sollen. Die internationale Kooperation wird sich mit aktuellen Themen, wie medienökologischen Problemen und den Herausforderungen der Social Media und Big Data beschäftigen.
Doch James Burton ist nicht nur zum Forschen in Bochum, er nimmt auch seine neue genau Umwelt wahr: Beispielsweise erinnert er sich noch genau, wie er das erste Mal auf den Campus kam: „Ich lief auf der Südseite des Campus‘ in der Nähe der Mensa und blickte auf die Landschaft. Es fühlte sich an, als ob die Universität ein großes Schiff aus Beton ist, das über das Land gleitet. Ich erinnere mich oft an diesen seltsamen ersten Eindruck und ich mag diese ungleiche Mischung von Industrie und Natur.“
Tabea Steinhauer, Foto: Nelle | Themenübersicht

