Kein Leuchtturm in Sicht
Rezension: Weiskirchs Nachlass
Dr. Rüdiger Stolzenburg arbeitet an der Uni Leipzig als Dozent für Theaterwissenschaft. Seit über 20 Jahren. Die Euphorie ist längst verflogen. Statt wie in den ersten Jahren in jedem Semester etwas Neues anzubieten, wiederholt er nur noch seinen Stoff. Statt seine Studenten zu fordern und zu fördern, ist er genervt von ihnen. Die einen leben seiner Ansicht nach nur vom Geld des Vaters, den anderen steht maximal eine Karriere als Taxifahrer offen. Taugen tun sie alle nichts, sie klauben im Internet ihre Hausarbeiten zusammen und wiederholen nur gerade erst Angelesenes, ohne es zu verstehen.
So denkt Stolzenburg an schlechten Tagen. An besseren Tagen beachtet der seit langem geschiedene und nur in kurzen Partnerschaften lebende Wissenschaftler zumindest die hübscheren Studentinnen wohlwollend – freilich ohne auf deren teils eindeutigen Angebote einzugehen, wie es ein Kollege zu tun pflegt. Der promovierte Kulturwissenschaftler hat Prinzipien: Gute Noten gibt es bei ihm nur gegen Leistung und nicht gegen Sex oder Geld oder sonstige Vergünstigungen.
Gleichwohl ist Stolzenburg bei seinen Studenten beliebt; die jeweils aktuelle Generation der Seminarbesucher weiß nicht (oder interessiert sich nicht dafür), dass er nur noch wiederholt. Aufgrund seiner Vorliebe für den chinesischen Philosophen wird der Dozent von seinen Studenten liebevoll „Konfuzius“ oder „Dr. Konfus“ genannt.
Da der 59-Jährige nur eine halbe Stelle und bis zu seiner nahen Pensionierung keine Aussicht auf eine volle Stelle hat, muss er gut mit seinem Geld haushalten. Und sich Nebenjobs suchen: Artikel schreiben, Vorträge halten usw. Zwar gibt Stolzenburg all das beim Finanzamt an, doch einige Jahre lang hat er den falschen Mehrwertsteuersatz zugrunde gelegt. Nun flattert ihm eine Nachforderung über elftausend Euro ins Haus. Geld, das er natürlich nicht (übrig) hat.
Zeitgleich werden ihm unbekannte Briefe des Kartografen und Mozart-Librettisten Friedrich Wilhelm Weiskirch angeboten, Stolzenburgs Steckenpferd. Er arbeitet seit sechs Jahren an der ersten Werkausgabe Weiskirchs. Das Problem: Die Briefe kosten 15.000 Euro. Während der Dozent einen Sponsor sucht, verdichtet sich der Verdacht, dass es sich bei den Briefen um Fälschungen handelt. Und auf einmal steckt Stolzenburg mitten in einem Kriminalfall.
Auch ohne diese spannende Episode ist der Roman „Weiskirchs Nachlass“ ungemein lesenswert. Autor Christoph Hein beleuchtet den Unibetrieb detailliert und kenntnisreich. Er zeigt einmal mehr, dass es vor allem Geisteswissenschaftler oft schwer haben, an Forschungsgelder zu kommen, wenn sie nicht gerade ein „Leuchtturmprojekt“ vorzuweisen haben. Weiskirch ist jedenfalls in den Augen der Drittmittelgeber kein Leuchtturmprojekt. Regelmäßig flattern Stolzenburg Ablehnungsschreiben von DFG & Co. ins Haus; auch das Institut, in dem er beschäftigt ist, steht vor dem Aus; der Institutsleiter ist drauf und dran, einen Ruf anzunehmen. Erstaunlicherweise verliert Rüdiger Stolzenburg trotz allem nicht komplett den Mut. Allerdings wird er eventuell einige seiner Prinzipien über Bord werfen.
Info: Christoph Hein: „Weiskirchs Nachlass“, Suhrkamp, Berlin 2011, 322 Seiten, 24,90 Euro
ad | Themenübersicht

