RUBENS Nr. 155 - 1. November 2011
RUB » RUBENS » Ausgabe 155 » Artikel

Alle Sorgen einfach Weggelacht

Der erste afrikanische Student der RUB ist gestorben

Internationalität ist keine Erfindung unserer Zeit. Auch nicht an der RUB. Die Uni hat praktisch von Anfang junge Menschen aus aller Welt nach Bochum gelockt. 1965 hat sich Felix Maxwell Amanor-Boadu aus Ghana an der Fakultät für Philologie eingeschrieben. Er war der erste Afrikaner an der Ruhr-Universität. Im Mai ist er im Alter von 70 Jahren gestorben.

„Ein gewaltiger Baum im Wald der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Ein Mann von Stärke und Ausdauer, der mit einem in den Kampf zieht und einen nach Hause trägt, auch wenn seine Knie sich biegen. Ein Ehrenmann von ungewöhnlicher Souveränität und Bescheidenheit, der Güte und Wärme ausstrahlt“, schrieb die Nigerian Tribune in ihrem Nachruf auf den Germanisten Prof. Felix Maxwell Amanor-Boadu. Auch seine deutschen Weggefährten verbinden vor allem eines mit ihm: einen beeindruckend herzlichen Charakter. Max, wie ihn seine ehemaligen Kommilitonen nannten, stammte aus Otoase im Süden Ghanas. Er wuchs auf, während sein Heimatland den Weg in die Unabhängigkeit ging und Bildung der Schlüssel zu sozialem Aufstieg wurde. Max erhielt, als einer von Wenigen, ein Stipendium vom ghanaischen Staat, das ihm ein Studium in Deutschland ermöglichte. 1961 verließ er Ghana, um Ingenieurwesen in Süddeutschland zu studieren – so wie sein Vater, das Oberhaupt eines großen ghanaischen Clans, es vorsah.

Doppelte deutsche Liebe

Max hielt es aber nicht lange bei den Ingenieuren. „Seine Liebe galt der künstlerischen Darstellung der Wirklichkeit durch die deutsche Sprache“, erinnert sich Anne Pannenborg, Max‘ andere deutsche Liebe. Sie war sieben Jahre lang seine Freundin. Ein Germanistikstudium kam jedoch nur in der Nähe von Bonn in Frage. Max war auf die finanzielle Unterstützung seines Vaters angewiesen. Der jedoch bestand darauf, dass Max sich unter die Beobachtung eines Onkels stellte. Der Onkel war Botschafter in der damaligen Hauptstadt Bonn und so musste Max zwischen den Unis Bonn, Köln und Bochum wählen. Er entschied sich für die gerade neu gegründete RUB – auch, weil sie am weitesten von Bonn entfernt lag.

Max Amanor-Boadu studierte im Hauptfach Germanistik und Soziologie im Nebenfach. Gemeinsam mit Heinz Menge belegte er damals u.a. die Vorlesung „Grundzüge der modernen Literatur I: Jahrhundertwende“. An eine Anekdote aus dieser Veranstaltung erinnert sich Heinz Menge gut: „Wir behandelten den Autor Stanislaw Przybyszewski (gesprochen: Pschibischewski). Der Name war für Max furchtbar. Er musste immer grinsen, denn den konnte er überhaupt nicht aussprechen.“

Wie die Andersartigkeit von Max‘ Kultur und Mentalität den Alltag bereichert hat, davon kann auch Ulrich John, ein weiterer ehemaliger Kommilitone, berichten: „Viele unserer großen und kleinen Alltagsprobleme wusste Max mit seinem herzlichen und beruhigenden ‘afrikanischen‘ Lachen zu entspannen. Vor allem die politischen und sozialen Unruhen, die in jener Zeit im Umfeld der Unis ausbrachen, konnte er mit Hinweis auf die gravierenderen Problemen in Ghana relativieren.“ Auch Anne Pannenborg schwärmt noch von der Wirkung seines Lachen: „Wenn eine Situation so richtig schwierig und aussichtslos war, hat er sich hingesetzt und sich kaputtgelacht. Wenn ich ihn dann fassungslos gefragt habe, wie er da nur lachen kann, hat er geantwortet: Glaubst du, fluchen oder sich ärgern hilft? Und damit hatte er Recht.“

Gemeinsames Erinnern

1971 schrieb Max seine Magisterarbeit zu „Gefühl und Sozialkritik in der Literatur der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang“ und schloss sein Studium an der RUB erfolgreich ab. Da sein Vater zu dieser Zeit starb, kehrte er als neues Oberhaupt eines großen Clans zurück in die Nähe seiner Familie. Später kam Max noch einmal an die RUB. Er hatte ein Jahresstipendium erhalten und wollte in Bochum promovieren. Doch dieses Vorhaben scheiterte an der zu knapp bemessenen Zeit. Er wurde schließlich 1973 Professor an der von seinem Heimatort gut 400 km entfernten University of Ibadan in Nigeria und leitete dort die Sektion Deutsch. Im Kreise seiner Familie und seiner engsten Freunde erlag er am 30. Mai 2011 einem Krebsleiden.

Doch auch nach seinem Tod bewegt Max Amanor-Boadu das Leben seiner alten Weggefährten. Heinz Menge, Anne Pannenborg, Ulrich John und zwei weitere ehemalige Kommilitonen haben durch das Erinnern an Max wieder zueinandergefunden und ein Treffen vereinbart. Anne Pannenborg weiß heute sicher: „Ich verdanke ihm unheimlich viel.“

Tabea Steinhauer; Foto: privat | Themenübersicht